Michael Jackson - Earth Song
Es gibt Songs, die mich sofort berühren. Da ist noch kein einziges Wort gesungen – aber vor meinem inneren Auge entstehen schon ganz viele Bilder. So geht’s mir zum Beispiel beim „Earth Song“ von Michael Jackson.
Musik 1:
Natur als Spiegel der Seele
Ich höre die Geräusche der Natur, zarte Musik. Vor meinem inneren Auge seh ich: einen verzauberten Regenwald, grüne Pflanzen, exotische Tiere. Das Licht der Morgensonne bricht durch das dichte grüne Blätterdach. Ein Paradies!
Ich liebe diese Vorstellung – und wahrscheinlich holt mich der Song genau deshalb so ab: Ich liebe einfach Natur – sogar so sehr, dass ich meinen Arbeitsschwerpunkt dorthin verlagert habe. Als Outdoorseelsorgerin begleite ich Menschen in verschiedensten Lebenssituationen – und zwar draußen, während wir spazieren gehen. Da reden wir und schweigen auch mal. Vor allem aber lassen wir uns berühren von der Natur um uns herum. Dadurch geschieht oft etwas Besonderes: Die Natur wird zu einer Art Spiegel für tiefe Gefühle und verschüttete Gedanken – und so zu einer Art Begleiterin, die Impulse und Hinweise gibt.
Der abgebrochene Ast vermisst den Baum
Das geschieht zum Beispiel so: Ich erinnere mich an eine Frau, mit der ich mal unterwegs gewesen bin. Sie hat auf dem Weg einen kleinen abgebrochenen Ast gefunden. Sie hat ihn aufgehoben und gesagt: „Der arme Ast, der vermisst bestimmt den großen Baum, an den er eigentlich gehört.“ Die Hintergrundgeschichte der Frau war: Sie fühlte sich in dem Büro, in dem sie arbeitete, ausgegrenzt und gemobbt. Sie konnte das nicht so richtig in Worte fassen – aber über den abgebrochenen Ast konnte sie reden. Weil sie sich in ihm wiedergefunden hat. Sie hat sich von ihm berühren lassen. Das klingt vielleicht ungewohnt, aber: Dadurch wurde für sie etwas möglich, was ihr vorher schwergefallen ist: Die eigenen dunklen, belastenden Gefühle anschauen und über sie reden.
Wenn Fragen keine schnellen Antworten finden
Davor, als die Frau und ich gerade zum Seelsorgespaziergang aufgebrochen waren, hatte sie viele unsortierte Fragen. Diese Fragen mussten einfach mal raus, hatten gar keinen direkten Adressaten. Daran fühl ich mich erinnert, wenn ich die ersten Zeilen im „Earth Song“ höre, die Michael Jackson singt:
Musik 2:
What about sunrise?
What about rain?
What about all the things that you said we were to gain?
Was ist mit dem Sonnenaufgang?
Was ist mit dem Regen?
Was ist mit all den Dingen, die wir angeblich bekommen sollten?
Auch diese enttäuschte, traurige Stimmung kommt mir bekannt vor. Das klingt für mich wie: „Was soll denn nur werden? Eben noch war alles gut, und jetzt…“
Musik 3:
What about killing fields?
Is there a time?
What about all the things that you said was yours and mine?
Did you ever stop to notice all the blood we've shed?
Did you ever stop to notice this crying Earth, these weeping shores?
Was ist mit den Schlachtfeldern?
Gibt es eine Zeit?
Was ist mit all den Dingen, die angeblich dir und mir gehören?
Hast du je innegehalten, um zu bemerken, wieviel Blut wir schon vergossen haben?
Hast du je innegehalten, um zu bemerken: Diese Erde schreit und die Meeresküsten trauern.
Kriege, Blutvergießen, Schreie – da entstehen in meinem Kopf ganz andere Bilder als bei den Naturgeräuschen vom Anfang. Und auch die Fragen gehen weiter als eben, werden rausgezoomt aus meiner nächsten Umgebung hinaus auf die ganze Welt.
Mein erster Impuls ist: Das ist mir zu viel. Blut. Kriege. Will ich nicht hören, überfordert mich. Ganz ehrlich: Aus diesem Grund schaue ich seit ein paar Jahren kaum noch Nachrichten. Der Zustand der Welt belastet mich sehr – dafür fehlt mir manchmal einfach die Kraft.
Berührt werden statt wegschauen
Gleichzeitig kann und will ich mich der Welt nicht entziehen, ich bin ja ein Teil davon. Diese innere Zerrissenheit, die kommt auch im „Earth Song“ von Michael Jackson vor:
Musik 4:
I used to dream, I used to glance beyond the stars.
Now I don't know where we are although I know we've drifted far.
Früher habe ich geträumt, früher habe ich über die Sterne hinausgeschaut.
Jetzt weiß ich nicht mehr, wo wir sind, obwohl ich weiß, dass wir weit abgedriftet sind.
Ja, eine Zeitlang klappt das mit dem Wegträumen, Wegschauen. Manchmal braucht das mein Nervensystem, um sich zu erholen. Aber letztlich führt kein Weg daran vorbei: Das hier ist nun mal meine Welt – und damit auch meine Verantwortung.
Mir geht es wohl ähnlich wie der Frau beim Seelsorgespaziergang: Ich will eigentlich nicht, aber ich muss da jetzt hinschauen. Das, was für sie der kleine Ast gewesen ist, ist für mich dieser Song. Er berührt mich.
Musik 5:
Der Schrei der Erde fordert uns heraus
Ich höre es, das Weinen der Erde. Unser Planet leidet - vor allem an und durch uns Menschen. Auch schon 1995, als der „Earth Song“ rauskam. Seitdem hat sich erschreckend wenig geändert: Erst im letzten Frühling haben Klimaforschende einen Bericht veröffentlicht, in dem sie eindringlich warnen: Die Energiebilanz der Erde gerät immer mehr aus dem Gleichgewicht. Die Ozeane erwärmen sich immer schneller, Extremwetterereignisse auf der ganzen Welt nehmen zu: Der Zustand unserer Welt ist zum Heulen!
Der „Earth Song“ von Michael Jackson ist für mich aktueller denn je. Ich glaube: Das Schreien der Erde muss sogar noch lauter werden, damit es endlich gehört wird.
Musik 6:
Der Song schafft etwas, was Nachrichten oft nicht tun: Er berührt mich. Ich finde mich in ihm wieder. Ich spüre: Es geht tatsächlich um meine Welt, mein Leben.
So kann es nicht weitergehen!
Alles ist miteinander verbunden. Das hat auch der verstorbene Papst Franziskus immer wieder betont. Alles wirkt sich wechselseitig aufeinander aus. In seiner Enzyklika über die Bewahrung der Schöpfung, „Laudato si“, hat er gezeigt: Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit gehen Hand in Hand. Er sagt: „Der Schrei der Erde und der Schrei der Armen machen deutlich: So kann es nicht weitergehen!" (LS 160)
Musik 7:
Ah, hey! What about yesterday?
What about us?
What about the seas?
What about us?
The heavens are falling down!
What about us?
I can't even breathe!
What about us?
What about apathy?
What about us?
I need you!
What about us?
What about nature's worth?
It's our planet's womb!
Hey, wo ist die Welt von gestern -
(Was ist mit uns?)
Was ist mit den Ozeanen? -
(Was ist mit uns?)
Die Himmel stürzen über uns ein.
(Was ist mit uns?)
Ich kann nicht einmal mehr atmen!
(Was ist mit uns?)
Was ist mit der Gleichgültigkeit?
(Was ist mit uns?)
Ich brauche dich!
(Was ist mit uns?)
Was ist mit dem Wert der Natur? -
Sie ist doch der fruchtbare Schoß unseres Planeten!
Veränderung beginnt mit Mitgefühl
Ich höre den Schrei der Natur, von Mutter Erde. Und ich höre den Schrei ihrer Kinder, der Menschen. Sie rufen: „What about us? Was ist mit uns?“ Immer wieder singt der Gospelchor diesen Vers – und ich sing mit. Vielleicht auch, weil ich spüre: Ich gehöre dazu - zur rufenden, schreienden Menschheitsfamilie.
Als Christin glaube ich: Gott hat uns Menschen die Fürsorge über die Erde anvertraut. Sie kann ein wahres Paradies sein. Ich will, dass alle Menschen, auch die Generationen nach mir, die Chance haben, das zu erleben.
Ideen, wie wir gemeinsam etwas verändern können
Der „Earth Song“ von Michael Jackson bestärkt mich darin: Nicht, indem er mir sachlich globale Zusammenhänge vor Augen führt. Sondern, indem er mich berührt, den Schrei der Erde und der Menschen hörbar macht. Das rüttelt mich auf – und je länger ich hinhöre, desto stärker wird meine Motivation, jetzt etwas zu tun. Ich will mich mit Leuten umgeben, denen es ähnlich geht wie mir.
Ich hab schon einige Male die Erfahrung gemacht: Wenn ich anderen davon erzähle, wie sehr mich Ungerechtigkeit und die Zerstörung der Erde berühren, stimmen mir die meisten zu. Manchmal kommen wir dann auf kreative Ideen, wie wir gemeinsam etwas verändern können. So ist zum Beispiel die Idee entstanden, in unserer Pfarrei einen „Schenkeladen“ zu eröffnen. Da bringen Menschen Dinge hin, die sie nicht mehr brauchen, und andere, vor allem Geflüchtete und andere Bedürftige, nehmen sie wieder mit. Das ist gut für die Umwelt - und für die Menschen.