hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Westhelle, Maike

Eine Sendung von
Maike Westhelle,
Evangelische Pfarrerin, Studienleiterin, Hofgeismar

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Eine einzelne gelbe Blume wächst aus einem Riss im Asphalt. Die Blume steht auf einem grauen Untergrund und symbolisiert Hoffnung und Durchhaltevermögen in einer rauen Umgebung.

Löwenzahnkraft lässt hoffen

Da ist sie, die Straße – grau und glatt, irgendwie trostlos. Doch plötzlich wölbt sich der Asphalt, reißt auf – und grün wächst hindurch. Erst die Blätter, dann eine gelbe Löwenzahnblüte. Und es werden immer mehr. Was eben noch starr und unbewegt war, wird lebendig, bunt. 

Wenn aus Grau plötzlich Leben wird

So beginnt die Löwenzahn-Sendung, die viele aus der Kindheit kennen. Der Kontrast bleibt im Gedächtnis: das Grau, das rissig wird, das Grün, das sich Bahn bricht. Was für eine Kraft steckt in diesen kleinen Pflanzen! Für dieses Jahr ist die gelbe Pracht schon fast vorbei. Aber ich bin sicher: Es wird auch nächstes Jahr wieder viele dieser Blüten geben.

Warum berührt uns der Löwenzahn so sehr?

Als Kind habe ich den reifen Löwenzahn gepflückt und die Samen weggepustet. Pusteblumen machen Spaß! Hinterher gab es braune Flecken an den Händen, vom Milchsaft der Pflanze. Und wenn man daran geleckt hat, war es eklig bitter. Bitter sind auch die zarten Blätter des ganz jungen Löwenzahns. Inzwischen weiß ich das zu schätzen. Im Salat, feingehackt, geben sie eine würzige Note.

Diese Allerwelts-Pflanze ist also rundum nützlich. Wenn ich sie sehe, freue ich mich und denke daran, was sie alles kann. 

Ein Aufbruch mitten im Viertel?

Im übertragenen Sinn gibt es bei uns im Viertel jetzt einen Löwenzahn-Aufbruch: Ein lange leerstehender Laden, er hat kein Schild draußen dran, wird aber seit einigen Wochen zum lebendigen Treffpunkt. Plakate weisen darauf hin, was in nächster Zeit los ist: Mal gibt es abstrakte Kunst von Studierenden, dann eine Kleidertauschbörse oder eine Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt. Künstlerinnen, Aktivisten, Praktiker – eine bunte Mischung macht aus dem trostlosen Raum einen Ort der Begegnung. Zweimal war ich schon dort: einmal bei Bildern, abstrakte Kunst, die zum Träumen einlädt. Ein anderes Mal gab es Livemusik und viele blieben vor dem Laden stehen.

Wenn aus Kleinem etwas Großes wächst

In der Nachbarschaft ist der Laden jetzt oft Gesprächsthema. Eine Nachbarin hat ein signiertes Bild gekauft – „mein erstes echtes Kunstwerk“, betont sie immer wieder. Und der achtjährige Henry fährt stolz mit seinem selbst reparierten Rad durch die Gegend. Kleines wird groß. Eine Graswurzelbewegung entsteht hier. Das ist ein schöner Begriff für das, was hier wächst. Engagement von unten, das Farbe und Lebendigkeit verbreitet. Manches aus dem Laden schlägt Wurzeln in den Häusern und Straßen – ein bisschen so, wie die Samen des Löwenzahns sich weiterverbreiten.

Wenn Geschichte sichtbar wird

Ein ganz anderer Aufbruch kann derzeit in Fulda beobachtet werden. Dort ist etwas quasi über Nacht aus dem Boden gewachsen: Silhouetten von Menschen, lebensgroß. Sie sehen etwas aus der Zeit gefallen aus, die Kleidung weist auf den Anfang des 20. Jahrhunderts. Schaut man näher hin, entdeckt man auf der Rückseite die Namen und Informationen zu den Personen. Es handelt sich um ehemalige Fuldaer Bürgerinnen und Bürger. Die Abbildungen wurden aus Originalaufnahmen der 1920er und 30er Jahre erstellt. Hier stehen einem also echte Menschen aus vergangener Zeit lebensgroß vor Augen. 

Wer waren diese Menschen?

Eine von ihnen ist Dina Feldheim, auf ihrem Bild ist sie vielleicht Ende 40. Sie entstammt einer Fuldaer Dynastie. Einer ihrer Vorfahren kam bereits im 15.Jahrhundert als Arzt nach Fulda und gestaltete dort das Leben mit. Sich zu engagieren scheint Dina also in die Wiege gelegt zu sein. Neben ihrem häuslichen Familienunternehmen – vier Kinder, ein Mann – wirkte sie bei einer Theatergruppe mit und kümmerte sich um alte und pflegebedürftige Menschen der jüdischen Gemeinde. Als sie Ende Mai 1942 aus Fulda deportiert wurde, endet damit eine 500jährige Familiengeschichte. 

Erinnerung, die weiterlebt?

Die Nazis haben versucht, das jüdische Leben mit den Wurzeln rauszureißen. Aber die Initiative „Lebendige Spuren“ zeigt, wie stark und blühend das jüdische Leben in Fulda lange Zeit war. 12 ganz unterschiedliche Menschen wurden porträtiert. Ein Mädchen, deren Kindheit von Angst und Verfolgung geprägt war. Ein junger, talentierter Fußballer, der nicht mehr bei den deutschen Mannschaften mitspielen durfte. Und weitere Menschen mit ganz normalen Leben, Träumen und Hoffnungen. Das Leben der meisten von ihnen endete gewaltsam.

Was macht dieses Projekt so besonders?

Mich beeindruckt dieses Projekt vor allem wegen zwei Besonderheiten. Das ist zum einen der Fokus auf dem Leben dieser Fuldaer. Sie sind Menschen wie du und ich. Mit Familien, Hobbies, Berufen. An dieser Normalität wird deutlich, wie absurd die Ausgrenzung über eine Religionszugehörigkeit ist. „Lebendige Spuren“ betont nicht in erster Linie die Verfolgung, sondern die Verwurzelung im Leben der Stadt Fulda.

Vergangenheit, die aufblüht

Zum anderen beeindrucken mich die lebensgroßen Bilder. Von den meisten der Personen lag lediglich ein Portrait-Foto vor. Dank der Hilfe von Künstlicher Intelligenz wurden das Aussehen, die Farben, auch die Stoffe und Schnitte der Kleider möglichst originalgetreu rekonstruiert. Mit QR-Codes kann man an den Aufstellern noch mehr erfahren und die dargestellten Menschen auch in Bewegung sehen. Bunt und lebendig erscheinen die historischen Personen dadurch.

Für mich ist auch das ein Löwenzahn-Moment: Vergangenheit, die aufblüht.

Die Anfänge des Christentums

Religion muss nicht ausgrenzend wirken. Ganz im Gegenteil. 

Das Christentum war zu Beginn eine Gemeinschaft, in der alle willkommen waren. Auch eine besondere Graswurzelbewegung. Frauen und Männer, die von Jesus begeistert waren, trugen den christlichen Glauben in die Welt. Ohne die Unterstützung der Mächtigen hat er sich ausgebreitet und Wurzeln geschlagen. Vor allem die Lebensweise und der Umgang miteinander zog andere Menschen an. 

Ein neuartiges Miteinander

In den ersten christlichen Gemeinden saßen Arme und Reiche, Sklaven und Herren an einem Tisch. Das war absolut unüblich. Damals wie heute blieb man meistens unter sich. Aber die ersten Christinnen und Christen gestalteten das Leben in einer neuen Weise. Man teilte sich auch das Abendessen, jede und jeder brachte mit, was möglich war. Erst aß man sich satt, dann erinnerte man in einem kleinen Ritual an das letzte Abendmahl Jesu.

Warum war diese Gemeinschaft so anziehend?

Willkommen waren in dieser neuen Gemeinschaft auch alleinstehende oder verwitwete Frauen. Sie wurden ernst genommen und integriert – ein Novum in der damaligen Zeit. Dieses soziale Miteinander beeindruckte. Man sprach darüber, was bei den Christen möglich war. Menschen wollten gern dabei sein. Besonders die, die sonst ausgeschlossen waren. Frauen, Arme, entlaufene Sklaven. Weil dieses Leben überzeugend war, breitete sich die neue Religion aus. Sogar gegen den Widerstand des herrschenden Systems. Gegen die eingefahrenen Regeln – ein bisschen wie der Löwenzahn, der sogar stärker ist als der Asphalt. Dieses neue Miteinander entwickelte eine erstaunliche Kraft.

Ein Bild aus der Bibel: das Senfkorn

Die Bibel kennt keinen Löwenzahn und auch den Begriff der Graswurzelbewegung nicht. Aber sie hat ein eigenes, starkes Bild für das Phänomen. Das Bild vom Senfkorn: als Same ist es winzig, unscheinbar – und doch wird daraus ein großer Baum, in dem Vögel nisten können (Matthäus 13,31–32), ein Baum, der auch schwere Zeiten überdauert.

Die Lebendigen Spuren aus Fulda werden ab September zur Wander-Ausstellung. Sie ziehen weiter, wie die Samen des Löwenzahns. Und der Laden um die Ecke, der hat noch lange nicht ausgedient. Farben statt Grau – das ist eine Einladung, genau hinzuschauen. Und vielleicht selbst daran mitzuwirken, das Miteinander bunt und lebendig zu gestalten.