hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Pilz, Sebastian

Eine Sendung von
Sebastian Pilz,
Katholischer Referatsleiter Diakonische Pastoral / Seelsorge in besonderen gesellschaftlichen Herausforderungen, Fulda

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Ein Traktor bearbeitet ein Feld. Eine Person sitzt am Steuer und pflügt den Boden, während im Hintergrund Kisten stehen. Die Erde ist rot, und das Bild vermittelt eine landwirtschaftliche Atmosphäre.

Erntedank: Technik und Schöpfung im Sinne Franz von Assisi

Ein älterer roter Traktor steht einsatzbereit auf dem Acker. Er tuckert vor sich hin und mein Sohn Matthäus sitzt am Steuer. „Ich mach ihn an“, ruft er laut. Mit gleichmäßigen Drehbewegungen überträgt die gelbe Zapfwelle die Motorkraft des Traktors auf die angekuppelte Erntemaschine. Ein Knirschen, Rütteln und Klappern ist zu hören. Dazu drehen sich Förderbänder und Zahnräder. Alles ist miteinander verbunden. Mein Schwager läuft nervös um das Gerät herum: Funktioniert auch alles? Laufen die Zahnräder richtig? Dann gibt er meinem Sohn ein Zeichen. Matthäus fährt den Aufnehmer in die Erde und ruft laut: „Es geht los.“ Im Schneckentempo fährt der Traktor mit dem großen grünen Ungetüm los: Die Kartoffelernte beginnt.

Technik auf dem Acker

Das grüne Ungetüm, wie wir es liebevoll nennen, ist ein 57 Jahre alter Kartoffelvollernter, der im kleinen landwirtschaftlichen Betrieb meiner Familie noch immer seinen Dienst tut. Dazu braucht es viel handwerklichen Aufwand, aber er funktioniert: Die Kartoffelpflanze kommt über den Aufnehmer am Boden unten in die Maschine hinein. Die überflüssige Erde wird durch Förderbänder rausgerüttelt. Dann trennt im hinteren Teil eine Mechanik das Pflanzenkraut von der Kartoffel. 

Das Zusammenspiel von Technik und Handwerk

Das Kraut fällt wieder auf den Acker, während die Kartoffel über ein Heberad, wie mit einem Fahrstuhl, nach oben kommen. Dort am Förderband stehen zwei Personen, die überflüssige Steine herauslesen. Am Ende fällt die gelbe Kartoffel behutsam in einen großen Bunker, der von Zeit zu Zeit geleert wird. 

Natur und Technik: eine geordnete Verbindung

Mich fasziniert es jedes Jahr, wie das grüne Ungetüm seine Arbeit verrichtet, oder besser: wie es die Feldarbeit erleichtert. Das technische Gewimmel lässt mich, der sonst keinerlei Affinität zu so etwas hat, staunend zuschauen: wie die Zahnräder und Wellen ineinandergreifen, eine Art Konzert - eine Bewegung entsteht, und zwar in der gesamten Maschine und besonders dann, wenn die goldenen Erdäpfel wie in einem Riesenrad schon an der Seite sichtbar werden. 

Wenn ich am heutigen Erntedanksonntag im Gottesdienst sitze und auf die Kartoffeln zwischen all den anderen Gaben vor dem Altar schaue, denke ich an das grüne Ungetüm und die damit verbundene technische Ingenieurskunst. Beides fasziniert: die Natur und die Technik. 

Musik

Beim Blick auf die landwirtschaftliche Technik und die erntereife Natur fällt auf: Beide Vorgänge haben ihre Ordnung und hängen zusammen. In der Natur ist das der Weg vom Samen in der Erde über das erste Keimen bis hin zur großen Pflanze. Anders als beim Kartoffelvollernter gibt es kein großes Scheppern und Rütteln und doch: Alles steht miteinander in Verbindung. 

Das Leben von Franz von Assisi

Dieser Blick auf die Zusammenhänge und die dahinterliegende Ordnung ist für Theologen, spätestens seit dem Mittelalter, mit Gott verbunden. Viele Zeitgenossen im 12. und 13. Jahrhundert waren überzeugt: Hinter allem Geschaffenen muss es einen Schöpfergott geben. Einer dieser geistlichen Denker feiert heute sein 800-jähriges Jubiläum. Genau genommen war es schon gestern, denn: Am 3. Oktober 1226 starb Franz von Assisi. Auf den Mann aus Mittelitalien geht eine große und bekannte Ordensbewegung zurück: die Franziskaner. Für sein vielfältiges Wirken wurde er heiliggesprochen und sein Fest feiern katholische Gläubige heute am 4. Oktober.

Die Welt als große Familie in Franziskus’ Sonnengesang

Franziskus wurde als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers in Assisi geboren. Er wollte zunächst Ritter werden, doch nach einer erfolglosen Schlacht und langer Inhaftierung war es mit diesem Traum vorbei. Er zog sich zurück und begann, mit dem Vermögen seines Vaters kleine Kirchengebäude zu sanieren. Das führte schließlich zum Konflikt mit dem Vater. Bei einer öffentlichen Gerichtsverhandlung sagte er sich von seinem Elternhaus los und entschied sich bewusst für ein Leben in Armut außerhalb der Stadt. Er kümmerte sich um Arme und Kranke und begeisterte durch sein Lebenszeugnis viele Menschen. So entstanden die ersten franziskanischen Gemeinschaften.

Was mich fasziniert an Franz von Assisi, ist: Durch seine Armut wurde er frei und sah die Welt und die Schöpfung mit neuen Augen. Er verstand alle Geschöpfe als von Gott gewollt und damit auch auf ihn hin geordnet. Diese tiefe Verbindung von Natur, Mensch und Gott bringt er, kurz vor seinem Tod, in einem Lied zum Ausdruck. Der sogenannte Sonnengesang gilt bis heute als das älteste erhaltene Werk italienischer Literatur.

Hitze, Dürre und die Folgen für Mensch und Natur

In diesem Lied vergleicht Franz von Assisi die Elemente der Natur mit Familienmitgliedern. Die Sonne nennt er Schwester, den Wind und die Wolken Brüder. Ebenso sind Wasser und Feuer Geschwister und die Erde die Mutter. Selbst den eigenen Tod, den er im Krankenlager beim Verfassen des Liedes bereits vor Augen hat, bezeichnet er als seinen Bruder. Für ihn ist also klar: Alle natürlichen Elemente, genauso wie das menschliche Leben, sind in der Schöpfung tief miteinander und mit Gott verbunden. Damit macht er auch für heute deutlich: Wasser ist wie eine Schwester, die man sich nicht aussucht und die man auch nicht leugnen kann. Im Gegenteil - jeder Mensch braucht Wasser existenziell zum Leben und Überleben. Wie sehr das in diesem Sommer spürbar wurde, haben wir alle erlebt. 

Musik

Menschliche Schöpferkraft inmitten der Herausforderungen

Der Mensch ist existenziell mit der Natur verbunden. Das haben Hitze und Dürre der vergangenen Monate deutlich gezeigt. Ich selbst habe als Feuerwehrmann bei meinem ersten größeren Waldbrand in Rodenbach im Main-Kinzig-Kreis mitgeholfen. Es ist erschreckend, wie viel Wald zerstört wurde. Selbst jetzt ist der Boden unter der obersten Schicht noch staubtrocken. Wenn auf dem Feld das grüne Ungetüm – der Kartoffelvollernter – loslegt, sind alle Beteiligten eingehüllt in eine erdfarbene Staubwolke. Und auch die Menge und Qualität der geernteten Kartoffeln zeigen, dass dieses Jahr ein sehr trockenes war.

Dankbarkeit für die Gaben der Schöpfung

Wie in der Natur, so läuft auch in der technischen Ernte nicht immer alles rund. Nicht umsonst hat das 57 Jahre alte Gerät ja auch seinen Spitznamen „grünes Ungetüm“ bekommen: Wenn sich ein Stein zwischen einem Förderband verklemmt, muss der Erntevorgang gestoppt werden. Mein Schwager und mein Sohn suchen dann akribisch nach einer Lösung. Manchmal hilft alles Diskutieren und Probieren nichts: Dann wird das Werkzeug ausgepackt und solange geschraubt, bis die Maschine wieder läuft. Ich staune jedes Mal, wie sie mit Tatkraft und Sachverstand das grüne Ungetüm wieder zum Laufen bringen. Das ist wirklich faszinierend und im wahrsten Sinne schöpferisch. 

Erntedank als Ausdruck tiefer Verbundenheit mit Gott

Das Beispiel zeigt: Der Mensch kann durchaus auch ein Schöpfer im guten Sinn sein. Dann strahlt durch ihn Gottes Schöpferkraft hindurch. Das macht mir Mut: Ich kann als Mensch kreativ sein. Hitze und Dürre muss ich nicht tatenlos ertragen. Ich kann etwas tun und mich zum Beispiel für die Bewahrung der Schöpfung engagieren. 

Bei all dem merke ich aber auch, wie existenziell mein Leben mit der Schöpfung abhängt. Es ist also, im Bild von Franz von Assisi gesprochen, wie in einer Familie: Wenn ein Mitglied vertrocknet und dahinsiecht, dann leidet die ganze Familie. Zugleich macht dieses Bild der engen Verbundenheit im positiven Sinn auch noch etwas anderes deutlich: Ich kann mich einbringen und jemand anderes hat einen Nutzen davon. Das Gute hilft also der ganzen Familie. Und noch etwas entdecke ich: Trotz allem Engagements kann ich eben doch nicht alles beeinflussen. Ich bin in dieser familiären Verbundenheit angewiesen auf so viele Dinge, die ich ohne mein Zutun erhalte. 

Was bereichert Ihren Erntedanktisch?

Für diese kleinen und großen Gaben in meiner Umwelt bleibt nur schlicht und einfach aus tiefsten Herzen Danke zu sagen: Den Menschen, die mich im Einzelhandel mit lebenswichtigen Dingen versorgen. Den Bäuerinnen und Bauern, die tagtäglich die Felder bestellen. Den Transporteuren, die oft Lieferungen zu Randzeiten unbemerkt bringen. Und schließlich auch den Menschen in meinem ganz persönlichen Umfeld, wie zum Beispiel meiner Frau, die so leidenschaftlich gut für unsere Familie kocht. 

Hier scheint für mich als gläubiger Christ, genauso wie bei Franz von Assisi, immer auch Gott mit durch: Ihn lobe und preise ich mit anderen– das ist der Ursprung des heutigen Erntedank-Sonntags.

Was steht denn bei Ihnen heute auf dem Frühstückstisch? Im übertragenen Sinn könnte das auch eine Art Erntedanktisch sein. Für was sind Sie denn dankbar? Was auch immer es bei Ihnen sein mag, das Ihnen heute wichtig ist – nehmen Sie sich einen Moment, um dafür dankbar zu sein. Ich wünsche Ihnen von Herzen einen frohen Sonntag.