Generationskonflikt: Amy Macdonald - Youth of today
„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ - Dieser Satz stammt nicht etwa von einem wutentbrannten Rentner unserer Tage. Nein, er stammt von dem griechischen Philosophen Sokrates und ist über 2400 Jahre alt. Schon damals gab es Ärger mit der Jugend.
Der ewige Generationskonflikt: Alter und Jugend
Das ist heute auch noch so. Beim Stichwort „Jugend von heute“, da fallen mir schon auch ein paar negative Klischees ein: Jugendliche von heute, die trinken Alkohol, bis sie ins Koma fallen. Die mobben sich gegenseitig auf Facebook. Die treffen sich bei irgendwem zu Hause und hängen dann stundenlang an der PlayStation ab oder spielen am Computer Killerspiele. Das alles gibt’s, und Eltern wie Lehrer sind davon in der Regel nicht gerade begeistert. Komischerweise höre ich aber gelegentlich auch noch ganz andere Vorwürfe an junge Leute: Manchem Erwachsenen ist die Jugend von heute zu brav, zu angepasst oder auch zu unpolitisch. Egal, ob nun zu frech oder zu brav: Den Älteren scheint die Jugend oft suspekt zu sein. Und das nicht erst seit heute.
Was Sokrates verschweigt, obwohl es vermutlich auch zu seiner Zeit nicht anders war: Auch Jugendliche sind in einem gewissen Alter meist nicht sonderlich zufrieden mit ihren Eltern und Lehrkräften. Sie motzen und meckern über Regeln und Grenzen und über das vermeintliche Unrecht, das ihnen ständig widerfährt. Jugendliche haben eine Menge Gründe, sich über Erwachsene aufzuregen. Und machen oftmals keinen Hehl daraus. Wie oft hab ich das schon zu hören bekommen: „Papa, du hast keine Ahnung, halt dich da raus, lass mich in Ruhe, das verstehst du nicht.“ So ähnlich, nur noch ein bisschen brutaler, klingt das auch bei Amy Macdonald in ihrem Song "Youth of today", die „Jugend von heute“.
Musik
Maybe if you were some spearheaded guy
I would listen to what you have to say
But you´re just some incapable figure
Thinking you´re bigger than me, but you´re not
Yet you don´t know a thing about the youth of today
Stating your opinion making it ring in my head all day
(Vielleicht, wenn du einer vom Typ Anführer wärst,
würde ich mir anhören, was du zu sagen hast.
Aber du bist nur so eine unfähige Witzfigur.
Denkst, du bist größer als ich, aber das bist du nicht.
Du weißt eigentlich nichts über die heutige Jugend.
Du sonderst nur deine Meinung ab,
und die schwirrt mir den ganzen Tag im Kopf herum.)
Amy Macdonalds Jugend
Amy Macdonald, Singer-Songwriterin aus Schottland, war gerade mal 20, als sie mit ihrem Debüt-Album „This is the live“ völlig überraschend die Charts stürmte. Von diesem Album stammt das Stück „Youth of today“. Ein trotziges, zorniges Stück. Mit heftigen Vorwürfen: Du bist eine unfähige Witzfigur. Es lohnt sich nicht, dir zuzuhören. Du hältst dich für was Besseres, hast aber in Wirklichkeit überhaupt keine Ahnung.
Ich weiß gar nicht, wen Amy Macdonald da eigentlich anspricht: eine konkrete Person? Eltern, Großeltern oder ganz einfach einen Vertreter der älteren Generation? Ich fühle mich jedenfalls selbst ein bisschen angesprochen. Ich fühle mich zwar nicht unbedingt alt, aber aus der Sicht meiner Kinder, meiner Schüler, wohl auch aus der Perspektive von Amy Macdonald: Da gehöre ich doch schon eher zum alten Eisen. Amy Macdonald, die ist mit ihren Anfang 20 klar eine Vertreterin der jungen Generation. Also höre ich mir mal an, was sie mir zu sagen hat, auch wenn es ganz schön provozierend klingt.
Was will die Jugend?
Und typisch - denke ich sofort: Sie kann wunderbar sagen, was sie ablehnt, was sie nervt, was sie alles zum Kotzen findet ... . Aber: Was will Sie denn stattdessen? Ich bekomme nur gesagt: Du hast keine Ahnung! Vielleicht habe ich ja Glück, und sie hilft mir noch ein bisschen auf die Sprünge.
Musik
We are the youth of today
Change our hair in every way
We are the youth of today
We´ll say what we want to say
And we are the youth of today
Don´t care what you have to say at all
(Wir sind die Jugend von heute.
Verändern unsere Haare auf alle mögliche Weise.
Wir sind die Jugend von heute.
Wir sagen, was wir sagen wollen.
Und wir sind die Jugend von heute.
Es ist mir egal, was du zu sagen hast.)
Okay, Amy Macdonald, ihr seid die Jugend von heute. Und ihr seid anders als wir damals. Heute sind andere Klamotten angesagt als in meiner Jugend, andere Frisuren sind cool. Es ist das gute Recht der Jugend, sich äußerlich und innerlich abzugrenzen. Und es stimmt schon auch irgendwo: Ich weiß gar nicht so viel. Welche Musik hören Jugendliche, welche Sendungen schauen sie sich an? Was finden sie so toll daran, Freunde im Internet zu treffen? Ich weiß nicht so viel darüber, wie Jugendliche die Welt sehen und was sie wirklich wollen. Leider verrät Amy Macdonald mir darüber auch nicht allzu viel. Weiß sie es möglicherweise selber nicht so ganz genau?
Musik
And maybe if you had a true point of view
I would listen to you
But it´s just your one sided feelings
They keep getting in my way
And you don´t know a single thing about the youth of today
(Und vielleicht würde ich dir zuhören, wenn du einen echten Standpunkt hättest.
Aber da sind nur deine einseitigen Gefühle.
Die stehen mir dauernd im Weg.
Und du weißt eigentlich gar nichts über die heutige Jugend.)
Zuhören statt urteilen
Du weißt nichts von uns, und du willst auch gar nichts wissen – das scheint mir der stärkste Vorwurf zu sein. Da steckt die meiste Bitterkeit drin - in dem Gefühl: Du interessierst dich nicht für die Jugend, und du interessierst dich auch überhaupt nicht für mich. Und dann erklärt Amy Macdonald, selber genau das Gleiche zu machen, nämlich dem Erwachsenen nicht zuzuhören und auf seine Sicht der Dinge zu pfeifen. Aus der erlebten Kränkung heraus ist das gut nachvollziehbar. Aber: Wenn beide Seiten einander nicht zuhören, dann wird sich natürlich auch nichts verändern. Die Fronten werden sich verhärten. Und der Frust bleibt.
Eine Tür geht auf
Aus eigener Erfahrung weiß ich: Es kann ganz schön anstrengend sein, mit Heranwachsenden ein gutes, sinnvolles Gespräch zu führen. Aber es fühlt sich großartig an, wenn es gelingt. Ich hatte mal einen Schüler -17 oder 18 Jahre alt-, der hat eine ganze Stunde lang permanent den Unterricht gestört, auf Ermahnungen nicht reagiert. Am Ende war ich fix und fertig mit den Nerven. Nach der Stunde wollte ich ihm eigentlich so richtig die Leviten lesen. Stattdessen habe ich dann ein paarmal tief durchgeatmet und ihn unter vier Augen gefragt, was mit ihm los ist. Als er gemerkt hat: Die Frage war ernst gemeint - da entstand ein längeres Gespräch, und er erzählte mir von massiven Problemen zu Hause in seiner Familie. Was er mir da erzählt hat, hat mich erschüttert. Ich konnte sein Verhalten in der Schule auf einmal ganz gut nachvollziehen und habe es danach auch nie wieder als so schlimm empfunden, obwohl der Schüler auch später alles andere als brav und angepasst war.
Egal ob mit Schülern oder mit den eigenen Kindern - das Wichtigste für mich ist erst mal: Ich will den Kontakt suchen. Ich will eine Haltung der Demut einnehmen und mir selber sagen: Ich weiß vieles nicht, würde aber gerne etwas mehr verstehen. Die Versuchung ist immer groß zu denken: Ich weiß doch schon, was der Junge für ein Problem hat und was er braucht. Ich weiß doch genau, was gut für ihn ist. Damit bleibe ich aber immer nur bei mir und bei meinen Vermutungen. Und bin dann nicht wirklich offen für mein Gegenüber. Aber wenn ich mir demütig sage: Ich weiß nichts, möchte aber etwas erfahren – dann öffnet sich quasi eine Tür. Durch die kann der andere gehen, muss es aber nicht. Meiner Erfahrung nach reagieren Kinder und Jugendliche auf pädagogisch motiviertes Ausgefrage meistens ziemlich allergisch – auf ehrlich gemeintes Interesse hingegen oftmals ganz positiv.
Klare Standpunkte sind wichtig
Aber auch bei allem Verständnis - ich muss nicht immer alles gut finden, was die jüngere Generation so treibt. So wie ich Amy Macdonald verstehe, sucht sie ja gerade jemanden, der einen klaren Standpunkt vertritt. Also jemanden, mit dem man sich auseinandersetzen, an dem man sich inhaltlich reiben kann. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, das ist ziemlich anstrengend, für beide Seiten. Es kann aber zu einer echten Begegnung führen.
Musik
And you say: „My children weren´t the same
My children´s children they´re the ones to blame“
And you say: „In my day we were better behaved“
But it´s not your day no more
(Und du sagst: „Meine Kinder waren nicht so.
Aber die Kinder meiner Kinder, die sind übel.“
Und du sagst: „Zu meiner Zeit haben wir uns besser benommen.“
Aber deine Zeit ist längst vorbei.)
Was Amy Macdonald ihrem imaginären Gegenüber da als Zitat in den Mund legt, das klingt wie das Gemecker von alten Leuten aus der Oma- und Opa-Generation, die nur noch den Kopf über die Jugend von heute schütteln können. Nach dem Motto: Wir haben doch damals alles richtig gemacht. Wir haben unseren Kindern Anstand beigebracht. Aber heute: Sodom und Gomorra!
Wir waren auch mal jung
Solche wechselseitigen Verurteilungen entstehen, wenn Generationen sich völlig voneinander entfernen. Dagegen hilft nur Begegnung und Miteinander-Reden. Das setzt eine Bereitschaft auf beiden Seiten voraus. Über die Jugend zu schimpfen, bringt nichts. Den Alten zu sagen: Ihr könnt uns den Buckel runterrutschen -so wie Amy Macdonald es tut- das bringt auch nichts. Vielleicht hilft es schon ein wenig, wenn sich die Alten erinnern: Wir waren auch mal jung. Und wenn Jugendliche daran denken: Wir werden auch älter.
Wir sind alle Kinder Gottes
Aus christlicher Sicht sind wir übrigens alle irgendwie Junggebliebene: Kinder Gottes – so nennt die Bibel die Menschen allesamt, egal ob sie 20, 40 oder 80 Jahre alt sind. Und als Kinder Gottes sind wir alle gleich bedeutsam. Als Kinder Gottes können wir einander auf Augenhöhe begegnen – über die Generationsgrenzen hinweg. Generationenkonflikte gehören wohl dazu, weil die persönlichen Erfahrungen und der Blick auf das Leben doch einfach sehr verschieden sein können zwischen Jung und Alt. Und das Gefühl, von den anderen nicht verstanden oder nicht ernst genommen zu werden – das kann sowohl an jungen wie auch an älteren Menschen ganz schön nagen. Und Wut auslösen. Vielleicht muss solche Wut auch manchmal einfach raus – wie bei Amy Macdonald. Vielleicht muss es das auch manchmal geben: dass man sauer ist und sich gegenseitig anschreit. Aber danach wünsche ich mir dann doch noch etwas mehr: nämlich dass Ältere und Jüngere sich gegenseitig erzählen, was sie bewegt, und einander auch zuhören. Und dabei voneinander lernen. Amy Macdonald würde ich gerne sagen: Hey, du hast recht – ich weiß nicht viel von dir und deiner Generation. Ich bin vielleicht manchmal viel zu schnell mit meiner vorgefertigten Meinung und meinen Schubladen im Kopf. Aber wieso setzen wir uns nicht einfach mal auf einen Kaffee zusammen und du erzählst mir was – davon, wie du lebst und was für dich wichtig ist; davon, wie du deine Haare am liebsten trägst und wie du dir eine gute Zukunft vorstellst. Ich glaube, ich könnte viel dabei lernen.