hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1
Herok, Stefan

Eine Sendung von
Stefan Herok,
Katholischer Pastoralreferent i.R. in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden

Eine Silhouette geht auf den Himmel zu

Eric Clapton, „Tears in Heaven” Sommerreihe "Himmel"

Nicht sofort beim allerersten Ton, aber doch nach den ersten Picks und zwei, drei Akkorden im typischen Sound seiner Akustikgitarre, da weiß man: Oh, hier kommt der weltberühmteste PopGitarrist – nun vielleicht nach Jimmy Hendrix – und spielt die traurigschönste Ballade aller Zeiten! 

Ein Besuch im Himmel

Erik Clapton träumt sich zu Besuch in den Himmel und wie es wohl wäre, dort einem geliebten Menschen zu begegnen, den er offensichtlich schmerzlich vermisst... 

Ein Blick in seine Biografie zeigt, dass man hier wohl Anteil nehmen darf an der Trauer um seinen Sohn, Conor. Mit gerade mal vier Jahren stürzte er am 20. März 1991 in New York durch ein offenes Fenster aus der Wohnung des Freundes seiner Mutter in den Tod.

Ein schmaler Grat zwischen Gefühl und Vernunft

Der Schmerz dieses schlimmen Verlustes formt die großen Fragen auf dem schmalen Grat zwischen Gefühl und Vernunft. Die Sehnsucht, einander nahe zu sein, über alle Grenzen hinweg, auch über die allerletzte zwischen Leben und Tod, sie lässt Eric Clapton dem großen Schweigen sanfte, berührende Töne ablauschen. 

Von einer Zartheit, die den großen Aufschrei von Wut und Schmerz offensichtlich schon hinter sich gelassen hat. Fast wie ein Schlaflied, um das innere Gleichgewicht wieder zu finden. Er kommt auch nahezu ohne Mollakkorde aus. Und dazu diese helle Stimme, die der tiefen Trauer tatsächlich eine aufhellende Stimmung verleiht. 

Welcher Mensch kennt oder fürchtet nicht die Wucht und Tragik endgültiger Abschiede? Und darum kennt wohl auch jeder die Sehnsucht danach, wieder zur Ruhe zu kommen. Und darum kann sich, wie ich überall lese und höre, kaum jemand der großen Wirkung dieses Liedes entziehen. Ich auch nicht! Und dabei haben wir noch nicht einmal auf den Text geschaut, sondern sind noch ganz bei der ersten musikalischen Wirkung...

Beliebt bei allen Generationen

Der Song hat längst den klassischen Kirchenliedern auf Beerdigungen den Rang abgelaufen. Unterschiedlichste Generationen, die sonst gerade musikalisch gar nichts verbindet, haben das Lied in ihrer "seelischen Hausapotheke" auf dem MP3-Player. Mir erzählt es eine Menge über den Himmel. Und darum freue ich mich, mit diesem Lied unsere diesjährige Sinnsuche-Sommerreihe beschließen zu können.

Gibt es einen Himmel und ein Leben nach dem Tod?

Ob es den Himmel und damit ein Leben nach dem Tod überhaupt gibt, die Frage begegnet mir als Theologen natürlich häufig! Aber eigentlich mehr in den theoretischen Diskussionen. In Gesprächen mit Menschen, die wunderbar fest im Diesseits verwurzelt sind und deren Glaube an das Leben noch von nichts erschüttert wurde. Da ist der Himmel natürlich sehr weit weg.

Wenn dann die Schicksalsschläge kommen, dann taucht in den Gesprächen zwar durchaus heftig die Frage nach Gott auf: Gibt es ihn überhaupt? Oder: Wie kann er sowas zulassen? Die Frage nach dem Himmel aber und nach einem Leben jenseits der Todesgrenze, die stellen mir existenziell erschütterte Menschen selten. 

Sie scheinen gerade in Schmerz und Trauer besonders darauf angewiesen, ihre Lieben an einem neuen Ort und in einem neuen Leben zu wissen. Es wundert mich darum nicht, dass deutlich mehr Menschen an den Himmel glauben als an Gott. Und ich verstehe gut: Wer großen Schmerz bewältigen muss, der hat keine Kraft, sich tiefer mit dem logischen Widerspruch, Himmel ja, Gott nein, zu beschäftigen…

Und da finde ich es wunderbar, dass Lieder, wie "Tears in Heaven", diese Themen aufgreifen. Gerade auch in ihrem Charakter, mehr zu Herzen zu gehen, als den Verstand zu bedienen.

Begegnen wir uns wieder?

Eric Clapton nimmt uns mit in eine weniger typische Fragewelt. Die meisten Menschen, die mich an ihren Himmelsüberlegungen teilnehmen lassen, die fragen danach, ob und wie wir nach unserem eigenen Tod unseren Lieben werden wiederbegegnen können.

Bewusst oder intuitiv greift Clapton, mit seinen Worten wie als Musiker, ein lyrisches Motiv auf, das man schon aus der griechischen Mythologie kennt: Der Sänger Orpheus hat eine so betörende Stimme, dass er selbst Felsen zu Tränen rühren konnte. Darum erlauben ihm die angerührten Götter sogar, als Lebender seiner verstorbenen Geliebten Eurydike in das Totenreich zu folgen. 

Anders als Orpheus hegt Clapton allerdings nicht die Hoffnung, seinen Verstorbenen durch seinen Gesang zurückholen zu können. Aber anrührend singen, sozusagen zum „Steinerweichen“, das kann er auch und bewegt darum so viele Mensch mit seinem Lied.

Er begnügt sich damit, den geliebten Menschen im Himmel zu sehen und ihn dort wie in einer Vision zu besuchen. Er bleibt sich dabei klar, dass er selbst an diesem Ort fremd ist und bleibt. Er darf sozusagen einmal kurz "durch das Tor", "über den Zaun" in den Himmel schauen. 

Und er fragt sich, ob der geliebte Mensch und er einander durch diesen Abstand, durch die getrennten, jenseitigen Welten fremd geworden sind: Würdest du meinen Namen noch kennen? Wäre es wie früher, wenn wir uns im Himmel begegneten? Er weiß keine Antwort, aber er spürt: Er braucht viel Kraft für diese "virtuelle Begegnung" und für seinen Weg, den er ohne den geliebten Menschen weitergehen muss. Denn er gehört noch zur Welt und nicht in den Himmel...

Vertauschte Rollen

In der zweiten Strophe findet die himmlische Annäherung an den fern und fremd bleibenden Verstorbenen eine ganz besondere Wendung, stellt weltliche Erfahrung auf den Kopf: Normalerweise hält der Erwachsene die Hand des Kindes und gibt ihm damit Schutz und Geborgenheit. 

Normalerweise hilft der Vater dem Kind beim Gehen- und Stehenlernen. Aber jetzt, wo das Kind im Himmel und der Vater mit seinem Schmerz auf der Erde ist, da vertauschen sich die Rollen. So fragt der Vater jetzt sein Kind: Hältst du meine Hand? Hilfst du mir Stehen? Damit ich meine einsamen Nächte und schmerzlichen Tage "überstehen" kann, denn ich kann ja nicht hierbleiben, im Himmel...

Die Trauer zehrt an meinen Kräften, aber der Betrauerte im Himmel schenkt mir Kraft. Ist das nicht eine wundervolle Aussage?

Brückenmoment

Jetzt kommt eine textliche wie musikalische Brücke. Wieder stellt der Besuch im Himmel irdische Erfahrung auf den Kopf: Wir sagen doch eher: Die Zeit heilt alle Wunden und mit der Zeit vergeht der Schmerz. 

Wir spüren aber auch oft, wie solche Worte, als Trost gemeint, viel zu kurz greifen. Es nützt uns in unserem Schmerz meistens nichts, wenn uns jemand verspricht, dass das mit der Zeit nachlässt... Darum Eric Clapton: "Die Zeit kann dich fertigmachen, lässt dich in die Knie gehen. Zeit kann dir das Herz brechen, lässt dich wimmern und betteln... jämmerlich bitten." 

Dann nimmt er einen ganz langen und musikalisch wunderschönen Anlauf, um sich gegen diesen Jammer der Verheißung und der Sehnsucht anzuvertrauen, dass jenseits der "HimmelsTür" bestimmt Frieden herrsche und alle Tränen aufhören. Mit Sicherheit für den, der dort endgültig angekommen ist, vielleicht aber auch für ihn, dessen "Welt" jetzt noch so tränenvoll ist mit Unfrieden und Schmerz.

Dieser Brückenmoment zwischen hier und dort, im Text und in der Musik, gibt dem ganzen Lied seine Wahrheit, Tiefe und Spannung: Über dem Lied steht ja "Tears in Heaven". Es sind die Tränen, die der Besucher, der kurz "durch die Tür" in den Himmel schauen darf, mitbringt, aber auch wieder mitnehmen muss, zurück in sein Leben. Im Lied steht aber: "no more tears in heaven", endlich keine Tränen mehr…

Tröstlich

Die besonders tröstliche Kraft dieses Liedes liegt für mich darin, mit ihm den Schmerz der Verlassenheit zu überschreiten. Viele Trauernde spüren nur die große Leere, das Loch, das der Verlust hinterlassen hat. Sie kreisen um die Vergangenheit mit dem Verstorbenen. Weil die Zeit mit ihm doch so schön war und die Erinnerungen so stark sind, darum natürlich jetzt der große Schmerz. 

Eric Claptons Weg der Trauerarbeit macht den Schmerz nicht unbedingt kleiner. Und doch verwandelt sie ihn, indem er sich der Zukunft seines Verstorbenen zuwendet. Und auch wenn er mit seinem Besuch bei seinem Kind im Himmel die Distanz zwischen Diesseits und Jenseits nicht voll überbrücken kann, so schenkt ihm die "virtuelle Begegnung" doch Kraft, und sie stützt ihn, und sie wird sich auch auf seine Tränen auswirken... 

Stark finde ich auch, dass dieser Himmelstraum und diese Sehnsucht, einander nahe zu sein, Eric Clapton nicht selbst zur Todessehnsucht verführt. Das begegnet mir sonst bei vielen Trauernden. Ihn bestärkt es - und das macht das Lied am Ende jeder Strophe neu deutlich - ins Leben zurückzukehren! 

Aber weil er auch erfahren hat, dass Trauer ein unter Umständen langer und wellenförmig immer wieder aufflackernder Prozess ist, darum endet das Lied eigentlich gar nicht, sondern beginnt als letzte Strophe wieder mit der ersten...

Aber ohne große Tragik. 

Und Orpheus-Eric rührt mich an in meiner eigenen Geschichte von Schmerz und Trauer. Aber mit seinem tröstlichen Gesang lässt er mich gleichzeitig ein Stück der inneren Ruhe wiederfinden. Was für ein starkes Zeugnis für die Kraft des Himmels!