Udo Lindenberg, „Horizont“ - Sommerreihe "Himmel"
Wir warn zwei Detektive, die Hüte tief im Gesicht,
alle Straßen endlos, Barrikaden gab's für uns doch nicht.
Du und ich, das war einfach unschlagbar, ein Paar wie Blitz und Donner
und immer nur auf brennend heißer Spur.
Wir warn so richtige Freunde für die Ewigkeit, das war doch klar.
Haben die Wolken nicht gesehen am Horizont, bis es dunkel war.
Und dann war's passiert, hab 's nicht kapiert, ging alles viel zu schnell.
Doch Zwei wie wir, die dürfen sich nie verlieren.
Ein einschneidender Tod
Eigentlich ist der Himmel weit weg. Doch manchmal kommt er ganz nah, manchmal braucht man ihn. Udo Lindenberg brauchte ihn, als seine langjährige Begleiterin und Freundin Gaby Blitz starb. Ende der Siebziger war sie zu Udo Lindenbergs Crew dazugekommen.
Ein Multitalent. Sie umsorgte den Sänger wie einen Sohn, Freund oder Bruder. In ihrer Nähe fühlte er sich stark. Sie gab ihm Energie und Sicherheit. Ihr Tod an einer Überdosis Drogen 1986 war für ihn schockierend, ein Endpunkt. Das durfte nicht sein. Sie war ihm ans Herz gewachsen, war mit ihm zusammen gewachsen.
Gute Freunde finden ist nicht einfach
Wirklich gute Freundinnen und Freunde zu finden, ist nicht einfach. Richtige Freunde gibt es nicht viele. Richtige Freunde sind wichtig. Sie führen einen durchs Leben. Sie geben einem Halt. Sie sind Anker. Sie machen das Leben schön - und sie machen das Leben auch schwer.
Denn man wird angreifbar, verletzlich, besonders dann, wenn man diese Freunde oder diese Freundin verliert. Das ist die Ausgangslage, die Udo Lindenberg in seinem Lied beschreibt. Aber er hat trotzig eine Hoffnung parat. Was nicht sein kann, darf nicht sein: Es geht weiter, und wenn nicht hier, dann eben hinterm Horizont.
Hinterm Horizont geht's weiter, ein neuer Tag,
hinterm Horizont immer weiter, zusammen sind wir stark.
Das mit uns ging so tief rein, das kann nie zu Ende sein.
Sowas Großes geht nicht einfach so vorbei.
...da da da…
Du und ich das war einfach unschlagbar, ein Paar wie Blitz und Donner.
Zwei wie wir, die können sich nie verlieren.
Liebe geht nicht vorbei
„Hinterm Horizont geht’s weiter“: Ich muss dabei auch an Momente am Meer denken. Am Strand sitzen, weit hinaus schauen auf das endlos weite Meer - das ist eine meiner liebsten Beschäftigungen. Sanfte Wellen, blauer Himmel, plötzlich ein Schiff aus dem Nichts, aufgetaucht am Horizont.
Mir ist ganz klar: Dort hinten geht es weiter, eine neue Welt, "ein neuer Tag", wie Udo singt. Mir machen solche Stranderlebnisse auch klar: Es muss wirklich zutreffen, was Udo Lindenberg beschwört: Liebe, "so etwas Großes, geht nicht einfach vorbei".
Nur ein Traum?
Das ist wahr, wirklich wahr? Oder nur einen Wunsch, ein Traum? Klar, unter dem Schock des Todes eines geliebten Menschen darf man träumen, so wie es Udo Lindenberg tut. Das wird jeder wohlmeinende Mensch bestätigen. Aber ich höre auch Leute sagen: Dann sollte der Alltag wieder beginnen, nach der Zeit einer berechtigten Trauer der Realitätssinn einsetzen.
Der geliebte Mensch ist eben nicht mehr da. Hinterm Horizont geht es nicht weiter. Hier auf Erden geht es weiter. Da habe ich Freunde und Freundinnen, denen sollte ich mich widmen, mit denen meine Zeit verbringen. Der Song von Lindenberg führt doch dazu, das wahre Leben zu vergessen.
Das Hoffen gehört dazu
Ich meine: Das stimmt nicht. Zu meinem Leben gehören das Träumen, das Hoffen: "Hinterm Horizont geht es weiter." Für mich ist ein Leben ohne diesen Horizont nicht möglich. Für mich ist ein Leben, das nur auf den Augenblick gerichtet ist und die Weite, den Horizont ausschließt, beunruhigend. Ich kann nur beim Blick in die Weite Nähe genießen.
Ganz besonders gilt das dann, wenn ich einen Menschen liebe. Natürlich lebt die Liebe vom Augenblick. Sicher ist die gerade gespürte Nähe eines Menschen für mich beglückend. Doch dann, wenn ich fürchten muss, dass dieser liebe Mensch plötzlich nicht mehr da sein sollte, bekomme ich Angst. Die Liebe kommt einen faden Beigeschmack.
Für Udo Lindenberg war Gaby Blitz so eine Liebe. Sie gab seinem Leben Farbe und Coolness. Sie war für ihn eine Kraft: faszinierend, belebend, in ihrer Art unersetzbar. Eben: "wie Blitz und Donner". Und das alles sollte plötzlich weg sein? Diese Kraft sollte nicht mehr da sein? Ich finde es legitim, wenn man sich diese Kraft erhält, so in dem Wunsch, den lieben Menschen wiedersehen zu können.
Ich gebe dir recht, Udo:
Hinterm Horizont geht's weiter, ein neuer Tag,
hinterm Horizont immer weiter, zusammen sind wir stark.
Das mit uns ging so tief rein, das kann nie zu Ende sein.
Sowas Großes geht nicht einfach so vorbei.
...da da da…
Du und ich das war einfach unschlagbar, ein Paar wie Blitz und Donner.
Zwei wie wir, die können sich nie verlieren.
Ein sensibler Künstler
Udo Lindenberg ist meines Wissens kein bekennender Protestant oder Katholik. In jedem Fall ein sensibler Künstler. In vielen seiner Balladen finde ich mich mit meinen Gefühlen wieder. So auch in diesen Zeilen: "Das mit uns ging so tief rein, das kann nie zu Ende sein. Sowas Großes geht nicht einfach vorbei... zwei wie wir, die können sich nie verlieren".
Dieser Traum, dass das Leben zum Guten führt. Diese Hoffnung, dass es hinterm Horizont weitergeht, dass ich mich dort wohlfühle, aufgehoben in einer personalen Liebe: Das ist auch eine christliche Hoffnung.
Jesus' Hoffnung nach ewiger Liebe
Jesus hat zwar keine Balladen geschrieben, aber in seinen Predigten und Gleichnissen beschreibt er diese Hoffnung nach ewiger Liebe. Seine Worte treffen mich, wie die von Udo Lindenberg. Jesus drückt ebenso meine Gefühle aus und bestätigt meine Träume. Das macht ihn für mich wertvoll und wichtig.
Jesus fühlt sich in Liebe aufgehoben. Er nennt sie die Liebe zu seinem Vater. Diesem Vater vertraut er. Die religiösen Führer damals beschuldigen ihn deshalb der Gotteslästerung. Die meisten seiner Freundinnen und Freunde haben ihn aus Angst verlassen. Er vertraut dennoch der Liebe zu seinem Vater.
Mit dieser Liebe zu seinem Vater kann er diese Welt deuten. Kann er Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit verstehen, ja manchmal beseitigen. Diese Liebesbeziehung lässt er sich nicht nehmen. Diese Liebe führt bei ihm zu einem neuen Leben, zu einem neuen Tag, in eine neue Welt. Als Auferstehung erleben und bezeugen es seine Freunde und Freundinnen.
Die Hoffnung auf Liebe gehört zu uns Menschen
Die Liebe zu Gott, die Liebe zu anderen Menschen: Das ist es auch bei mir, was nach dem neuen Tag, einem Himmel verlangt. Es ist nicht ein philosophisches oder theoretisches Reden über Menschenliebe oder Gottesliebe.
Es sind nicht die scheinbar vernünftigen Gottesbeweise, auch nicht die eindringlichen Mahnungen der katholischen und evangelischen Kirche zu einem gottgefälligen Lebenswandel, nicht einmal ihre gut gemeinten Angebote für eine Sinndeutung der Welt.
Mich überzeugen die Erfahrung und Wünsche nach Liebe, die Udo Lindenberg so beschreibt: "Das ... ging so tief rein, das kann nie zu Ende sein. So etwas Großes geht nicht einfach vorbei". Der Wunsch, Liebe auf Dauer zu erleben, gehört ganz wesentlich auch zu mir, zu meinem Selbstverständnis.
Ich vermute sogar, es gehört auch zum Wesen jedes Menschen, so, wie das Atmen, wie das Laufen und Sprechen. Deshalb darf dieser Wunsch am Ende nicht enttäuscht werden. Für mich wäre der Mensch sonst eine Fehlkonstruktion, wie ein Mensch, dem das Atmen verboten wird.
Ja, weil ich glaube, dass die Hoffnung auf dauernde Liebe und unendliche Geborgenheit zum Menschen gehört, spricht mir Udo so aus dem Herzen:
Hinterm Horizont geht's weiter, ein neuer Tag,
hinterm Horizont immer weiter, zusammen sind wir stark.
Das mit uns ging so tief rein, das kann nie zu Ende sein.
Denn Zwei wie wir, die können sich nie verlieren.
Hinterm Horizont geht's weiter..die da..da