Chris Rea: “The road to hell”
„Lass das, sonst kommst du in die Hölle!“
Frühere Generationen haben ihre Kinder mit religiösen Strafszenarien erzieherisch unter Druck gesetzt. Eltern hatten Angst um ihre Sprösslinge und offensichtlich wenig Vertrauen in ihre eigene Autorität. Darum traten sie heftig auf und pflanzten ihrem Nachwuchs höhere Aufseher in Hirn und Herz, die auch dort die Kontrolle sichern sollten, wo der elterliche Arm nicht hinkam. In milderer Form habe auch ich bei meiner Mutter diesen Zug noch zu spüren bekommen. Diese Mischung aus Sorge und Ohnmacht! Damit ich, ihr halbwüchsiger Sohn, in wilden Zeiten damals moralisch nicht „unter die Räder“ komme., Und ob sie mich noch erreichen kann, mit ihren Wert- und Weltbildern?
Im Popsong, den ich heute mit Ihnen anhören will, passiert etwas Ähnliches…
Musik I: Anfang, Gitarrenriff und Mundharmonika bis „Stood still on a higway I saw a woman“ (0,00 min. / 0,00 – 0,20)
Chris Rea und der „Highway of Life“
Die ersten Sekunden klingen wie ein Zitat von „Spiel mir das Lied vom Tod“. Darauf werde ich noch zurückkommen. Doch dann erzählt die brüchige Stimme von Chris Rea sein Déjà-vu von Mutter und Moral und „unter die Räder kommen“ auf dem „Highway of Life“.
„Highway“, in dem Wort klingt für mich - viel mehr als in unserer „Autobahn“ - etwas mit von den „Hoch-mut-Straßen“ des Lebens…
Und damit präsentieren wir Ihnen heute in unserer Sommerreihe einen „Unterwegs-Song“, der mit den Bewegungsbildern vom Autofahren, vom Fluss und vom Spazieren unter Straßenlaternen nicht von dieser oder jener Reise erzählt, sondern auf existenziellste Weise vom Leben selbst. Und zwar höchst kritisch. Aber ich greife vor…
Chris Rea hat sein Lied „The Road To Hell“ in zwei Teile geteilt. Oft wird nur die fetzigere zweite Hälfte gespielt. Ich beziehe mich aber auf beide. Er hat es 1989 veröffentlicht und spielt es seit 2008 in einer aktuellen Version.
Und weil ich nicht weiß, wie gut Sie sind im spontanen Entschlüsseln englischer PopLyrik im ultimativen Chris-Rea-Jargon, darum habe ich eine sprachlich freie Übersetzung unterlegt…
Musik II: (1,30 min / 0,14 – 1,46)
Ich halte an auf meiner Autobahn
als eine Frau am Straßenrand auftaucht/erscheint.
Ihr Gesicht, das ich wie mein eigenes kenne,
spiegelte sich in der Scheibe.
Sie kommt zu meinem Ausstellfenster
und beugt sich ganz langsam herunter.
Mir stockt der Atem voll dunkler Ahnung.
Sie sagte: "Mein Junge, was tust du hier?
Meine Sorge um dich lässt mich im Grab rotieren!"
Ich antwortete: "Mama, ich bin jetzt ganz oben angekommen!
Voll im Geschäft!“
Sie darauf: "Junge, das ist der Weg zur Hölle!
Auf deiner Reise durchs raue Leben
zwischen dem Nichts und dem Wohlstand
hast du dich verirrt, bist abgerutscht auf den Weg des Verderbens!" (Musik-Ende!)
„The Road to Hell“ und der Verkauf der eigenen Seele
„Mama, ich bin ganz oben angekommen, voll im Geschäft!“ Für mich eine erste Schlüsselstelle.
Im Original: „Mama, I come to the valley of the rich, myself to sell“. Weil in unserer Sprache das “Tal / valley” aber eher negative Bilder auslöst, wie „Talsohle“ und “ganz, ganz unten”, darum möchte ich seine gefühlte Bewegung auf dem Highway mit „ganz oben angekommen“ übersetzen. „Myself to sell“ heißt natürlich: „um mich selbst zu verkaufen“. Er verkauft also offensichtlich nicht nur seine Arbeitskraft. Aber in unserer Sprache und Mentalität würde keiner so schnell offen ausdrücken, dass er, um in der obersten Liga von Macht und Wohlstand mitzuspielen, seinen Körper prostituiert oder seine Seele verkauft oder beides. Darum in meiner freien Übersetzung so lapidar wie stolz: „Ich bin voll im Geschäft!“ Das meint letztlich auch „ganz und gar“, „mit Haut und Haar“ und „Leib und Seele“, „Tag und Nacht“. Das meint auch: „ohne Rücksicht auf Verluste“ und „zur Not über Leichen“, selbst wenn’s im „Burn-out-Herzinfarkt“ am Ende die eigene ist. Chris Rea gelingt es hier, mit wenigen Momenten von Lyrik und Musik die existenzielle ethische Frage nach den Dimensionen menschlicher Arbeit anzureißen. Und ohne es konkretisieren zu müssen, zwischen Waffenexporten und überhitzten Börsengeschäften, taucht hier für mich ein aktualisiertes „Faust-Motiv“ auf: der Mensch, der seine Seele dem Teufel verkauft, „Junge, das ist die Straße zur Hölle!“ So spielen wir mit unserer Art zu leben und zu arbeiten „das Lied vom Tod“.
Die Mutter als innere Stimme des Gewissens
Das Ganze dargestellt als mystische Begegnung im Unterbewusstsein, als Traumbild, das Wirkung zeigt. Zunächst eindrucksvoll instrumental präsentiert mit den berühmten Gitarrenriffs im Chris-Rea-Slidestil der gleitenden Tonfolgen. Am Ende des ersten Teils umrahmen sie die Wiederholung des Textmotivs: „das ist der Weg zur Hölle“.
Die imaginäre Begegnung mit der mütterlichen Sorge bremst den Jungen auf seinem Tripp. Stoppt ihn in seinem „Höhenflug“ auf dem vermeintlichen Highway zum Glück und öffnet ihm die Augen.
Die Begegnung zeigt Wirkung. In vorwärtsdrängenden 4er Beats der Drums kommt Bewegung in die Geschichte.
Musik III: (ab 2,15‘ bis 3,08‘)
Umweltzerstörung und gesellschaftliche Krisen im Song
Eine Melodie zwischen Aufbruch und Melancholie illustriert, wie ihm nun deutlich wird, dass das, was er auf seiner „Überholspur“ bisher für positive Bewegung hielt, eigentlich Stillstand ist und größte Gefahr. Es ist eben „the road to hell“, der Weg ins Verderben. Chris Rea wechselt dabei locker die Bildebenen: Von der Autobahn, an einen Fluss, dann unter Straßenlaternen und wieder zurück. Wir sollen ja spüren, dass es nicht um irgendeine Tour geht, sondern fundamental um die Lebensreise…
Musik IV: (ab 3,08‘ bis 5,12‘)
Dann sehe ich mich am Ufer eines Flusses.
Aber das Wasser fließt nicht.
Es brodelt, eine Giftbrühe ohnegleichen.
Und ich sehe mich unter den Straßenlaternen,
aber das vertraute Licht der Freude von früher
verkriecht sich verschreckt in den Schatten.
Und eine ungemeine Angst vor Gewalt
erstickt das Lächeln auf jedem Gesicht.
Der gesunde Menschenverstand schlägt lautstark Alarm:
das alles hier ist kein harmloser technischer Defekt,
oh nein, es ist der Weg ins Verderben!
„The Road to Hell“ als Gesellschaftskritik
So poetisch wie politisch skizziert Chris Rea mit knappen Worten und eindringlicher Musik unseren Alltag als Weg ins Verderben. Wobei z.B. „Giftbrühe“ gleichzeitig „Umwelt-“ wie „Innenweltzerstörung“ meinen kann. Und die sein Lied interpretierende Internetgemeinde bringt mit „The Road To Hell“ noch weitere Gesellschaftsprobleme in Verbindung: die manipulative Rolle der Massenmedien, die Risiken des technischen Fortschrittes, die zerstörerischen Trends der Arbeitsorganisation. In der Urfassung singt Chris Rea noch ausdrücklich von den Absurditäten unseres Geld- und Finanzwesens und fordert die Welt ultimativ auf, doch noch „ihre Lektion“ zu lernen, und zwar schnell! Und als Ausrufezeichen für die höchste Alarmstufe aus unserem „Weg zur Hölle“ ziert das Cover des Originalalbums ein Bildausschnitt aus Michelangelos Weltuntergangsgemälde vom „Jüngsten Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle in Rom.
Zwischen Kapitalismuskritik und Ernüchterung
Doch, ich mag dieses Lied. Besonders den Sound.
Aber es schmerzt mich ein bisschen, heute doch eher lächeln zu müssen und es für naiv zu halten, wie gebündelt uns der Song das friedensbewegte Ökopathos der späten 80er serviert. Das Lied stammt aus dem Jahr 3 nach Tschernobyl. Ein bisschen zucke ich noch, wie es mich an die blauäugige Unschuld meiner eigenen Kapitalismuskritik erinnert. Sie ist inzwischen weitgehend ernüchtertem Ohnmachtsgefühl gewichen. Da reimt sich halt „to sell“, verkaufen, sehr schlicht auf „hell“, die Hölle. Erst recht wenn es darum geht, unsere Seele zu verkaufen. Auch ich bin längst angekommen in den höheren Gehaltsklassen - im „Valley of the rich“. Im Land der ungerechten Renditen, der faulen Kompromisse und des globalisierten Ungleichgewichts.
Wir sind so schön beruhigt, dass immerhin unsere Flüsse ja wieder sauberer sind…
Und Fukushima ist schon wieder so vergessen, dass wir die Energiewende unwidersprochen ihren Salto rückwärts machen lassen.
Ein Lied als Weckruf zu verantwortlichem Handeln
Ach, Chris Rea! Du kommst mit deinen 64 Jahren im Herbst wieder zur Tournee nach Deutschland und spielst uns unser „Lied vom Tod“, deinen alten Hit: „The Road to Hell“. Was mache ich nur mit dir und mit deinem mütterlichen Verantwortungs-Appell an mein erlahmendes Überich?
Ich sehne mich ja wahrlich nicht zurück in solche Zeiten, wo mit religiöser Überhöhung Drohszenarien aufgebaut wurden, um moralische Normen zu sichern!
Andererseits nutzt die pure Vernunft und die aufklärerische Argumentation ja offensichtlich auch nicht viel.
Weißt du was? Ich klicke dein Lied in meinem CD-Player jetzt auf Endlosschleife, drehe die Lautstärke aufs Maximum des Erträglichen und dann hole ich aus meinem E-Mail-Ordner die ganzen ungelesenen Nachrichten hervor, die ich von der Attac-Gruppe Wiesbaden-Mainz geschickt bekomme und von meiner christlichen Friedensbewegung „Pax Christi“. Und irgendwo auf meinem Schreibtisch lag doch auch noch dieses Angebot, zu einem ökologischeren Stromanbieter zu wechseln und das mit der ethischen Geldanlage.
Mal sehen, was passiert, wenn ich dies alles endlich mal gründlich lese, mit deinem Lied im Ohr: „The Road To Hell“…
Musik V: („Oh no, this is the road to hell“ ab 4,57‘ )