hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Rieth, Stephanie

Eine Sendung von
Stephanie Rieth,
Bevollmächtigte des Generalvikars und Dezernentin im Bistum Mainz

Bosse: „Kraniche“

Musik: „Ein feiner Zug, in Richtung Dünen die Kraniche auf den gepflügten Feldern. Ende September jedes Jahr wieder und ich am Gucken als wenn´s das erste Mal wär. Meine Neurosen meine Leichtmatrosen sind verpackt in einem kleinen Koffer. Und bleiben ruhig alles pustet durch. Da geht wieder Licht an wenn's sich bewegt und nicht steht.“ (0-0:50)

Kraniche und Weite: Natur als Quelle der Entspannung

Was für eine herrliche Kulisse. Ich stelle mir vor, wie sich das anfühlt: Ich schaue in die Weite, dann laufe ich über abgeerntete Felder, Wasser vor mir und Wind, der mir ins Gesicht bläst. Anhalten, stehen bleiben - und über mir fliegen tausende Kraniche. Großartig fühlt sich das an, und allein bei der bloßen Vorstellung bin ich total entspannt, kann ich aufatmen.

Axel Bosse und sein Lied „Kraniche“

Diese Erfahrung hat wohl auch der Sänger dieses Liedes gemacht. Axel Bosse heißt er oder kurz Bosse, so nennt er auch seine Band. Er wohnt mit Frau und Tochter in Blankenese und ist ein angesehener Künstler in der deutschen Singer-Songwriter-Szene.

Das Naturschauspiel der Kraniche in Linum

Schon als Kind hat er mit seiner Oma jedes Jahr im Herbst dieses Naturschauspiel beobachtet, das er im Lied besingt. Linum bei Berlin, der Wohnort seiner Oma, beherbergt den größten Binnenlandeplatz für Kraniche. An den vielen Teichen rund um Linum rasten die Zugvögel ein letztes Mal vor der großen Reise in den Süden. Bis zu 60.000 Kraniche sind da pro Tag zu sehen, bevor sie ihrer inneren Uhr und ihrem inneren Kompass folgen.

Wenn Überforderung zur Erschöpfung führt

Axel Bosse hat diesen Song wie auch sein ganzes Album Kraniche genannt. 2013 ist es herausgekommen, nach zwei Jahren Zwangspause. 2011 – die Tour zum Vorgängeralbum ist noch nicht zu Ende - , da ist er körperlich am Ende „von dem vielen Unterwegs sein“, wie er bekennt. Die Stimmbänder kaputt, nichts geht mehr. Dabei ist Bosse ein Typ, der gerne alles gibt, sich ganz hinein gibt in die Sachen, die er macht, ohne Schonung, möglichst perfekt.

Ich kann das gut nachfühlen. Ich kenne sie auch, diese Zwänge, unter denen man so oft steht: In Beruf und Familie muss ich immer funktionieren. Und nicht nur irgendwie, sondern ich will es gut machen. Das Pensum ist eigentlich zu viel. Viel zu oft bleibt das schlechte Gewissen. Die Erwartungen sind riesig, die von außen, aber auch meine eigenen.

Was Kraniche über das richtige Lebenstempo lehren

Als bei Bosse nichts mehr geht, nimmt er sich eine Auszeit für ein halbes Jahr. Erst danach beginnt er wieder zu schreiben. Und offensichtlich erinnert er sich an die Kraniche, an das Naturschauspiel in jedem Jahr. Die Kraniche: Sie haben scheinbar ein inneres Gespür für das, was nötig ist.
Und im Lied zeigt sich: auch Bosse hat ein Gespür für das entwickelt, was in seiner Situation wichtig ist: „Meine Neurosen, meine Leichtmatrosen sind verpackt in einem kleinen Koffer. Und bleiben ruhig.“
Ein schönes Bild ist das, und es muss ein gutes Gefühl sein, wenn es gelingt, die Zwänge, unter denen man so steht und die Unzulänglichkeiten einfach mal beiseite zu schieben.
Und dann macht der Sänger eine ganz neue Erfahrung: „Ich such nicht mehr und finde nur, kommt sowieso an den Start, was kommen mag“, so heißt es im Refrain.

„Ich such nicht mehr und finde nur“: Ein neuer Blick auf das Leben

„Ich such nicht mehr und finde nur, kommt sowieso an den Start, was kommen mag.“ Dann ausblenden. Ich such nicht mehr und finde nur, war sowieso jemand da. Ist immer jemand da,
war immer jemand da, der mir tief in den Kopf sagt: YEAH YEAH YEAH, YEAH YEAH YEAH “ (ab 0:51-1:23)

Es ist ein Perspektivwechsel, den der Sänger da macht. Es geht nicht mehr darum, ständig rastlos, auf der Suche zu sein. Stattdessen geht es ihm darum, wahrzunehmen und zu finden. Also nicht: die Hände in den Schoß zu legen und nichts mehr zu tun, sondern zu finden. Wer schon mal einen Schlüssel verloren hat, kennt das vielleicht. Ich suche in so einem Fall meistens krampfhaft immer wieder an den gleichen Stellen. Irgendwo muss er doch sein, der Schlüssel. Aber oft finde ich ihn dann erst später, zufällig, ganz woanders, wo ich ihn nie vermutet hätte.
Bosse macht die Erfahrung: Es ist gut, zu finden, sich beschenken zu lassen, von dem was sowieso schon da ist, was sowieso kommt. Und dieser Erfahrung widmet er auch die zweite Strophe.

Entspannt bleiben und das Leben annehmen

„Was ich gelernt hab ist entspannt zu bleiben kommt alles auf den Tisch wenn die Zeit
gekommen ist. Bringt nichts zu verkrampfen bis die Maschinen dampfen das Leben ist zu kurz und viel mehr als in Ordnung. Bei absolutem Wetter in Sonnenfarben leuchtet auch Kaputtes wie die Auslage. Beim Juwelier. Bin sehr gerne hier. Wunderbar ratlos, wenn sich´s bewegt und nicht steht.“ (ab 1:30 bis 2:03)

Das Leben ist zu kurz und viel mehr als in Ordnung. Ich finde diesen Satz einfach großartig, für mich gehören da drei Ausrufezeichen hin. So einen Satz sagt man nicht so daher, weil’s cool klingt. Diesen Satz muss man wirklich meinen. Da sagt einer „Ja“ zu seinem Leben. Ja, trotz aller Widersprüche und Tiefschläge.
Es gibt kein Leben ohne Brüche, ohne Schmerz, ohne Umwege und Sackgassen, und trotzdem ist das Leben nicht nur im Großen und Ganzen o.k., sondern: es ist viel mehr als in Ordnung.

Das richtige Maß zwischen Anhalten und Weitergehen

Das Leben hat noch eine andere Ebene. Um die wahrzunehmen, muss ich allerdings manchmal das Tempo rausnehmen, anhalten und die Kraniche beobachten, diese weisen Tiere, die wissen: man muss anhalten und ausruhen, bevor man weiterzieht.
Das Leben ist viel mehr. Da sind Dinge, die mir geschenkt sind, die mein Leben lebenswert machen: ein Regenbogen zum Beispiel, den ich aber nur entdecke, wenn ich trotz des Wetters, das mich gerade nervt, nach draußen schaue – erwartungsvoll. Oder die Umarmung eines lieben Menschen, der mir, wenn im Leben gerade alles schief zu laufen scheint, sagt: wir kriegen das hin, gemeinsam.

„Das Leben ist viel mehr als in Ordnung“

Das Leben ist viel mehr als in Ordnung. Für mich als Christin ist das eine Art Bekenntnis zum Leben und zu seinem Schöpfer. Und siehe, es war sehr gut. So heißt es in der Schöpfungsgeschichte, in dem großen Gedicht, das am Anfang der Bibel steht. Das Leben ist von Beginn an sehr gut, nicht erst, weil es bestimmte Kriterien erfüllt, oder wenn alles glatt geht. Im Gegenteil.

Zerbrochenes in einem neuen Licht sehen

Und wieder findet Bosse wunderschöne Worte, das zu umschreiben, er singt: „Bei absolutem Wetter in Sonnenfarben leuchtet auch Kaputtes wie die Auslage. Beim Juwelier.“
Dahinter steht die Erfahrung: Es lohnt sich, Dinge, die schief gelaufen sind, noch einmal anzuschauen, in einem anderen Licht vielleicht, oder wie Bosse es sagt, in Sonnenfarben zu betrachten. Dann entdecke ich vielleicht Kostbares darin, Wertvolles.
Ich kann mich da gut einklinken. Mir hilft es oft, wenn ich vor einem Scherbenhaufen stehe, dass ich mir vorstelle, wie Gott mich gerade anschaut. Gott, der soviel mehr tolerieren kann, als ich. Gott, der mein Leben bestimmt mehr als in Ordnung findet, auch wenn ich meinen eigenen Ansprüchen ans Leben nicht immer genüge.

Die Bedeutung von „Yeah, yeah, yeah“

Und dann ist da noch mal der Refrain: „Ich such nicht mehr und finde nur, kommt sowieso an den Start, was kommen mag. Ich such nicht mehr und finde nur war sowieso jemand da. Ist immer jemand da, war immer jemand da, der mir tief in den Kopf sah. Yeah, yeah, yeah.“ (ab 2:04 bis 2: 37)

Yeah, yeah, yeah. Ein Part seines Songs, der Bosse oft leichten Spott einbringt. Was ist das auch für eine Aussage. Yeah erinnert eher an Jugendslang, eine bedeutungslose Floskel, ein Füllwort, an Coolness und wirkt tatsächlich beim ersten Hören zwischen den ansonsten bedeutungsschweren Zeilen ein wenig befremdlich.

Kindliche Freude und Gottes Zusage

Mich erinnert das Yeah noch an etwas anderes. Wenn ich meine jüngste Tochter in den Kindergarten bringe, dann kommt es manchmal vor, dass sie zu ihrer Freundin läuft, mit dem Daumen nach oben zeigt und sie mit „Yeah“ begrüßt. „Dich finde ich echt gut heute, du bist meine Freundin“ heißt das dann. Hat sie mal einen Streit mit ihr, dann zeigt der Daumen nach unten und das heißt „Puh“, und Puh meint: „Mit dir komme ich heute nicht zusammen, ich finde dich heute einfach doof.“ Puh und yeah, zwei unmissverständliche, kurze Wörter, mit denen unter den Kindern manchmal alles gesagt ist.

Yeah, yeah, yeah, das heißt für mich: Es ist gut so, wie es ist. Du bist gut so, wie du bist. Dein Lebensweg und wie du ihn gestaltest, ist gut so. Für mich ist das eine Zusage Gottes: Das Leben – dein Leben – ist viel mehr als in Ordnung, sehr gut eben. Manchmal gelingt es mir, das in meinem Leben wahr zu nehmen. Wenn ich mal die Perspektive wechsle, die Sonnenfarben auf mein Leben scheinen lasse und die Ebene dahinter anschaue.
Wer diese Zusage für Bosse gibt, bleibt offen. Aber auch er nimmt wahr: „da war immer jemand da, der mir tief in den Kopf sah.“

Aus der Tretmühle aussteigen

Bosse wagt einen Perspektivwechsel, und diese neue Sichtweise auf das Leben hat ihm geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Da ist eine ganz große Zuversicht gewachsen: Bleib entspannt, du verpasst nichts. Das, was ansteht, kommt dran, wenn die Zeit dafür reif ist. Und offensichtlich steckt in dieser Erkenntnis eine Menge Sehnsucht drin, eine Menge Energie. Energie, die ihn anhalten lässt, aus dem Alltag aussteigen lässt:

An der nächsten Haltestelle steig ich aus Bretterbohlenwege bis zum kleinen Haus,
Licht an alle Fenster auf, Licht an alle Fenster auf.
Ich bin raus.
Ich bin raus. (ab 2:43 -3:09)

Ich bin raus, singt er. Gleich zweimal, als wolle er sich ganz sicher sein: ich hab’s geschafft. Ich bin raus aus der Tretmühle, raus aus dem Tief und weiß jetzt wie es geht: Ich such nicht mehr, ich finde nur.
Ich wünsche Ihnen in dieser Sommerzeit viele Gelegenheiten, auch mal anders in Ihrem Leben unterwegs zu sein, mal andere Gangarten auszuprobieren, anzuhalten, auszusteigen und zu spüren: Das Leben ist viel mehr als in Ordnung.

War immer jemand da, war immer jemand da,
der mir tief in den Kopf sagt,
der mir tiiiief in den Kopf sagt:
YEAH YEAH YEAH
YEAH YEAH YEAH
Ich such nicht mehr und finde nur, kommt sowieso an den Start. (ab 3:15 bis Schluss)