Bibellesung NonStop
Gute Ideen entstehen oft bei einem Glas Bier oder einer Apfelschorle und den Worten „Man müsste mal…“. „Man müsste mal die ganze Bibel vorlesen.“ Einmal von vorne bis hinten. Von „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ auf Seite eins bis „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen“ auf Seite 1207. Letzten Herbst in der Elisabethkirche in Marburg war die ganze Bibel zu hören. Drei Tage und drei Nächte hat es gedauert.
Woher kam die Idee zur Nonstop-Lesung?
Wir waren natürlich nicht die ersten. Immer wieder mal wurde die Bibel an einem Stück vorgelesen. In Kirchengemeinden. Von dem Schauspieler Ben Becker auf großen Theaterbühnen oder als NonStop-Lesung auf YouTube.
Wer wollte alles mitlesen?
Erstmal brauchten wir natürlich Leute, die Lust hatten, mitzumachen. Nach einem Aufruf im Internet und in der Zeitung meldeten sich über 80 Interessierte. Aus Marburg und der Umgebung kamen die meisten. Aber auch aus Frankfurt und Fulda reisten einige an, die bei der Lesung mitmachen wollten. Alte und junge. Menschen, die die Bibel jeden Tag lesen. Und einige, die vor Jahren das letzte Mal die Bibel in die Hand genommen haben.
Die Kirche wurde umgestaltet
Für die Lesung haben wir die riesige Elisabethkirche in Marburg leergeräumt. Alle Stühle kamen raus. In den leeren Raum kamen dann Liegestühle und Sitzsäcke. Ein paar Hocker standen auch bereit. Und genau in der Mitte stand der rote Schaukelstuhl meiner Oma. Sie lebte auf einem Bauernhof in den weiten Wäldern Kareliens in Finnland. Als Kind waren wir oft bei ihr. Dann saß meine Oma auf diesem roten Schaukelstuhl in der großen Stube. Ich durfte auf ihren Schoß krabbeln und die noch warmen Zimtbrötchen essen, die sie für uns gebacken hatte. Und dieser Stuhl stand dort jetzt mitten in der Kirche. Das war immer der erste Stuhl, auf den sich die Leute setzten, wenn er frei war.
Wie begann das große Lesen?
Ende Oktober ging es los. An einem Mittwochabend wurden die ersten Worte gelesen: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Und dann ging es weiter. Wort für Wort. Satz für Satz. Lesende nach Lesende. Jeder las für eine halbe Stunde. Dann trat der Nächste ans Pult und übernahm. Das waren oft die schönsten Momente. Wenn der Text plötzlich anders klang, weil die Worte eines Propheten zunächst von einem schüchternen Konfirmanden gesprochen wurden und direkt danach von einer alten selbstbewussten Frau.
Wer kam zum Zuhören?
Die Menschen kamen Tag und Nacht zum Hören. Besonders eindrücklich war die Lesung in den Nächten. Wenn Nachtschwärmer auf dem Weg von der Kneipe nach Hause vom Licht der Kirche angezogen hineinschauten. Erst blieben sie unschlüssig in der Tür stehen. Dann nahm so mancher eine Decke, legte sich in den Liegestuhl und hörte eine oder zwei Stunden lang zu.
Musik
Einer der Leser, ich nenne ihn mal Dirk, hat mich besonders beeindruckt. Seine Mutter hatte ihn angemeldet. Dabei war Dirk schon vierzig Jahre alt. Die beiden kamen aus einem Dorf in der Nähe von Marburg. Die Mutter von Dirk hatte in der Zeitung von dem Projekt gelesen und sofort angerufen. „Ich will da unbedingt mitmachen“, sagte sie. „Und meinen Sohn will ich damit überraschen. Er hat so eine tolle Stimme.“
Ein Mann ringt mit seiner Rolle
Schon zwei Stunden vor ihrem Lesetermin waren sie in der Kirche. Die Mutter saß ruhig da und hörte zu. Ihr Sohn Dirk lief die ganze Zeit aufgeregt durch die Kirche. Immer wieder kam er zu mir und fragte nach dem genauen Ablauf. Er erzählte: „Seit ich aus der Schule raus bin, habe ich keinem mehr vorgelesen. Ich weiß auch nicht, wie meine Mutter auf diese verrückte Idee kam.“ So stand er vor mir. Nervös. Mit ängstlichem Blick. Mit seinen Händen wie Baggerschaufeln und seinem breiten Kreuz und wirkte dabei wie ein kleiner Junge. Ich sah ihm an, dass er mit der Situation überfordert war und sagte ihm, dass er auch nicht lesen müsse, wenn er das nicht möchte. Aber er wollte seine Mutter nicht enttäuschen.
Eine volle Kirche und ein entscheidender Moment
Die Kirche war an diesem Abend gut gefüllt. Alle Liegestühle waren besetzt. Der rote Schaukelstuhl auch. Wir waren in der Lesung beim ersten Buch Samuel angekommen. Die Geschichte vom Hirtenjunge David, der zum großen König von Israel wird. Als Dirk an der Reihe war, ging er ans Lesepult, räusperte sich und fing an zu lesen.
Eine Stimme, die die Kirche füllt
Und seine Mutter hatte recht: Er konnte vorlesen. Und wie. Seine kräftige Stimme erfüllte das große Kirchenschiff. Als Dirk las, klangen die Worte so, wie sie wohl ursprünglich geschrieben waren: Klar und deutlich, ohne Schnörkel. Mitten aus dem Leben.
David gegen Goliath
Einige Minuten, nachdem Dirk mit dem Lesen begonnen hatte, war er beim Kapitel 17 des ersten Samuelbuches angekommen. Die Geschichte von David und Goliath. Die Geschichte, wie der kleine Junge David in einer Schlacht den von allen gefürchteten Riesen Goliat nur mit seiner Steinschleuder besiegt. Da heißt es: „David tat seine Hand in die Tasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte ihn und traf Goliat an der Stirn, dass er zur Erde fiel auf sein Angesicht.“ (1 Samuel 17)
Ein berührender Moment
Es war totenstill in der Kirche. Nur die Worte der Bibel waren zu hören. So hatte noch keiner von uns diese alten Worte gehört. Gelesen von Dirk, einem Mann, der seit 25 Jahren keinem mehr vorgelesen hatte. Und alle, die in der Kirche waren, hörten gebannt zu. In dieser halben Stunde hat niemand die Kirche verlassen.
Musik
Nach drei Tagen und drei Nächten ging die Lesung mit den letzten Worten der Bibel zu Ende. „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen“. Danach Stille.
Was blieb nach dem letzten Satz?
Kaum einer ging. Einige Minuten später unterhielten wir uns dann darüber, was wir erlebt hatten. Viele waren überrascht - sowohl die Mitlesenden als auch die Zuhörenden. Sie waren überrascht, dass so viele bei dem Projekt dabei waren. Mehr als 100 Menschen haben gelesen. Eine große Vielfalt unterschiedlicher Stimmen, die das uralte Buch zum Klingen brachten. Die Menschen waren überrascht: Immer war jemand da und hörte zu. Selbst die Nächte waren gut besucht. Menschen blieben, sogar, wenn mitten in der Nacht zwei Stunden lang aus den Gesetzestexten des Alten Testamentes vorgelesen wurde.
Warum berührte dieses Buch so viele
Viele waren beeindruckt, wie lebendig die Bibel ist. Archaisch und brutal, liebevoll und erotisch, aufrüttelnd und einschläfernd. Aber vor allen Dingen ein Buch zum Vorlesen, ein Buch zum Teilen. Geschichten, die es wert sind, weitererzählt zu werden. Ob man nun ein gläubiger Mensch ist oder nicht. Die Geschichten der Bibel sind ein großer Schatz für alle. Für mich hat sich erneut gezeigt: Dieses Buch ist ein Schatz der Menschheit, ein Schatz der Menschlichkeit.
Wie kann ein altes Buch ein Gefühl von Zeitlosigkeit schenken?
In den Tagen der Lesung war etwas von dem großen Bogen zu spüren, den die Bibel schlägt. Dieses Buch, an dem rund 1000 Jahr lang geschrieben wurden, verbindet die Zeiten. Wenn ich da in dem roten Schaukelstuhl in der Mitte der großen Kirche sitze und mir die alten Worte vorgelesen werden, dann bin ich den Menschen von damals nahe - Menschen, die ihre Erlebnisse mit Gott vor Jahrhunderten, Jahrtausenden aufgeschrieben haben. Und damit bin ich hineingestellt in einen Bogen, der viel größer ist als mein eigenes kleines Leben. Da atmet eine andere Zeit, da weht ein anderer Geist.
Was offenbart diese Weite, die viele wieder spürten?
Dies hat mich am meisten an der Bibellesung erstaunt: Fast alle Menschen, die in den Tagen in unsere Kirche kamen, auch die, die mit Gott nicht viel am Hut haben, spürten: Es gibt noch eine andere Weite. Manchmal vergisst man sie im Trubel des Alltags. Eine Weite, die uns verbindet. Mit den Menschen über die Zeiten hinweg. Und mit dem Leben, dass wir hier und jetzt gemeinsam teilen.