hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1
Herok, Stefan

Eine Sendung von
Stefan Herok,
Katholischer Pastoralreferent i.R. in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden

Ein Astronaut schwebt im Weltraum über der Erde. Die planetarische Oberfläche ist sichtbar, während ein Sonnenstrahl im Hintergrund leuchtet. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Weite und Erkundung im All.

Bette Midler: „From a distance“

(From a distance…Liedanfang angespielt)

Wer diese wenigen Liedtakte hört, denkt sofort: Ja, das kenne ich und vielleicht auch: Wie schön!
Mir jedenfalls geht es so. Ich erkenne das Lied immer sofort. Ich mag die Stimme, mir gefällt die Melodie, der Rhythmus und das, was ich vom Text immer schon so aufgeschnappt hatte. Vor allem wunderbare, große Worte: Harmony, Hope and Peace, (unterlegt) Hoffnung und Frieden und dann immer wieder, ja genau: (Tonpassage; God is watching us ) Gott passt auf uns auf – from a distance.
Ich liebe dieses Lied. Und das hat sich auch kein bisschen geändert, seit ich es für diese Sonntagsgedanken näher abgehorcht und besser kennen gelernt habe. Vorher kannte ich es nur, nun – from a distance…

„From a Distance“: Ein Lied über Hoffnung und Frieden

Es singt von einer besseren Welt, von Hoffnung und Frieden und einem Ende für Hunger und Seuchen… Und überall drin und obendrüber der liebe Gott, God is watching us (unterlegt).

Das Lied aus der Entfernung betrachtet

Aber Vorsicht! Beim genaueren Hinhören habe ich im Lied auch eine Menge Irritierendes gefunden und meine angerührte Seele ist ein bisschen auf Abstand gegangen. Jetzt höre ich es – hm - from a distance…

Die Bedeutung von „From a Distance“

Ich möchte Sie gerne mitnehmen auf eine Reise in den Kosmos dieses Liedes; ganz nahe ran, genau hinhören: Wovon erzählt es? Warum berührt es mich so? Und dann aber auch ganz weit weg: wo wir die Welt mit Abstand sehen, wo das Lied den Horizont erreicht und wo es uns an Grenzen führt – auch an seine eigenen.
Und wen das Lied, wie mich, bis ins Innerste anrührt, den muss ich vorweg noch ein wenig warnen, wegen der Irritationen, denen man unweigerlich begegnet auf der Reise durch den Kosmos dieses wundervollen Liedes – From a distance…

Warum „From a Distance“ im Weltraum eingesetzt wurde

Wieso Kosmos? Nun, das Lied wurde in der Weltraumfahrt eingesetzt, um Astronauten nach dem Schlafen aufzuwecken. Das liegt an seiner ersten Zeile, wie wir gleich hören werden.
Und was einen an dem Lied irritieren kann? Auf einer Blog-Seite im Internet hat jemand geschrieben: „Es ist mein absolutes Lieblingslied! Auch wenn ich den Text nicht so richtig verstehe…“ Das Problem hatte ich auch. Ich habe mich dann mit dem Wörterbuch hingesetzt und mir den Text erschlossen:

(mit Musik unterlegt)
Aus der Entfernung betrachtet, sieht unsere Erde blau und grün aus,
(geflüstert: die Raumfahrerperspektive!)
und die „schneebemützten“ Berge wirken durch und durch weiß.
Aus der Entfernung betrachtet, scheint das Meer in den Fluss zu fließen,
und der Adler wie auf der Flucht.

Eine bessere Welt aus der Ferne

Wenn du von ganz weit weg schaust, sieht vieles durchaus harmonisch aus
und „echot“ Einklang über das ganze Land,
als Lied der Hoffung, als Stimme des Friedens,
einstimmig aus jedem Mund.

Von Abstand betrachtet, haben wir genug
und niemand lebt prekär.
Von Weitem siehst du keine Gewehre mehr, keine Bomben, keine Seuchen,
keinen Hunger.

Von weitem betrachtet, sind wir wie eine einträchtige Musikkapelle
und spielen Lieder der Hoffnung, Lieder des Friedens,
wie sie in jedem Menschen klingen.
So singen wir dann auch:
Gott behütet uns. Gott wacht über uns.
Gott schaut nach uns - von Weitem.

Zwischen Hoffnung, Frieden und Irritation

Aus der Entfernung wirkst Du wie ein Freund,
obwohl wir uns bekriegen.
Mit Abstand betrachtet, kann ich nicht begreifen,
was all dies Kämpfen soll.

Von Weitem betrachtet, wirkt vieles harmonisch
und klingt so durch das Land
als die größte aller Hoffnungen, als die Liebe aller Lieben,
als das Innerste eines jeden Menschen,
keiner, der dieses Lied nicht sänge:

Und Gott hat auf uns acht, er schaut uns an,
Gott schaut nach uns - wie von Weitem.
Ja, Gott beobachtet uns, er behütet uns.
Gott schaut nach uns - wie von Weitem.

„God is watching us“: Behütung oder Überwachung?

Hat mich schon überrascht: Der Text ist nicht so glatt, nicht so idyllisch wie ich das Lied immer empfunden habe. Er hat Ecken und Kanten, an denen ich hängen bleibe:
Ist der Abstand, aus dem das Lied die Welt betrachtet, nun positiv oder negativ? Ist es ein Abstand voller Achtung, der mir Überblick verschafft, klares Urteil und meine Souveränität stärkt, damit ich dann wieder ganz nah ran gehe und so überlegt wie beherzt handle? Oder ist es eine kühle Distanziertheit, die kaum zu echter Nähe fähig ist und mit der ich mir mein Weltbild zusammenreime, wie es mir in den Kram passt und mich die Dinge letztlich kalt lassen?
Ist schon irritierend – oder?
Genau so das “God is watching us”? Das kann doch alles heißen zwischen behüten und überwachen?
Und das noch „from a Distance“? Mein religiöses Herz sehnt sich doch nach einem Gott, der mir nahe kommt. Und Jesus hatte ich immer so verstanden: Gott macht sich klein und kommt zu mir, Heiliger Geist, Heiliges Brot, Heilige Liebe, ganz und gar göttlich und doch menschenkompatibel, sozusagen mein Format…

Julie Gold und die Entstehung des Liedes

Mein Hirn tackert und beschießt dieses wunderschöne Lied mit Salven von Logik und schlüssigen Denkfiguren. Das gefällt mir gar nicht! Ich lese alles, was ich über das Lied, seine Entstehung und seine Interpretation finden kann.
Es wird erst mal nicht besser.
Die Frau, die es gemacht hat, Julie Gold, hat es in zwei Stunden am Klavier runtergeschrieben, Text und Musik. Sie hatte vorher aus Transportverstimmungsgründen zwei Tage lang ihr Klavier schonen müssen, war sozusagen auf Klavierentzug und hat es, statt zu spielen, in dieser Zeit einfach nur liebevoll gestreichelt. Das brachte sie, schreibt sie später, auf die lyrische Idee: Alles ist anders, wenn man auf Abstand geht.“ Solcher Abstand kann positiv klärend sein, aber auch das Gegenteil bewirken, wie in den Bildern vom Adler auf der Flucht und vom Meer, das in einen Fluss einmündet, obwohl es in Wirklichkeit umgekehrt ist.
Aus dieser Stimmung entstand das ganze Lied. Und die Songschreiberin war so beglückt wie erstaunt, welche große Zukunft ihrem kleinen Lied zuteil werden sollte.

Warum das Lied Menschen bis heute berührt

Die phänomenale Wirkung muss, so beginne ich zu ahnen und es erschreckt mich gar nicht, jenseits des glatt Logischen liegen, in den besonderen und schönen Stimmungen, die es auslöst.
Anders kann ich mir auch nicht erklären, dass die US-Army das Lied mit Preisen ausgezeichnet hat, weil es im Golfkrieg die Moral der Truppe gestärkt habe, wie „Lilly Marleen“ bei uns 60 Jahre vorher. Ich höre da doch mehr pazifistische Töne heraus.
Dass es – höchst unabhängig von gedanklicher Logik - für unendlich viele Menschen zum Lieblingslied wurde, auf Hochzeiten gespielt wird und wahrscheinlich auch auf Beerdigungen und dass es auch meine Seele so innig wie beschwingt anrührt, das erschließt mir eine starke Erkenntnis. Und ich habe das Gefühl, dass diese Erkenntnis mich einweiht in das Geheimnis dieses wundervollen Liedes…

Liedbrücke: Playing songs of hope …. God is watching us from a distance…

Wie Musik Worte mit Bedeutung auflädt

Die Erkenntnis beginnt zunächst sehr einfach damit, dass schon Worte allein unterschiedliche Kraft in sich tragen, kleine Worte, große Worte, starke und schwächere. Dann kommt die Musik dazu, die den Worten einen besonderen Zauber gibt. Musik lädt die Worte mit einer Wirklichkeit auf, die viel mehr zum Klingen bringt, weit über den puren Wortsinn hinaus. Musik verfeinert unsere Wahrnehmung, und so können Gedanken schneller und tiefer in uns eindringen und uns im Innersten berühren.
Als von Gott sprechender „Theologe“ legt sich mir der Schluss nahe, ich sollte vielleicht mehr von ihm singen als über ihn zu reden.

Warum bestimmte Lieder unsere Seele berühren

Aber die geheimnisvolle Erkenntnis geht noch weiter: Was für eine Art von Wirklichkeit ist das, mit der Musik und Worte sich so aufladen, dass sie uns geradezu elektrisieren können und der Funke überspringt?
In den Liedern, die uns so berühren und bewegen, kommt immer auch etwas von uns selbst zum Klingen! Es werden Saiten in uns angezupft, ja, wie bei der Gitarre oder der Harfe, die unsere Seelenstimmung und Herzensmelodie mit in das Lied hineinspielen. Darum haben bestimmte Lieder bei uns so viel Erfolg und andere weniger, weil unsere Herztöne irgendwie den Rhythmus angeben.

Musik, Glaube und die Hoffnung auf Licht

Und eine letzte geheimnisvolle Erkenntnis erschließt mir die Begegnung mit diesem starken Lied. Das mag ich jetzt eher im Bekenntniston sagen, weil es meinen Glauben berührt. Für mich ist Gott selbst die Wirklichkeit, mit der sich diese Musik und diese Worte aufladen. Es ist die Kraft der Sehnsucht in uns, die im Tiefsten weiß: Über den Abgründen und Dunkelheiten der Welt strahlt ein Licht für uns. Weil es aber oft so funzelig-winzig ist, am Ende des Tunnels, dieses Licht, darum ist es so bewegend, wenn uns trotzdem jemand dieses Licht zu verheißen vermag – From a distance…

 

Bette Midler: From a distance (Text und Musik Julie Gold)
From a distance the world looks blue and green,
and the snow-capped mountains white.
From a distance the ocean meets the stream,
and the eagle takes to flight.

From a distance, there is harmony,
and it echoes through the land.
It's the voice of hope, it's the voice of peace,
it's the voice of every man.

From a distance we all have enough,
and no one is in need.
And there are no guns, no bombs, and no disease,
no hungry mouths to feed.

From a distance we are instruments
marching in a common band.
(Liedbrücke:)
Playing songs of hope, playing songs of peace.
They're the songs of every man.
God is watching us. God is watching us.
God is watching us from a distance.

From a distance you look like my friend,
even though we are at war.
From a distance I just cannot comprehend
what all this fighting is for.

From a distance there is harmony,
and it echoes through the land.
And it's the hope of hopes, it's the love of loves,
it's the heart of every man.

It's the hope of hopes, it's the love of loves.
This is the song of every man.
And God is watching us, God is watching us,
God is watching us from a distance.
Oh, God is watching us, God is watching.
God is watching us from a distance.