hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Schilling, Dr. Annegreth

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

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Alles neu?

Die erste Woche im Januar hat für mich etwas Zauberhaftes. Sie ist still, denn viele Leute sind noch im Urlaub und verbringen Zeit mit Familie oder Freunden. Ich bekomme kaum Mails oder Anrufe und auch die meisten Chatgruppen sind stumm geschaltet. Ich genieße diesen ruhigen Jahresanfang.

Warum fühlt sich der Jahresanfang so besonders an?

Und gleichzeitig spüre ich eine gewisse Unruhe in mir: Das Jahr ist vier Tage alt und ich will diese ersten Tage besonders gut nutzen: Ich will aufgeräumt ins neue Jahr starten, den Keller mal durchgehen, Sperrmüll anmelden und mir aufschreiben, was so in den nächsten Wochen und Monaten anliegt.

Am Jahresanfang liegt bei mir immer wieder die Hoffnung obenauf: Dieses Jahr wird alles anders. Strukturierter, weniger chaotisch, friedlicher, weniger Streit, pünktlicher und weniger gestresst.

„Siehe, ich mache alles neu!“ – was steckt dahinter?

In den Kirchen gibt es für jedes Jahr ein Motto, eine Jahreslosung aus der Bibel. Die setzt in diesem Jahr noch eins obendrauf. Sie heißt: „Siehe, ich mache alles neu!“

Puh, denke ich. Alles neu? Ich denke an den Silvesterabend und das Gespräch über unsere Vorsätze. Eigentlich wollte ich nichts sagen und hab mich dann doch wieder dazu hinreißen lassen.

Warum scheitern gute Vorsätze so oft?

In der Silvesterrunde hab ich verkündet: „Ich will versuchen mehr frisch zu kochen.“ Einkaufen gehe ich ja gerne, und ein bisschen weniger Nudeln mit Pesto kann es auch sein. Außerdem habe ich an Weihnachten ein neues Kochbuch geschenkt bekommen mit vielen einfachen Rezepten.

Soweit mein Vorsatz an Silvester. Heute, vier Tage später, finde ich diesen Gedanken immer noch charmant. Nur merke ich: Der Vorsatz beschäftigt mich mehr als gedacht. Und ich frage mich: Warum nehme ich mir etwas vor, was dann nach ein paar Wochen wieder einschläft?

Ich kenne das ja mittlerweile: Im Januar klappt es noch, im Februar wird es schon weniger, und im März hat mich das Jahr dann so im Griff, dass mein Vorsatz nur noch eine blasse Erinnerung ist – verpufft, wie eine Silvesterrakete. Heißt das also: Lieber keine Vorsätze? Und im neuen Jahr bleibt alles beim Alten?

Musik

Lieber keine Vorsätze – oder nur kleinere?

Eine Freundin hat mir erzählt: „Ich fasse schon seit vielen Jahren keine Vorsätze mehr. Ist mir einfach zu anstrengend und am Ende halte ich das sowieso nicht durch.“

Stimmt. Und trotzdem merke ich: So nüchtern, wie das meine Freundin für sich entschieden hat, will ich das nicht. Ich liebe den Jahresanfang, gerade weil das neue Jahr noch so unverbraucht vor mir liegt. Das gibt mir die Möglichkeit, die Dinge neu anzugehen.

Was bedeutet das Motto: „Siehe, ich mache alles neu“?

„Siehe, ich mache alles neu“ – dieses biblische Motto für das neue Jahr ist ziemlich radikal und umfassend. Es scheint mir wie ein Neujahrsvorsatz, der mit meinem alten Leben gar nichts zu tun hat. Denn nur weil ein neues Jahr angefangen hat, bin ich ja keine andere Person.

Ich überlege: Kann ich trotzdem etwas Neues in mir zum Strahlen bringen? Es muss ja nicht gleich alles neu sein. Vielleicht genügt es, wenn nur ein Teil in mir neu wird?

Was passiert, wenn das Alte noch bleibt?

Ich denke an die Kirche, in der ich als Pfarrerin in Frankfurt arbeite. Das Kirchengebäude liegt in der Innenstadt und ist schon richtig in die Jahre gekommen. Viele, die daran vorbeifahren, fragen sich: Findet da überhaupt noch etwas statt?

Klar, sage ich dann, und erzähle von Gottesdiensten mit modernen Liedern, dem Kinderchor und der Hilfe für Menschen, die nur wenig haben.

Lohnt sich Neues, wenn das Alte noch da ist?

Trotzdem: Das Gebäude ist alt und kaputt und sollte längst abgerissen werden. Mittlerweile wurde auch ein Teil verkauft, damit etwas ganz Neues entsteht: ein Hochhaus – zusammen mit einer neuen Kirche. Die soll kleiner sein als das bisherige Gebäude und ganz modern.

Aber so ein Bauvorhaben ist ziemlich komplex und es dauert, bis alle Beteiligten sich geeinigt haben. Bis es so weit ist, können also noch ein paar Jahre ins Land gehen. In Gedanken stelle ich mir jetzt schon vor, wie schön es dann sein wird. Mit viel Licht, hellen Stühlen und einem kleinen Café.

Aber noch ist es dunkel, wenn ich reinkomme. Noch fällt die Heizung immer wieder aus. Das Neue lässt noch auf sich warten. Für mich ist das manchmal schwer auszuhalten. Weil wir als Kirchengemeinde nicht genau wissen, wann endlich gebaut wird, fragen wir uns oft: Lohnt es sich noch, etwas neu zu machen? Oder lassen wir alles beim Alten?

Musik

In diesen Tagen wünsche ich vielen Menschen ein „Frohes Neues“. Eigentlich meine ich damit: Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr. Doch wenn’s schnell gehen muss, rufe ich meiner Nachbarin einfach über die Straße zu: „Frohes Neues“. Dabei denke ich: Was ist eigentlich das „Neue“? Was genau soll neu werden in diesem Jahr? Und was kann so bleiben, wie es ist?

Was können wir in der Kirche neu machen?

In der Kirche, in der ich arbeite, haben wir in den letzten Wochen überlegt, was wir da alles neu machen können. Denn das Gebäude ist schon ziemlich marode, und irgendwann soll eine neue, kleinere Kirche gebaut werden. Eine Renovierung lohnt nicht mehr, sagen die einen. Andere halten dagegen: „Wenn wir so denken, dann bleiben wir stehen.“

Auch kleine Schritte lohnen sich

Das will natürlich keiner. Also haben wir die Ärmel hochgekrempelt und losgelegt: Wir haben den Musikraum für den Kinderchor verschönert, die Toiletten umgebaut, damit auch Menschen mit Rollator oder Rollstuhl reinfahren können. Und die Eingangstür hat einen neuen Anstrich bekommen.

Wir wissen es: Aus dem alten Gebäude machen wir kein Schmuckkästchen mehr. „Siehe, ich mache alles neu“ – von diesem Motto sind wir viele Jahre entfernt. Aber wir konnten an manchen Stellen kleinere Dinge erneuern.

Neues strahlt aus

Und das strahlt aus: Ein Kind hat an Weihnachten zu mir gesagt: „Ich komme jetzt noch lieber zum Kinderchor, weil der Raum so schön geworden ist.“

Ich denke an meine persönlichen Pläne und Vorsätze für das neue Jahr. Es geht nicht darum, dass alles neu wird. Ich mache aus mir keinen neuen Menschen. Aber ich kann versuchen, in meinem Leben ein wenig Platz zu schaffen für Neues.

Wo kann Neues in mir entstehen?

Wie eine kleine persönliche Inventur. Dazu gehe ich in Gedanken durch mein Leben und überlege: Was müsste da mal aufgefrischt werden? Was kann schöner werden? Und wo soll Neues entstehen in meinem Alltag und in meinen Beziehungen?

Wie viel Perfektion braucht Veränderung?

Ich habe mir für das neue Jahr vorgenommen, wieder mehr frisch zu kochen. Weniger Nudeln, mehr Gemüse. Wenn das gelingt, bin ich froh. Und wenn es mal nicht so gelingt, dann muss ich darüber nicht verzweifeln. Manchmal reicht auch eine fertige Tomatensoße nach einem langen Tag.

Tipp: Gemeinsam anpacken 

Denn ich habe schon gemerkt: Die Koch-Idee klingt gut, aber setzt mich doch wieder unter Druck. Und so allein krieg ich das in unserem Familienalltag nicht hin. Also habe ich meine Kinder und meinen Mann gefragt, ob sie mitmachen. Sie haben meine Erwartungen zwar etwas gedämpft, aber jetzt haben wir ausgemacht: Mindestens einmal in der Woche machen wir ein schönes Familienessen. Das bereitet immer jemand anderes vor. Mit möglichst frischen Zutaten. Und Nudeln dürfen natürlich auch dabei sein.

Neues wächst Stück für Stück

Ich weiß: Das Neuwerden im neuen Jahr braucht Zeit. Sicherlich wird es auch hier und da einen Dämpfer geben, und nicht in jeder Woche wird unser Kochplan aufgehen. Aber ich habe die Hoffnung, dass Stück für Stück daraus etwas Neues entsteht: ein gesunder Blick auf den Körper, eine neue Wochenroutine und Zusammenhalt in der Familie.

Was heißt „Frohes Neues“ wirklich für mich?

Neues entsteht oft im Kleinen, und zwar so, wie ich das Leben bisher noch nicht gekannt habe. Und wenn mir jemand in den nächsten Tagen „Frohes Neues“ zuruft, dann denk ich daran: Es wird nicht alles neu, aber ein kleiner Teil. Ich bin gespannt, was das in mir verändert.