Sternenzeit
Es ist dunkel und kalt. Ich stehe im Garten und schaue nach oben. Der Himmel einer klaren Winternacht – übersät mit Sternen, hunderten, tausenden: ich bin überwältigt. Zuerst wirkt alles wie ein blinkendes und funkelndes Wimmelbild. Nach und nach fallen mir einzelne Sterne ins Auge, die großen zuerst. Mit ihrem Lichtkranz stechen sie aus der Vielzahl der winzigen Lichtpunkte hervor. Je dunkler die Nacht, desto heller erscheinen sie mir.
Vertraute Sternbilder in der Unendlichkeit des Alls
Ich lasse das Funkeln und Blinken auf mich wirken. Mit einem Mal erkenne ich Sternbilder: Den großen Wagen, das langgezogene W der Kassiopeia. Mit viel Glück entdecke ich die kleine Bärin. Ich begrüße die drei wie alte Bekannte, wie Nachbarn – dabei sind sie unendlich weit von mir entfernt. Zwischen der Erde und den 7 Sternen des Großen Wagens liegen bis zu 125 Lichtjahre, das sind so um die 1000 Billionen Kilometer, eine Entfernung, die ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann. Ich empfinde Ehrfurcht. Dieses unermessliche Universum!
Im Angesichts des Universums kommt man sich ziemlich klein vor
Wie klein ich bin in meiner Welt hier unten auf der Erde, ein winziger Punkt. Mir wird schwindelig, ich könnte mich in diesen Gedanken verlieren. Gleichzeitig haben die Sterne für mich etwas Beruhigendes. Der große Wagen und der kleine Bär vermitteln mir das Gefühl: Hinter dieser unvorstellbaren Weite liegt eine Ordnung.
Können wir wissen, wie viele Sterne am Himmel stehen?
Weißt du wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Dieses Kinderlied haben wir früher gesungen. Weißt du wieviel Sternlein stehen? Die Antwort ist klar: Das kann keiner wissen, kein Kind und kein Erwachsener. Nicht mal die Wissenschaftler. Die Astrophysiker, die haben schon erstaunlich viel herausgefunden über Planeten, Galaxien, über den Kosmos. Trotzdem: auch sie können die Sterne am Himmel nicht zählen.
In Gottes Ordnung hat jeder Stern seinen Platz
Das Kinderlied hat eine andere Lösung für dieses Problem: „Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl.“ Alle Sterne sind von Gott gezählt, auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst. In Gottes Ordnung hat jeder Stern seinen Platz.
Die Sterne am Nachthimmel sind Zeichen für eine verlässliche ordnende Macht
Ich schaue nach oben und staune. Im Januar ist richtig viel los am Himmel. Einzelne Sterne treten deutlicher hervor – als hätte sie jemand scharf gestellt. Und wenn ich Glück habe, flitzt eine Sternschnuppe übers Firmament – winzig, schnell, aber eindrücklich. Ich könnte mich verlieren in der Unendlichkeit der Sterne. Gleichzeitig erinnert mich das Sternenmeer daran, dass ich Teil von etwas viel Größerem bin. Die Sterne am Nachthimmel sind für mich Zeichen für eine verlässliche ordnende Macht. Das gibt mir ein sicheres Gefühl, auch für mein Leben hier unten auf der Erde.
Musik
Wie geben Sterne Orientierung – damals, heute und sogar für Tiere?
Sterne geben auch Orientierung – nicht nur im übertragenen Sinn. In alter Zeit richteten Seefahrer ihre Route an den Sternen aus. Heute gibt es dafür ausgeklügelte Instrumente. Aber das Prinzip funktioniert immer noch: Mit Polarstern, Sonne und Mond kann man Schiffe durch die Meere steuern. Nicht nur Menschen, auch Tiere suchen ihren Weg mit Blick zum Himmel. Vor einigen Jahren haben Biologen dazu eine interessante Entdeckung gemacht: Eine afrikanische Käferart, der Scarabaeus satyrus, orientiert sich an der Milchstraße. Mit ihrer Hilfe navigiert der Käfer seine Beute schnurstracks ans Ziel.
Warum sehnen wir uns gerade zum Jahresanfang nach Orientierung?
Am Ende des alten und am Beginn des neuen Jahres hätte ich gern so einen Stern, der mir die Richtung zeigt. In dieser Übergangszeit könnte ich so einen Wegweiser am Himmel gebrauchen. Denn der Übergang vom alten zum neuen Jahr löst zwiespältige Gefühle aus. Am Jahresanfang bin ich voller Energie – und gleichzeitig dünnhäutig. Einerseits sehe ich die Chancen im neuen Jahr. Ich habe Pläne, auf die ich mich freue. Eine Reise, die Party einer Freundin, mein neues Hochbeet, das ich in diesem Jahr das erste Mal bepflanze. Und es könnte ja auch sein, dass sich ganz neue Wege öffnen, Überraschendes, ungeahnte Möglichkeiten. Das macht mir Lust gleich loszulegen! Einerseits.
In den Schwung mischt sich aber auch ein Unbehagen. Weiß ich denn, wie es werden wird? Gelingt mir, was ich vorhabe? Und dann die ungeklärten Fragen aus dem Vorjahr, die wandern mit in das neue Jahr. Wie wird es werden? Und was habe ich überhaupt in der Hand? Der offene Raum ist nicht nur beflügelnd, er ist auch beunruhigend.
Wo finden wir Halt, wenn die Zukunft ungewiss bleibt?
Vielleicht schaue ich gerade deshalb in diesen Januarnächten so oft nach oben und genieße die Schönheit der geordneten Sternenwelt. Wie einfach wäre es, wenn ich meinen Weg durch das Jahr an der Milchstraße oder am Polarstern ausrichten könnte! Aber so leicht ist es nicht.
Die Sehnsucht danach ist nicht neu. Mitte Januar, wenn der Jahresanfang schon ein Stück hinter uns liegt und die ersten Vorsätze bröckeln, merke ich: Ich brauche einen Kompass, der über meine eigenen Pläne hinausweist.
Horoskope - Versuche aus den Sternen die Zukunft zu lesen
In diesen Wochen tauchen deshalb überall Horoskope auf – Versuche, aus den Sternbildern Hinweise für das neue Jahr zu lesen. Ob man daran glaubt oder eher schmunzelt: Dahinter steht die gleiche Frage wie früher bei den Seefahrern und wie heute bei diesem winzigen Käfer unter der Milchstraße: Wie finde ich meinen Weg, wenn ich nicht weiß, wie es weitergeht? Wo finde ich Halt, wenn die Zukunft ungewiss ist?
Musik
Gerade am Anfang eines Jahres sehne ich mich nach Anhaltspunkten, die mir den Mut geben, meinen Weg zu gehen. Dafür muss ich aber gar nicht immer in den Himmel schauen.
Welche Sternenmomente leuchten mitten im Alltag auf?
Auch hier unten, mitten im Alltag, gibt es Momente, die leuchten: Augenblicke, die etwas öffnen, klarer machen. Wie bei dem Jungen, der Schüler einer Freundin von mir war. Die Freundin hatte in Mathe mit den Kindern dividieren geübt, 12:4 oder 9: 3. Ein Junge bekam es einfach nicht hin. Obwohl er sich alle Mühe gab! Aber auf einmal hatte er es. Ganz von selbst. Das Leuchten in seinen Augen wird die Freundin nicht vergessen. Ein Sternenmoment! Oder Anna, sie war neu in der Klasse und kam sich verloren vor. Bis Luisa sie zum Geburtstag einlud. Danach fühlte sie sich nicht mehr so fremd in der neuen Klasse. Luisa war ihr Bezugspunkt, wie ein kleiner Stern. Solche Augenblicke tauchen ganz plötzlich auf, mitten im Alltag. Ihr Leuchten gibt Energie und Zuversicht.
Ich erlebe solche Momente, wenn ich mal kurz aus der Routine aussteige und die Gedanken anhalte. Das hilft mir, mich zu sortieren. Ich besinne mich auf, Sternenmomente - auf Erfahrungen, die mir in der Vergangenheit weitergeholfen haben.
Aus dem Glaube kann man Geborgenheit und Mut für das neue Jahr schöpfen
Halt und Orientierung schöpfe ich aber auch aus meinem Glauben. Der Blick zum Himmel zeigt mir: Ich bin Teil von etwas Größerem. Da gibt es eine Ordnung, größer als ich, verlässlich und weit. Mein eigenes Leben – mit allem, was gelingt und allem, was schwer ist – ist darin aufgehoben. So gewinne ich Abstand von meinen Fragen und Sorgen.
Ich denke noch einmal an das Kinderlied. Die letzte Strophe fragt: Weißt du wieviel Kinder frühe steh’n aus ihrem Bettlein auf? Und die Antwort: Gott der Herr kennt sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen! Kennt auch dich und hat dich lieb.
Keine Frage: das ist naive Kindersprache aus einer anderen Zeit. Aus dieser Sprache bin ich längst herausgewachsen. Aber das Gefühl geborgen zu sein, das habe ich mitgenommen. Es hat noch immer Resonanz in meinem Inneren. Ich habe meinen Platz in Gottes Welt. Das gibt mir Ruhe. Und Mut für das, was kommt. Darum gehe ich zuversichtlich in dieses neue Jahr.