Wer, wenn nicht wir? Sommerreihe "Protest" - Rio Reiser - Wann?
Rio Reiser ist vielen als der „König von Deutschland“ bekannt. Mit dem gleichnamigen Lied hat er 1986 als Solokünstler die Hitparade erobert. In den 70er Jahren war Rio Reiser Sänger der Band „Ton Steine Scherben“, bis sie sich auflöste. Immer wieder hat er in seinen Liedern politische Schieflagen und gesellschaftliche Missstände thematisiert – und war davon überzeugt: jeder Mensch kann etwas daran ändern, zum Beispiel durch Protest.
Pastoralreferentin Anke Jarzina von der katholischen Kirche erinnert sich im Rahmen der Reihe „Mit Popsongs auf Sinnsuche - Protestsongs“ an ein anderes Lied von Rio Reiser, das sie selbst als persönlichen Apell versteht.
Dem Ärger Luft machen
Neulich bei einer Freundin: die Kinder spielen im Garten, die Sonne scheint, wir sitzen im Schatten, essen Kuchen und schwätzen über Gott und die Welt. Die Sprache kommt auf das neueste Video, das vom US-Präsidenten Donald Trump im Internet kursiert. „Wie peinlich, hast du das gesehen?“, sagt meine Freundin. Ich stimme ihr zu: „Ich weiß manchmal gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn ich diesen Mann sehe.
Einfach nur schrecklich, dass ausgerechnet so einer der mächtigste Mann der Welt sein soll!“ Tja, aber was soll man da machen? Meine Freundin und ich sind zunächst etwas ratlos. Dann meint sie: „Eigentlich müsste man gegen ihn protestieren. Auf die Straße gehen. Kann doch nicht sein, dass dieser Mensch sein Land, die sozialen Reformen, ja, selbst das Weltklima derartig vor die Wand fährt!“ Und schon bin ich dabei: „Stimmt, das geht gar nicht! Der leugnet ja sogar den Klimawandel, hast du das gehört?“
Wenn es um die Bewahrung der Schöpfung geht, gehen bei mir sämtliche Alarmglocken an: „Protest klingt gut!“ Bestimmt gibt‘s noch mehr Leute, denen es auch so geht. Und selbst wenn nicht, ich muss meinem Ärger jetzt endlich mal Luft machen. Ich will für das, was mir wichtig ist, einstehen und aufstehen, und nicht nur abwarten, rumsitzen und Kaffee trinken.
Ich merke, dass dieser Ärger im Bauch mich aufrüttelt und antreibt: irgendwas muss jetzt endlich mal passieren! Dieses Gefühl, das hatte ich früher schon mal. Es ist schon ein paar Jahre her – aber ich erinnere mich genau an das Gefühl - und an ein Lied, das ich damals rauf und runter gehört hab.
Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?
Auch kleine Dinge können die Welt verändern
„Wer, wenn nicht wir?“ – Genau! Da war doch mal was. Damals, als ich dieses Lied so inhaliert hab, war ich so 18, 19 Jahre alt. Ich war gerade aus Brasilien wieder gekommen. Nein, ich hatte da keinen Urlaub da gemacht. Ich war mit anderen jungen Leuten bei einem sogenannten „Workcamp“ gewesen, in einem Armenviertel in der Stadt Alagoinhas.
Wir haben vier Wochen dort gelebt und gearbeitet: Ein Dach neu gedeckt, Gartenarbeit erledigt. In den Kinderkrippen und Schulen ausgeholfen. Alte Computer wieder in Schuss gebracht. Und unsere kleinen Hilfeleistungen, die haben den Leuten dort tatsächlich geholfen. Es waren wirklich nur kleine Dinge, die wir tun konnten – aber die haben tatsächlich was verändert.
Daheim ist alles wieder anders
Als ich wieder nach Hause kam, musste ich erst mal einen Kulturschock verdauen. Dort, in Brasilien, können sich die ganz normalen Leute manchmal nichts zu essen leisten. Sie brauchen unsere Hilfe. Aber statt für sie dort etwas zu tun, beschäftigen wir uns hier lieber mit den neuesten Fitnesstrends, bescheuerten Fernsehsendungen und teuren Markenklamotten.
Wie oberflächlich! Das hat mich auch damals schon ganz schön wütend gemacht. Ich hab dann immer gern laut Musik gehört, um dem Ärger Luft zu machen. Und einmal bin ich beim Stöbern in meinem CD-Regal aus irgendeinem Grund an einer Platte von Rio Reiser hängen geblieben. Ein Lied von ihm hat mich sofort „angesprungen“ und gepackt.
Es ist kein lautes „Wut-Lied“ zum Mitgrölen. Mir gefällt außer dem Text aber auch dieser verhaltene, durchgängige Rhythmus. Wie ein hartnäckiger Marsch, ein beharrlicher Protest. Wie ein steter Tropfen, der den Stein irgendwann höhlt…
Du sagst, du willst die Welt nicht ändern. Und ich frag mich, wie machst du das nur? Du bist doch kein Geist in der Flasche. Und du bist auch kein Loch in der Natur. Denn nach jedem Schritt, den du gehst und nach jedem Wort, das du sagst und nach jedem Bissen, den du isst, ist die Welt anders als sie vorher war.
Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?
Was kann ich tun?
Ganz klar: Jeder kleine Schritt verändert die Welt. In Brasilien hab ich das damals erlebt: Ich hab mich mit meiner Gruppe zusammen für die Armen stark gemacht. Wir haben Analphabeten geholfen, lesen und schreiben zu lernen. Das war richtige Politik: Wir haben aktiv die Welt gestaltet und sie sogar ein kleines bisschen besser gemacht.
Und was ist heute? Heute sitze ich gemütlich mit meiner Freundin im Garten, esse Kuchen und rege mich über Herrn Trump auf. Aber Aufregen reicht doch nicht! Ich will Protest! Und zwar richtigen. Nur: Laut Rumgrölen bringt ja letztlich auch nix. Die große Frage ist: Was kann ich tun, damit mein Protest auch wirklich gehört wird, irgendetwas bringt und wirksam ist? Oder hab ich am Ende gegen „die da oben“ eh keine Chance?
Du sagst, du willst die Welt nicht retten, das ist dir alles ´ne Nummer zu groß. Und die Weltenretter war‘n schon so oft da, nur die meisten verschlimmbessern bloß. Und doch fragt mich jeder neue Tag auf welcher Seite ich steh. Und ich schaff‘s einfach nicht einfach zuzuseh’n, wie alles den Berg runter geht.
Ich kann nicht einfach nichts tun
Die große Weltklimapolitik und alles was damit zusammenhängt, das ist mir ehrlich gesagt auch ´ne Nummer zu groß. Das versteh ich alles nicht so richtig. Aber: Ich muss mich doch trotzdem dauernd entscheiden: Auf welcher Seite stehe ich eigentlich? Wie will ich leben? Welche Welt wünsche ich mir - für mich und für die Menschen, die nach mir leben werden?
Und ganz ehrlich: wenn ich mir die Welt so anschaue, merke ich: Die ist noch lange nicht so, wie ich sie mir wünsche. Und ich kann genauso wenig wie Rio Reiser dabei zusehen, wie alles bergab geht. Ich will etwas tun.
Aber was? Und wie? Wie soll ich als einzelner, ganz normaler Mensch etwas am großen Weltgeschehen ändern?
Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?
Liebe ist das Wichtigste
Aha! Für Rio Reiser ist die Sache klar: „Wie, wenn ohne Liebe?“, singt er. Das bedeutet doch so viel wie: Ohne Liebe kannst du‘s gleich vergessen. Das erinnert mich tatsächlich an eine ganz bekannte Stelle aus der Bibel, die gerne bei Hochzeiten vorgelesen oder auch gesungen wird. Diese Stelle geht so:
Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel, aber ich habe keine Liebe, dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong oder eine lärmende Trommel. Wenn ich prophetische Eingebungen habe und alle himmlischen Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis besitze, wenn ich einen so starken Glauben habe, dass ich Berge versetzen kann, aber ich habe keine Liebe, dann bin ich nichts. Und wenn ich all meinen Besitz verteile und den Tod in den Flammen auf mich nehme, aber ich habe keine Liebe, dann nützt es mir nichts.“ (1 Kor 13,1-3, Gute Nachricht Bibel, revidiert)
Ich kann machen und tun und reden und handeln und glauben und leben und sterben – aber ohne Liebe kann ich es auch sein lassen.
Gott ist Liebe
Und was ist Liebe? In der Bibel steht an anderer Stelle: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8). Und dieser Gott ist ein Gott, der für die Armen und Schwachen, die Ausgegrenzten und Niedergedrückten da ist und sich immer wieder für sie stark macht. Seine Liebe ist ein Protest gegen die Mächtigen und Starken dieser Welt.
Deshalb kommt dieser Gott auch als kleines, wehrloses Jesuskind im Stall zur Welt und stirbt ausgeliefert am Kreuz. Dieser Gott ist einer, der sich klein macht, der die Menschen ernst nimmt, ihnen auf Augenhöhe begegnet, sie so annimmt, wie sie sind – und sogar selber einer von ihnen wird.
Das ist Liebe! Das jedenfalls ist die Liebe, an die ich glaube. Und diese Liebe kann Wunden heilen, sowohl körperliche als auch seelische. Und sie kann die Welt verändern!
Du sagst, du willst die Welt nicht ändern. Dann tun’s eben andre für dich. Und der Wald, in dem du vor Jahren noch gespielt hast, hat plötzlich ein steinernes Gesicht. Und die Wiese, auf der du gerade noch liegst, ist morgen ne Autobahn. Und wenn du jemals wieder zurückkommst, fängt alles von vorne an.
Ich will das nicht
Nein, das darf nicht passieren. Ich will nicht, dass unsere Welt immer mehr zubetoniert oder von Plastik vergiftet oder von Blödmännern regiert wird. Und was wäre das für ein Alptraum: wenn ich dem bösen Karma niemals entfliehen könnte, wenn alles immer wieder von vorne anfinge! Irgendwann sterbe ich. Und selbst, wenn es dann für mich endgültig vorbei ist, müssen doch am Ende meine Kinder und Kindeskinder die Suppe auslöffeln, die ich ihnen eingebrockt habe!
Es hilft alles nix, ich muss mich entscheiden: Entweder ist mir einfach alles egal - dann ist aber auch mein ganzes Handeln „ohne Liebe“ und damit nichts wert. Oder aber: Ich gehe den Weg, den ich als wahr und wahrhaftig erkannt habe, und den auch Rio Reiser vorschlägt: den Weg der Liebe!
Mein Glaube an Gott hilft mir, das Richtige zu tun – und zwar aus Liebe zu den Menschen und zur Schöpfung. Das bedeutet für mich zum Beispiel folgendes:
- Wenn ich will, dass sich die Menschen mit Respekt begegnen, sich für einander interessieren und gegenseitig ihre Leiden lindern und ihre Wunden heilen, dann will ich heute versuchen, den Menschen, die mir begegnen, mit besonderer Aufmerksamkeit zu begegnen: Was macht sie traurig oder einsam? Wie kann ich für sie da sein?
- Wenn ich will, dass die Erde wieder atmen kann, dass sie nicht in ihrem Müll, ihrem Plastik, ihrem ganzen Kram erstickt, dann denke ich daran, auf meine Einkaufsliste für die nächste Woche vor allem Dinge zu schreiben, die keine Plastikverpackung haben.
- Wenn ich will, dass kein peinlicher Macho ohne Anstand und Weitblick unser Land regiert, dann lasse ich mich (zum Beispiel demnächst im September bei der Bundestagswahl) nicht von Effekthascherei bei der Wahlwerbung blenden, sondern ich informiere mich vorher so gut es geht und setze dann mein Kreuzchen dort, wo ich es wirklich für richtig halte.
Die Veränderung beginnt bei mir
Die Veränderung fängt mit mir an. Dafür muss ich nicht erst ein Workcamp in Brasilien machen oder dem Präsidenten der Vereinigen Staaten lauthals die Meinung geigen. Ich kann jetzt und hier ganz konkret etwas tun und die Welt verändern.
Das große Ziel dabei, vielleicht das größtmögliche, ist das, was Jesus in der Bibel „das Himmelreich“ nennt: Eine Welt, in der es vollkommen gerecht zugeht, ohne Leid, ohne Angst, ohne Krieg, Hass und Zerstörung. Stattdessen: vollkommener Frieden.
Das klingt weltfremd. Ist es aber nicht. Jeder meiner Schritte kann dazu beitragen, dem „Himmelreich“ ein bisschen näher zu kommen: mein liebevolles Zuhören, mein Plastikfasten, meine verantwortungsvolles Handeln als Wähler. Das ist wirksamer Protest gegen Resignation und Gleichgültigkeit, gegen Verbitterung und Zynismus, gegen Lieblosigkeit und Kälte. Die Veränderung fängt immer mit mir an. Und wann, wenn nicht jetzt?
Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?