hr2 MORGENFEIER
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Hieke, Prof. Dr. Thomas

Eine Sendung von
Prof. Dr. Thomas Hieke,
Professor für Altes Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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Eine Skulptur Gottes

Was ist das für ein Gott?

Glaubst du an Gott? Ich halte diese Frage für nicht so wichtig. Wichtiger erscheint mir eine andere: Wenn du an einen Gott glaubst – was ist das dann für ein Gott? 

Diese Frage drängt sich in die Nachrichten und die Politik: Ist das ein Gott, der Kugeln gegen Feinde fliegen lässt, wenn ihn ein Präsident darum bittet? Oder ist das ein Gott, der Gerechtigkeit und Frieden für alle Völker will? Was ist das für ein Gott, von dem du sprichst und an den du glaubst?

Es glauben immer noch viele Menschen

Nach den Statistiken glauben weltweit immer noch mehr Menschen an Gott oder an göttliche Wesen, als es Menschen gibt, die ausdrücklich von sich sagen, dass sie nicht glauben. Auch wenn die Bindungen an Religionen abnehmen: Die „Gläubigen“ sind immer noch in der Mehrheit. 

Also weltweit betrachtet. Und woran glauben diese Gläubigen? Was ist das für ein Gott? Aus der Vielfalt der Vorstellungen von Gott greife ich mir heute die aus der Bibel heraus, weil ich mich damit ein wenig auskenne. Vielleicht erstmal nur die aus den fünf Büchern Mose. Take Five.

Musik 1: Take Five von Paul Desmond und Dave Brubeck (CD The Essential Dave Brubeck, CD 2, Track 1, bis ca. 1:55, dann fade out 5 Sek.)

In der Bibel spricht Gott selbst

Die Bibel also – was ist das für ein Gott, von dem da allerlei Sachen in der Bibel stehen? Menschen reden lang und breit über Gott, auch in der Bibel. Aber die Bibel hat noch ein anderes Format: Sie lässt Gott selbst sprechen. Es gibt Abschnitte in der Bibel, da spricht Gott von sich selbst in erster Person: „Ich“. Ich bin, ich heiße … 

Das gibt dem Ganzen besonderes Gewicht: es klingt nach authentischem „so bin ich und das will ich“. Ich persönlich bin fasziniert davon, wie raffiniert die Bibel Gott in erster Person von sich selbst sprechen lässt. 

Vor allem das Buch Exodus, das 2. Buch Mose, macht das gerne. Hier spricht Gott oft von sich selbst. Dieses Buch erzählt davon, wie Gott das Volk Israel vor über 3000 Jahren aus einer Situation der Ausbeutung und Versklavung im Land Ägypten herausholt. Als Anführer wählt Gott einen Viehhirten namens Mose aus. Als Gott ihn zu dieser Befreiungsaktion beauftragt, will Mose erstmal wissen: Was ist das für ein Gott?

Ein Gott, der die Freiheit will

Am Anfang präsentiert sich Gott dem Mose als ein Bekannter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs (Ex 3,6). Aber Mose will es etwas genauer wissen, vor allem, weil er dem Volk erklären will, wer dieser Gott ist und was Gott mit ihnen vorhat. „Was soll ich ihnen sagen?“, fragt Mose. 

Die Antwort auf diese berechtigte Frage ist ein Rätsel. Gott sagt zu Mose: ehje ascher ehje, Ich bin, der ich bin (Ex 3,14). Ich lese das so: Dieser Gott macht nicht viele Worte um sich, sondern handelt – und dann werden die Menschen schon sehen, was das für ein Gott ist. 

Tatsächlich handelt dieser Gott dann auch, so erzählt die Bibel weiter. Dieser Gott holt Mose und seine Leute aus der Sklaverei. Dieser Gott will, dass die Menschen frei sind – und nicht von anderen niedergeknüppelt und ausgebeutet werden. Ich bin, der ich bin – ein Gott, der die Freiheit will.

Der Name Gottes

Und dann verrät dieser Gott seinen Namen. Der Name ist aber nicht zum Aussprechen gedacht. Es sind vier Buchstaben: die Mitlaute: Jot, Ha, We, Ha. Wer diesen Text geschrieben hat, wollte nicht, dass ich beim Vorlesen etwas laut sage – oder auch nur, dass ich mir vorstelle, was Mose da gehört haben könnte. 

Dieser Gottesname mit den vier Buchstaben ist gerade nicht das, was wir aus dem Alltag kennen: Wenn ich jemanden beim Namen rufe, dann wird die Person in irgendeiner Weise auf mich reagieren. Ich kann mit dem Namen zärtlich an eine vertraute Beziehung anknüpfen. Ich kann mit dem Namen eine Bitte oder einen Befehl verbinden. Das Ansprechen mit Namen löst in meinem Gegenüber normalerweise etwas aus. So ist das mit Namen in unserem Alltag. 

Aber so funktioniert das mit dem Vier-Buchstaben-Namen Gottes gerade nicht. Dieser Name bringt Gott nicht auf den Begriff, ich habe damit Gott nicht im Griff. Die Bibel verbietet es auch, den Namen Gottes zu irgendetwas zu benutzen, ihn zu missbrauchen, für Magie oder zum Fluchen. 

Gott ist viel größer, als dass Gott in einen Namen passt. Gott ist frei, auch von meinen engen Vorstellungen, wie Gott meiner Meinung nach sein müsste. Um die Größe und Freiheit und Souveränität Gottes mir bewusst zu machen, spreche ich diesen Namen nicht aus. Das ist eine gute und alte Tradition im Judentum. Das haben auch Christinnen und Christen mehr und mehr herausgefunden. 

So wird in den katholischen Gottesdiensten der Gottesname nicht ausgesprochen, und das finde ich gut so. Dieser Gott nun, dessen Namen ich nicht nenne, hat eine Gruppe von Leuten aus der Sklaverei in die Freiheit geführt. Freiheit – wenn ich dafür ein Symbol aus unserer Geschichte nennen sollte, dann fällt mir der 9. November 1989 ein und das Brandenburger Tor und wie die Menschen damals ihre neu gewonnene Freiheit gefeiert haben. Die überwundene Mauer am Brandenburger Tor. Noch vor dem Mauerbau 1963, nämlich 1958, hat Dave Brubeck sein Stück „Brandenburg Gate“ komponiert, aus dem wir einige Takte hören.

Musik 2: Brandenburg Gate (CD The Essential Dave Brubeck, CD 1, Track 11, fade out bei ca. 2:59)

Die Brücke zwischen Gott und allen Menschen

Das Brandenburger Tor in Berlin als Ikone für die Überwindung der Mauer und für die Freiheit. Dreitausend Jahre vorher führt Mose im Auftrag Gottes die Israelitinnen und Israeliten in die Freiheit. Und wo kann diese Freiheit gelebt werden? 

Die Bibel erzählt weiter, dass Mose seine Leute an die Schwelle des „Gelobten Landes“ führt. Das „Gelobte Land“ ist das Land, das Gott den befreiten Ausgebeuteten gelobt, also versprochen hat. Ein Land, in dem Milch und Honig fließen, ein Land, in dem alle gut leben können. Was ist das für ein Gott? Ich bin, der ich bin – ein Gott, der für gute Lebensgrundlagen sorgt für alle. 

Und was ist das für ein Gott, der für sich ein Volk erwählt? Ins Gelobte Land kommt schließlich das auserwählte Volk – so steht es in der Bibel. Auserwählt, eine Elite – sind das die besseren Menschen oder halten die sich nur für etwas Besseres? Weder – noch. 

Der Gott der Bibel erwählt bestimmte Menschen für sich, um mit ihnen einen Plan für alle Menschen umzusetzen. Das Volk der Bibel soll Gottes besonderes Eigentum sein, ein heiliges Volk, ein priesterliches Volk. Priester sind Brückenbauer zwischen Gott und Menschen – und so soll das Volk eine Brücke bauen zwischen Gott und allen Menschen. Und wie soll das gehen? 

Die fünf Bücher und zehn Gebote

Das auserwählte Volk bekommt von diesem Gott eine besondere Weisung: Darin wird beschrieben, wie es gehen kann, dass alle gut miteinander auskommen, dass ein gutes Leben für alle möglich wird. Diese Weisung wird auf Hebräisch Tora genannt, die fünf Bücher des Mose. 

Wenn fünf Bücher zu viel sind, reichen für den Anfang vielleicht auch erst einmal zehn Gebote. Die Zehn Gebote, die gern auf zwei Tafeln geschrieben werden. Auf Bildern ist das öfter zu sehen. Darunter sind wichtige Dinge wie „du sollst nicht töten“, „du sollst nicht stehlen“, „du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen“ (Ex 20,13.15.16). 

Schon die drei würden die Welt besser machen, wenn sich alle daran halten würden. Was ist das für ein Gott? Ich bin, der ich bin – ein Gott, der eine Weisung gibt, wie ein gutes Leben für alle Menschen möglich ist. 

Dieser Gott erwählt sich ein Volk aus, das diese Weisung mustergültig vorlebt. Ja, Vorbilder sind nötig, wer wollte das bestreiten! Das auserwählte Volk – es soll Vorbild sein, wie Gottes Weisung zu einem guten Leben für alle führt. 

Das ist Gottes Plan, und der gilt immer noch, im Judentum wie im Christentum. Das Gute beispielhaft vorleben! Wie soll das gutgehen? Und wenn es nun nicht funktioniert?

Musik 3: Stardust (CD The Essential Dave Brubeck, CD 2, Track 15, fade in bei 3:10 – Saxophon-Solo)

Ein Gott, der bereit ist zu vergeben

Die Bibel erzählt von diesem abenteuerlichen Plan Gottes: Ein auserwähltes Volk soll beispielhaft Gottes Weisung leben und so allen Menschen zeigen, wie ein gutes Leben gelingen kann, wie alle gut miteinander auskommen. Das funktioniert von Anfang an nicht. 

Aber es wird immer wieder probiert, und immer wieder scheitern die Menschen – schon in der Bibel, im Judentum wie im Christentum. Was ist das für ein Gott? Ich bin, der ich bin – barmherzig und gnädig. So entwickelt die Bibel eine faszinierende Vorstellung: ein Gott, der bereit ist zu vergeben. Auch hier lässt die Erzählung Gott von sich selbst sprechen, diesmal aber in dritter Person. 

Ein unsichtbarer Gott?

Was war eigentlich passiert? Die Israelitinnen und Israeliten in der Wüste Sinai haben Mose vermisst: Mose war auf den Berg zu Gott gestiegen und ist lange nicht zurückgekommen. Da haben sich die Israeliten einstweilen ein Goldenes Kalb gemacht, das sie anbeten. Mose kommt mit den Tafeln der Zehn Gebote zurück, ist fürchterlich erbost, zerschmettert die Tafeln und das Goldene Kalb dazu.

Nichts haben sie nun mehr in der Hand – nur einen unsichtbaren Gott. Mose aber will diesen Unsichtbaren sehen. Das geht aber nicht, erst im Nachhinein darf Mose etwas sehen, das nicht näher beschrieben wird. Wichtig ist, was dieser Gott dann zu Mose über sich sagt. 

Gleich zwei Mal kommt der geheimnisvolle Gottesname, den ich nicht ausspreche, vor, und das erinnert an das Ich bin, der ich bin: ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue: Er bewahrt tausend Generationen Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, aber er spricht nicht einfach frei, er sucht die Schuld der Väter bei den Söhnen und Enkeln heim, bis zur dritten und vierten Generation (Ex 34,6–7).

Der “liebe Gott”

Was ist das für ein Gott? Der Gott der Bibel ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld und Treue. Schwierige Spezialworte, kaum in Alltagssprache zu übersetzen. Dieser Gott hat dich immer lieb, verzeiht immer, hält zu dir, was immer passiert, besser noch als der beste Freund, die beste Freundin, selbst als Eltern es je könnten. Das ist der „liebe Gott“ – aber diese Liebe, Treue und Zuwendung Gottes hebt die Verantwortung der Menschen nicht auf. 

Dieser Gott spricht nicht einfach frei – Gott sucht die Schuld heim, das heißt: Gott überprüft, ob die dritte und vierte Generation noch die gleichen Fehler und Bosheiten begeht, und wenn ja, schreitet Gott ein und handelt. Was ist das für ein Gott? Ein Gott, der beim Scheitern einen Neuanfang schenkt. Das aber kann nicht beliebig ausgenutzt werden – die Menschen bleiben verantwortlich für das, was sie tun.

Musik 4: Brother can you spare a dime (CD The Essential Dave Brubeck, CD 2, Track 16, bis ca. 1:50, dann fade out bis ca. 2:00)

Die Weisung Gottes

Was ist das für ein Gott? Der Gott der Bibel führt in die Freiheit und will, dass Menschen in Freiheit leben. Dieser Gott schenkt alle nötigen Lebensgrundlagen auf dieser Erde, so dass alle Menschen gut leben können – in Einklang untereinander und mit der gesamten Natur, mit Tieren und Pflanzen. So hat der Gott der Bibel diese Welt geschaffen. 

Damit die Menschen gut miteinander auskommen, hat der Gott der Bibel eine Weisung gegeben – und bestimmte Menschen sollen vorleben, wie diese Weisung zu einem guten Leben für alle führt. Wenn die Menschen daran scheitern, schenkt der Gott der Bibel einen Neuanfang, Gott ist langmütig, barmherzig und gnädig. 

Damit wird aber die Herausforderung für die Menschen nicht aufgehoben: Sie sind nach wie vor aufgerufen, ihr Leben so zu gestalten, dass alle gut leben können. Dazu ruft auch Papst Leo in seiner neuen Enzyklika auf. Er betont wie die Bibel die wichtige Balance: so viel Freiheit und Entfaltung für die Menschen wie irgend möglich – und ein gemeinsames Hören auf die Weisung, wo Grenzen für die Einzelnen sind. 

Wozu diese wackelige Balance? Nur mit dieser maximalen Freiheit ist Liebe möglich. Und das ist der Gott der Bibel auch: die Liebe.

Musik 5: Weep no more (CD The Essential Dave Brubeck, CD 1, Track 8, fade out ab 1:30)