Stolz aus selbstloser Liebe - Sonntagsgedanken Sommerreihe „Protest“ - U2 – Pride
„I have a dream – Ich habe einen Traum“, so lauten die zentralen Worte der Rede, mit der Martin Luther King weltberühmt wurde. Er hielt sie am 28. August 1963 in der US-Hauptstadt Washington vor 250.000 Menschen. Mit diesem Protest gegen die Rassentrennung in den USA wurde Schritt für Schritt der Weg frei für gleiche Rechte von Schwarzen und Weißen.
Die irische Rockband „U2“ widmet dem Bürgerrechtler ihren Song „Pride“. Mit ihm geht Sebastian Pilz von der katholischen Kirche in Fulda heute im HR1-Sonntagsgedanken der Frage nach: Was macht den Protest von Martin Luther King so besonders?
Martin Luther King und Pride von U2
Ich kenne diesen Martin Luther King nicht wirklich. Wie auch? Schließlich wurde er vor beinahe 50 Jahren ermordet. Sein Bild und den Protest-Marsch auf Washington sind mir nur aus dem Geschichtsunterricht bekannt. Noch dunkel weiß ich, dass ich seine berühmte Rede mal bearbeitet habe.
Ganz genau aber habe ich im Kopf, wie beeindruckt ich immer von Original-Mitschnitten seiner Reden war. Noch heute bin ich ganz fasziniert von dieser Ergriffenheit in seiner Stimme. Darin steckt eine Ausstrahlung, die mich anrührt und aufrüttelt. Das geht wohl nicht nur mir so, sondern auch der irischen Rockband U2, die ihm den Song „Pride“ gewidmet hat.
Lied: 0.00 – 01.03
Übersetzung: ein Mann kommt im Namen der Liebe, ein Mann kommt und geht, ein Mann kommt um Gerechtigkeit zu schaffen, ein Mann kommt um umzustürzen.
Im Namen der Liebe, was mehr, als im Namen der Liebe
Protest für Veränderung
U2 schreiben diesen Song nach einem Besuch in den USA. 1983 war das. Auch sie kennen also Martin Luther King nicht persönlich. Und dennoch: Ein Jahr nachdem sie in einer Ausstellung mehr über ihn erfahren haben, bringen sie den Song heraus. Kings Leben hat sie also beeindruckt.
Wenn ich mir den gesamten Song anhöre, entdecke ich drei verschiedene Varianten ihn zu verstehen. Bei meiner ersten Interpretationsvariante ist auffällig: Obwohl der Song Martin Luther King gewidmet ist, scheint es in der ersten Strophe gar nicht um ihn zu gehen. Es findet sich darin zumindest kein wörtlicher Bezug auf ihn.
Gut, die Band umschreibt King als einen Mann, der kommt und gegen das Unrecht protestiert. Das Englische „one man“ aber enthält eine weitere Bedeutung. Es lässt sich auch im Sinne von „irgendein Mensch“ übersetzen.
Dadurch klingt die erste Strophe gleich viel allgemeiner – für mich die erste Variante, dieses Lied zu deuten. U2 geben hier eine Art Definition für eine Person, die Protest übt: Es ist nämlich jemand, der aus Liebe handelt.
Er wendet sich voller Leidenschaft einem Schwächeren zu, lässt sich im Herzen von seiner Not anrühren und geht dann los. Dieses Losmarschieren unterstreicht das Schlagzeug, wie ich finde, im gesamten Lied eindrucksvoll. Es geht voran: hin zum Protest, hin zur Veränderung.
Lied: 01.03 – 01.20
Übersetzung: Ein Mensch, gefangen hinter Stacheldraht, ein Mensch der Wiederstand leistet, ein Mensch, angeschwemmt an einem leeren Strand, ein Mensch, betrogen mit einem Kuss.
Auch heute noch aktuell
Wo zunächst noch Liebe und Leidenschaft den Protest antreiben, offenbaren U2 hier, meiner ersten Interpretation zu Folge, die dramatischen Konsequenzen für jemand, der protestiert: Er oder sie muss leidensfähig sein. Zumindest kann das sehr schnell eingefordert werden.
Widerstand kann ins Gefängnis oder in den Tod führen. Obwohl der Song aus den 80igern des vergangenen Jahrhunderts ist, lassen sich auch heute noch aktuelle Beispiele dafür in der Türkei oder Russland finden. Da werden politische Oppositionelle weggesperrt. Andere Betroffene ergreifen die Flucht und landen wie verlorenes Treibgut angeschwemmt in fremden Ländern.
Aber in dieser zweiten Strophe klingt für mich auch die zweite Interpretationsmöglichkeit für dieses Lied an: Die Musiker mit christlichen Wurzeln spielen mit der letzten Zeile auf Jesus und die Bibel an. Da heißt es: … „ein Mann verraten durch einen Kuss“.
Jesus wird nämlich nach dem letzten Abendmahl von Judas, einem vertrauten Jünger, durch einen Kuss verraten. Überhaupt verstehe ich nicht nur diese Stelle, sondern den ganzen Song als eine Beschreibung des Lebens von Jesus Christus. Denn Jesus kommt und handelt:
Lied: 1.20 – 01.40
Übersetzung: Im Namen der Liebe, Was mehr, als im Namen der Liebe
Jesus kommt aus Liebe in die Welt
Zu dieser zweiten Interpretation des Liedes auf Jesus hin gibt mir die Band Anlass, schließlich hat deren Frontmann Bono auch schon einen Film über das biblische Buch der Psalmen veröffentlicht. So gedeutet, entdecke ich im Songtext: Jesus kommt im Namen der Liebe zur Welt, weil Gott die Menschen und die Welt liebt. Jesus will das Reich Gottes in Gerechtigkeit aufrichten.
Er protestiert lautstark und aber auch in Liebe, denn er hat ein Herz für die Armen und Ausgestoßenen. Und schließlich lässt er sich wehrlos ans Kreuz schlagen. Aber dieses Kreuz ist nicht das Ende. Seine Mission im Namen der Liebe hat Erfolg. Auferstehung von den Toten nennen Christen das. Die Liebe, so der Glaube, ist eben stärker als der Tod.
Eine Nachfolge Jesu
Ich weiß, nun warten Sie schon auf die dritte Interpretation, und die liegt mit der Person von Martin Luther King ganz nahe: Er versteht nämlich seinen Protest als eine Nachfolge Jesu. Wenn King zu den Massen spricht, höre ich diese Liebe, ja dieses Feuer von Gott her, in ihm brennen.
Das haben wohl auch U2 so empfunden, schließlich nennen sie das Album mit diesem Song darauf auch: Unforgettable fire, unvergessliches Feuer. In Martin Luther King strahlt für mich jene Kraft im Namen der Liebe auf, die Gläubige als Heiligen Geist Gottes bezeichnen. King weiß sich eben von Gott geliebt und versteht sich als Jünger Jesu in seiner Zeit, der für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung für alle kämpft.
Die folgende Strophe wird dann auch konkret, ganz biographisch auf King hin, wobei er auch hier nicht wörtlich genannt wird. Diese Strophe erzählt davon, dass er am 4. April 1968 in Memphis erschossen wird.
Lied: 02.24 – 03.00
Übersetzung: Früh morgens, vierter April, fällt unter dem Himmel von Memphis ein Schuss[1], endlich frei, nahmen sie dir das Leben, deinen Stolz konnten sie dir nicht nehmen.
Im Namen der Liebe, Was mehr, als im Namen der Liebe
Vision auf Größeres
Martin Luther King stirbt frei, so singt es Frontmann Bono in der eben gehörten Strophe. Mit „free at last“ zitieren die Musiker die Worte eines alten Spirituals, die auch auf dem Grabstein von King stehen. Das Lied aus der Zeit der Sklavenhaltung nennt den Tod als den Moment für Freiheit und preist sogleich die Hoffnung auf Auferstehung. Was wichtig ist: Das Spiritual nimmt die Vision auf etwas Größeres ein, auf Gott.
Diese Vision auf Größeres hat für mich auch Martin Luther King gehabt. Das ist das, was U2 zurecht im Titel des Liedes als Stolz bezeichnen und was eine tödliche Kugel nicht nehmen kann. Gemeint ist nicht der „Stolz“ im Sinne von Hochmut im Gefüge von Macht und Ohnmacht. Nein.
King sieht alle Menschen als Menschen, das heißt, er denkt groß von ihnen, in gleicher Würde und mit dem gleichen Wunsch nach Freiheit. Er liebt die Menschen selbstlos, ohne an seinen eigenen Vorteil zu denken. Und das spüren die Menschen. Er übt Kritik, achtet aber die Menschenwürde. Er hat eine große Vision für sein geliebtes Land. Dahinter stellt er sich selbst ganz zurück, bis hin zur Geringschätzung seines eigenen Lebens.
Das klingt noch in seiner letzten Rede in Memphis an, als er sagt: Wie jeder andere würde ich gerne lange leben. […] Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich möchte nur Gottes Willen tun,“ so King wörtlich[2].
Dieser Einsatz für andere, dieses Aufstehen aus selbstloser Liebe zum Nächsten, macht für mich den Protest von Martin Luther King so besonders. Und die Verbindung zu Gott beeindruckt mich.
Bedenkzeit für die Nächstenliebe
Bei aller Größe des Vorbilds von Martin Luther King finde ich im Lied von U2 noch einen kleinen Trost: Zwischen den beiden ersten und der dritten Strophe gibt es ein 40 Sekunden langes Instrumentalsolo mit Gitarrensound und Schlagzeug. Es wirkt für mich fast so, als wollten die Musiker dem Hörer hier eine Bedenkzeit geben.
Jeder soll an Menschen denken, die aus Liebe zum Nächsten handeln und Gutes tun. Martin Luther King ist dann in der dritten Strophe nur ein Beispiel von vielen. Und so finden dann für mich alle drei Deutungen des Liedes wieder zusammen: die erste allgemeine Sicht auf irgendeinen Menschen, der protestiert; die zweite auf Jesus hin und die dritte auf Martin Luther King gedeutet. Und ich erkenne: Mut zum Guten im Namen der Nächstenliebe, das geht eben nicht nur vor 250.000 Menschen am Lincoln Memorial, sondern auch im Alltag heute.
[1] Martin Luther King wurde am Abend des 04.04.1968 erschossen. In Livekonzerten korrigiert Frontsänger U2 diesen Fehler und sind „Früher Abend“.
[2] Übersetzung von Kings letzter Rede in Memphis: „Wie jeder andere würde ich gern lange leben. Langlebigkeit hat ihren Wert. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Und er hat mir erlaubt auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinüber gesehen. Und ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich dort nicht mit euch hin. Aber ihr sollt heute Abend wissen, das wir als Volk in das Gelobte Land kommen werden.“