hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Trusheim, Hermann

Eine Sendung von
Hermann Trusheim,
Evangelischer Schulpfarrer, Hanau

Ein blauer Himmel mit Wolken

Protest back to the roots - Sommerreihe "Protest" Bob Dylan: Blowin' in the wind

Männer in ihren Fünfzigern stehen  unter anderem drei Fragen gegenüber: Brauche ich eine neue Beziehung? Kaufe ich mir ein Motorrad? Oder gründe ich die alte Band neu?

Ich habe nach über dreissig Jahren die alte Band wieder zusammengebracht. Wir rocken wieder. Und das macht großen Spaß. Wir spielen die Musik aus unserer Jugend, nehmen auch neue Sachen auf, lassen uns inspirieren zu eigenen Stücken.

Welcher Song soll es werden?

Fürs Radio soll ich was über einen Protestsong schreiben. Und deshalb frage ich auf dem Weg zu unserer Bandprobe unseren Leadgitarristen: ‚Sag mal, Wolfgang, welches Lied fällt dir als erstes ein, wenn du an einen Protestsong denkst?’ 

Wolfgang denkt überhaupt nicht nach und nennt sofort:

Blowing in the wind – 1.Stophe:

How many roads must a man walk down,
before you call him a man?
How many seas must the white dove sail,
before she sleeps in the sand?
Yes, and how many times must the cannonballs fly,
before they are forever banned?
The answer my friend, is blowing in the wind,
the answer is blowing in the wind.

Bob Dylan, der Poet

‚Na klar, sage ich, da hätte ich auch selbst drauf kommen können: Blowing in the wind – Bob Dylan! 

Und mir fällt ein: Das war eins der ersten Lieder, die ich selbst spielen konnte. Nur drei einfache Griffe, eine Stimmlage, die jeder hinbekommt. Und der Text – der ist erst recht gut. Der passt. 

So viele poetische Bilder, in die ich mich schon damals gut hineinfühlen konnte, und das geht noch immer: Viele Wege gehen müssen, eine weiße Taube segelt, die Berge, die ewig brauchen, bis sie ins Meer sinken.

Bob Dylan ist ein wahrer Poet. Wir Fans wussten das schon immer. Wir hätten ihm den Nobelpreis für Literatur schon viel früher verliehen, aber er kommt nie zu Preisverleihungen, darum auch voriges Jahr nicht.

Die Bilder des Liedes sind in konkrete Fragen gekleidet: Wie lange muss es noch Kriege geben? Wie lange dauert es, bis Menschen frei sind? Wann nehme ich das Leiden und die Tränen der anderen wahr? Die Fragen sind ebenso brennend wie zeitlos. Sie gehen mich an, sie treiben mich immer wieder um. 

Hoffnung und Mut für eine bessere Welt

Ich habe dieses Lied voll Hoffnung und Mut gesungen, wenn ich dachte, ich könnte die Welt ein wenig verbessern. Es klang resigniert, wenn ich dabei gescheitert war. Trotzig und wütend wurde es, wenn ich zur E-Gitarre gegriffen habe, wie Dylan auf einem Konzert in den 80gern auf der Loreley – ich war mit Freunden für drei Tage hingefahren, um Dylan zu hören und zu sehen. 

Und wir haben natürlich gefeiert – trotz und gerade wegen Weltuntergangsstimmung. Klar hatte ich meine Gitarre dabei, und die Lagerfeuer gingen nicht aus in den Nächten und manches andere auch nicht.

‚Wie viele Wege muss ein Mann gehen, bevor man ihn einen Mann nennen kann?’ Die Antwort ist nur ein Bild - Blowing in the wind. Wie wird man erwachsen mit ‚Blowing in the wind’? Wie komme ich an Antworten?

 

Blowing in the wind – 2.Strophe

Yes and how many years can a mountain exist,
before it is washed tot he sea?
Yes, and how many years can some people exist,
before they’re allowed to be free?

Yes, and how many times can a man turn his head,
and pretend that he just doesn’t see?
The answer my friend, is blowing in the wind,
the answer is blowing in the wind.

Die Weisheit der Spinner?

‚Das Kirchenlied der Freaks’ wurde Blowing in the wind genannt – der ‚Choral der Seltsamen und Spinner’. 

Die Weisheit der Spinner? – Passt irgendwie gut zu Dylan, meine ich. In Musik, in Bildworten auf den Fragen bestehen, auf die es ankommt. Sich nicht abspeisen lassen mit Ausreden und vermeintlichen Realitäten, das macht für mich den bleibenden Protest von Blowing in the wind aus.

Im April 1962 sitzt der junge Bob Dylan in einer New Yorker Musik-Kneipe. Er verbindet Rock- und Folkmusik, das ist sein Ding. An diesem Abend schreibt er ‚Blowing in the wind’. Zuerst zwei Strophen, die mittlere dichtet er später nach. Die Melodie entlehnt er einem Gospelsong, in dem es um die Sklavenbefreiung geht. 

Der Ruf nach Gedankenfreiheit

1963 ist Bob Dylan beim legendären ‚Marsch auf Washington’ dabei, begeistert mit seinen Liedern wie Martin Luther King mit seinen Reden. Sie prägen eine Protesthaltung, die sich nicht mit billigen Antworten abspeisen lässt. Die Zeiten sollen sich ändern – mit ‚the times, they are echanging’ steuert Dylan die Hymne dazu bei.

In den USA wird Blowing in the wind zum Kirchenlied der Freaks, zum Ruf nach Gedankenfreiheit in bleierner Zeit. Zum Aufruf des Protestes gegen etablierte Haltungen und Antworten – auch der Kirche auf existentielle Fragen – nach Freiheit, nach Frieden, nach Gerechtigkeit.

Blowing in the wind besticht gerade durch seine sparsame Instrumentierung. Die Bluesharp, die Mundharmonika, bekommt neben der Gitarre eine wichtige Rolle – ich finde, sie gibt sogar eine Antwort auf die vielen Fragen.

 

Blowing in the wind – 3.Stophe

Yes, and how many times must a man look up,
before he can see the sky?
Yes, and how many ears must one man have, 
before he can hear people cry?
Yes, and how many deaths will it take till he knows,
that too many people have died?
The answer, my friend, is blowing in the wind,
the answer is blowing in the wind.

Wo ist die Antwort?

Die Antwort, sie ist nicht vom Winde verweht, sie ist blowing in the wind, sie weht im Wind, sie steckt im Wind.

 Die Antwort im Wind? Die Antwort des Windes? Bei der Bluesharp, der Mundharmonika, macht der Wind den Ton. Er macht die Aussage der Melodie hörbar, als eine Antwort auf die Fragen. Es gibt eine Antwort, und die Bluesharp gibt sie.

Elia, der Kämpfer

Ich denke dabei an einen Mann, von dem die Bibel erzählt: Elia, ein Prophet aus dem Alten Testament, ist am Ende. Er hat alles versucht, mit Worten und mit Kämpfen, Gott zu dienen und der Sache Gottes zum Sieg zu verhelfen. Nichts hat er erreicht. Alles erscheint ihm sinnlos. Werden Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit nie aufhören?

Jetzt ist er zu Tode betrübt, er hat keine Antwort auf seine offenen Fragen. Jetzt soll Gott endlich antworten. Aber es wird keine Antwort, die man von einem allgewaltigen Gott erwarten könnte. Gott kommt nicht daher wie ein Erdbeben oder ein alles hinwegfegender Feuersturm und macht die Sache klar. 

Gott offenbart sich im Wind – in einem sanften Wind sogar, in einem Säuseln. So, wie die Bluesharp leise auf die Fragen von Blowing in the wind antwortet. Und die Antwort für Elia? - ‚Geh’ wieder deines Weges durch die Wüste’ bekommt er zu hören.

Die Antwort ist der Wind

Mir geht’s manchmal wie Elia. Ich bin es leid, so viele offene Fragen. ‚Geh weiter. Durch die Wüste. Wie viele Wege durch Wüsten muss ich gehen? Bleibt nichts als unbeantworteter Protest?

Die Antwort ist der Wind. Und im Wind ist Gott. Elia macht sich weiter auf den Weg. Ich glaube, er hat erfahren, dass Gott bei ihm ist. Und das genügt. Wenn Elia jetzt aufschaut und in den Himmel blickt, weiß er, dass Gott mitgeht, wie ein leichter Wind.

Von dem möchte ich mich auch begleiten, erfrischen, treiben lassen. Ich werde immer wieder neu nach Antworten suchen müssen. The answer is blowing in the wind sagt mir, zu meinem Protest gegen all’ das Ungelöste und Unerlöste gehört die Offenheit für die Begleitung Gottes. 

Offen zu sein für die Inspiration durch Gottes Geist, den Jesus einmal mit dem Wind vergleicht: ‚Du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht’, – er ist da, für dich, du kannst dich ihm anvertrauen.

Was heißt das für mich?

Für mich geht es mit dem Protest weiter. ‚Blowing in the wind’ heißt für mich, Fragen und mich selbst offen halten für Inspirationen durch Gottes Geist und durch die, mit denen ich unterwegs bin. Blowing in the wind kann man allein, noch besser gemeinsam singen. 

Eine Melodie aus einem Gospel stand Pate – und Gospel heißt: God’s spell: die Sprache, in der Menschen mit Gott reden.

Inzwischen ist es nicht mehr weit bis zu unserem Probenraum. Wir haben die Band wieder zusammengebracht. Jetzt wird’s Zeit, Musik zu machen. ‚Weißt Du was?’ sage ich zu Wolfgang: ‚Wollen wir ‚Blowing in the wind’ nicht in unsere Songliste aufnehmen?’ – ‚Als Rockversin oder unplugged akustisch?’ fragt Wolfgang zurück. ‚Egal,’ sage ich, ‚das funktioniert in jeder Stimmung.’

Und frischen Wind kann ich immer gebrauchen, auch wenn er mich aus einem alten Protestsong anweht.