hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Meier, Johannes

Eine Sendung von
Johannes Meier,
Evangelischer Pfarrer und Journalist, Kassel

Ein Löwe mit einer prächtigen Mähne gähnt weit, wobei seine scharfen Zähne sichtbar sind. Die Mimik zeigt eine Mischung aus Entspannung und Majestät, während sein Gesicht im Fokus steht.

Man in the mirror

Etwas unschlüssig stand ich im Zoo vor dieser kleinen Luke. „Vorsicht! Das gefährlichste Tier der Welt!“ stand auf einem Schild daneben. 10 oder elf Jahre alt war ich wohl, und gerade hatte ich noch nebenan die Panther, Löwen und Tiger bestaunt. „Das gefährlichste Tier der Welt...“ – Was bitte sollte denn noch gefährlicher sein, als ein bengalischer Königstiger? Und war dieses Wesen so furchterregend, dass man es den Zoobesuchern  nur durch eine kleine Luke zeigen  wollte? Natürlich siegte die Neugier. Ich schob also vorsichtig die Luke beiseite – und blickte in mein erstauntes Gesicht. Ein Spiegel! Eingraviert auf dem Spiegel stand: „Hier siehst Du das gefährlichste Raubtier der Welt. Kein anderes tötet so  gnadenlos. Unzählige Arten hat es schon ausgerottet, für Millionen von Toten auch unter seinesgleichen ist es Jahr für Jahr verantwortlich. Das gefährlichste Raubtier der Welt ist ... der Mensch!“ – So ähnlich las ich es als Junge im Spiegel. – Rund vier Jahre später hörte ich dann vom „Mann im Spiegel“  im Radio. 1988 war das und Michal Jacksons „Man in the mirror“ eroberte weltweit die Charts.

I'm starting with the man in the mirror 
I'm asking him to change his ways
And no message could have been any clearer
If you want to make the world a better place
Take a look at yourself, and then make a change
Ich beginne mit dem Mann im Spiegel 
Ich fordere ihn auf, sein Verhalten zu ändern
Und keine Botschaft könnte je klarer sein:
Wenn Du die Welt zu einem besseren Ort machen möchtest,
dann schau auf Dich selbst – und verändere etwas!

Nach den extrem erfolgreichen Alben „Off the Wall“ und „Thriller“ hatte Michael Jackson fünf Jahre lang mit seinem Produzenten Quincy Jones an den Songs der neuen Platte „Bad“ gefeilt – und „Man in the mirror“ soll darunter sein Lieblingslied gewesen sein. Der Songtext spiegelt das soziale Engagement Jacksons wider – und das war enorm: Der Sänger setzte sich für rund vierzig Hilfsorganisationen ein und soll bis zu seinem Tod  über 300 Millionen Dollar gespendet haben. Dafür erhielt er sogar einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde. Auch alle Tantiemen von „Man in the mirror“ spendete Jackson: Sie kamen der Wohltätigkeitsorganisation Camp Good Times zugute. Sie betreut unheilbar an Krebs erkrankte Kinder.

I'm gonna make a change
For once in my life
It's gonna feel real good
Gonna make a difference
Gonna make it right

Ich werde etwas ändern, 
wenigstens dieses eine Mal in meinem Leben. 
Das wird sich richtig gut anfühlen! 
Ich werde etwas ändern, 
ich werde die Dinge wieder in Ordnung bringen!

Zeit seines Lebens träumte Michael Jackson wohl diesen Traum eines Weltverbesserers, wie er ihn auch noch in anderen Liedern besungen hat: „Heal the world!“ – Die Welt heilen, all das Kaputte wieder ganz machen! Wie schön das doch wäre...! – Auf der Konzertbühne jedenfalls waren Michaels Phantasien keine Grenzen gesetzt, da stellte sich der selbsternannte Friedenskönig des Pop auch schon mal einer Panzer-Attrappe mutig in den Weg. Oder er vereinte symbolisch alle Völker der Welt zu einer bunten Menschenkette rund um einen übergroßen, aufblasbaren Globus. – Es gehört  zur Tragik dieses schillernden Popstars: Seine übergroßen Bühnenträume wurden im echten Leben immer wieder enttäuscht. Auch die genialste Popmusik kann letztlich eben kein Heilmittel sein gegen all die Ungerechtigkeiten, Hungersnöte, Umweltzerstörungen und Kriege dieser zerrissenen, oftmals so bitterkalten Welt.

As I turned up the collar on my favorite winter coat 
This wind is blowin’ my mind
I see the kids in the street, with not enough to eat
Who am I to be blind, pretending not to see their needs

Als ich den Kragen meines Wintermantels hochschlug,
blies der Wind plötzlich meine Gedanken frei.
Auf einmal sah ich all die Kinder auf der Straße, die nicht genug zu essen haben.
Wie konnte ich nur so blind sein und immer so tun,
als ob ich ihre Not gar nicht bemerken würde?

Wie eindringlich und doch zugleich auch zerbrechlich Michael Jackson die erste Strophe hier singt. Mit diesen nachdenklichen Songzeilen kommt mir der „King of Pop“ plötzlich ganz nahe. Denn mir geht’s ganz genau so, wenn ich mich mal wieder mit schlechtem Gewissen an dem Bettler vorm Einkaufsmarkt vorbeidrücke oder die Schnorrer im Fußgängertunnel möglichst lässig links liegen lasse. Wie oft tue auch ich so, als würde mich das Elend der Welt gar nichts angehen und schaue dann lieber einfach weg. Nachrichten aus, Netflix an. Michael Jackson singt hier also nicht nur von sich, er hält auch mir den Spiegel vor.

A summer’s disregard, a broken bottle top
And a one man’s soul
They follow each other on the wind ya' know
'Cause they got nowhere to go
That's why I want you to know

Vom Sommer links liegen gelassen, 
ein abgebrochener Flaschenhals, 
eine einsame Seele.
Sie trieben miteinander wohin der Wind eben weht,
weil sie nirgendwo sonst hingehen können...

I'm starting with the man in the mirror
I'm asking him to change his ways
And no message could have been any clearer

If you want to make the world a better place
Take a look at yourself, and then make a change

„Hier siehst Du das gefährlichste Raubtier der Welt“ hatte unter meinem Spiegelbild  im Zoo gestanden – und auch das Musikvideo zu „Man in the mirror“ führt diese traurige Erkenntnis drastisch vor Augen: Nachrichtenbilder von hungernden Menschen, von Obdachlosen, von Kriegsopfern reihen sich aneinander. Gewaltexzesse in Südafrika, das damals ein  Apartheitsregime war. Der Rassismus des Ku-Klux-Klan in Amerika, Hitler, das Atominferno von Hiroshima... Sogar der Traumtänzer Michael Jackson verbietet sich in seinem Musikvideo diesmal allen naiven Kitsch. Vielleicht scheint selbst ihm die Lage zu Ernst, um sie einfach mit Show-Effekten wieder in rosarotes Licht zu tauchen. Nicht einmal er selbst ist als Sänger zu sehen. Aber die düstere Collage der Schreckensbilder wird immer wieder unterbrochen von Lichtgestalten der Hoffnung: Bishop Tutu tritt unerschrocken der Apartheit entgegen, Friedenspoet John Lennon inspiriert die Blumenkinder, Martin Luther King führt einen Protestzug an und auch Bilder von Gandhi oder gar Mutter Theresa blitzen für einige Sekunden auf. Seht her, will das Musikvideo wohl sagen: Auch so können Menschen doch sein!

I've been a victim of a selfish kind of love
It's time that I realize
That there are some with no home, not a nickel to loan
Could it be really me, pretending that they're not alone?
A willow deeply scarred, somebody's broken heart
And a washed-out dream
They follow the pattern of the wind ya' see
'Cause they got no place to be
That's why I'm starting with me

Ich war ein Opfer meiner Selbstverliebthe
dass manche Menschen weder ein Zuhause noch einen Cent in der Tasche haben.
Will ich mir wirklich noch länger einreden, dass sich schon irgendjemand anderes um sie kümmern wird?
Ein Weidenbaum mit tiefen Narben, ein gebrochenes Herz
Und ein längst verblasster Traum.
Sie alle treiben, wohin der Wind eben weht,
weil sie nirgendwo ein Zuhause haben...
und deswegen fange ich jetzt bei mir selbst an:

I'm starting with the man in the mirror
I'm asking him to change his ways
And no message could have been any clearer

If you want to make the world a better place
Take a look at yourself, and then make a change

Nein, ein fieses Raubtier wollte der Junge, der da im Zoo in den Spiegel starrte, nicht sein. Mein elfjähriges Ich wollte stattdessen Tierarzt werden und sammelte mit der ganzen Klasse Unterschriften gegen den Walfang oder verkaufte selbstgebackene Waffeln, um Spenden für die Hungernden in Afrika einzutreiben. Wir wollten wie Michael Jackson die Welt ein Stückchen besser machen – und wir waren fest davon überzeugt, dass wir das auch schaffen können. Dass trotzdem keiner von uns ein Martin Luther King, ein Gandhi oder eine Mutter Theresa geworden ist – geschenkt. Wir haben die Welt auch damit ein Stück besser gemacht.

Und wenn ich heute in den Spiegel schaue? Wen oder was sehe ich da? – Vielleicht ist der Enthusiasmus des einstigen Unterschriftensammlers und Waffelverkäufers ein wenig verblasst oder ergraut, mag sein. Der Mann dort im Spiegel hat immer wieder auch versagt, andere enttäuscht und verärgert, kauft nur zum Teil Bio und fährt ein viel zu großes Auto mit Verbrennungsmotor. Um nur ein paar Dinge zu nennen, die ich eigentlich mal ändern sollte. Leichter gesagt als getan. Und doch will ich nicht aufgeben und weiterhin versuchen, wenigstens Manches auch richtig zu machen. Eher Teil der Lösung zu sein – und nicht Teil des Problems. 

„Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist!“ – Ein Satz aus der Bibel, der vor einigen Jahren auch mal Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentages war. Auch in den Kirchen und Gemeinden  kommen ja viele zusammen, die sich ebenfalls nicht damit abfinden wollen, dass es mit der Welt und der Menschheit den Bach runter geht. Sie teilen ihre Sorgen und Ideen, sie diskutieren mit Politikern und Wissenschaftlern, sie singen und beten. Sie tun voll Gottvertrauen ihre kleinen Schritte, die noch immer das Gesicht der Welt verwandeln können. Einer unterrichtet in seiner Gemeinde Deutsch für Flüchtlinge, eine organisiert eine Tafel für Obdachlose, einer macht mit bei der freiwilligen Feuerwehr – und sie alle sorgen für einen Unterschied, einen Change. Wie hatte es Michael Jackson gesungen? Fangen wir bei dem Menschen an, den wir im Spiegel sehen. Und es wird sich richtig gut anfühlen.