U2: "I still haven’t found what I’m looking for"
0'0'' bis 0'20''
(„...I have climbed highest mountains...“)
Autorin:
Bono, der Leadsänger von U2, erzählt von einem ziemlich anstrengenden Weg:
Sprecher:
„Ich bin auf die höchsten Berge geklettert,
bin über die Felder gerannt,
nur um bei dir zu sein.“
Autorin:
Er sagt es zwar nicht, aber ich finde es klingt wie die Suche nach der großen Liebe. Hindernisse überwinden - hohe Berge und endlose Weiten - die als Hürden zwischen ihm und dem anderen liegen, der anderen doch sicherlich, der Frau die er liebt, dem Ziel seiner Sehnsucht. Darum kämpft er sich da durch, mit all seiner Kraft.
Die Musik als Ausdruck von Sehnsucht und Aufbruch
Es sind nicht nur die Worte, die mich beim Hören mitnehmen. Es ist der Drive, den der Song hat.
Das Schlagzeug treibt ihn und auch die Hörer an. Wie ein tänzelnder Marsch wirken die Drums. Und die Gitarre legt sich mit leichten Riffs einfach drüber, unterstreicht die Sehnsucht, von der das Lied erzählt: „Ich bin gerannt, gekrochen, hab alle Mauern der Stadt überwunden, nur um bei dir zu sein.“
Warum die Suche trotz erfüllter Liebe weitergeht
Aber diese sehnsüchtige Suche führt den Sänger nicht zum Ziel.
„I still haven't found what I'm looking for“ singt er, „ich hab noch immer nicht gefunden, wonach ich suche.“ Sehnsucht höre ich, die ihn weiter treibt.
Er setzt seine Suche fort, begleitet von den Beats, die der Rhythmus vorgibt, von der Gitarre, die immer wieder Lust aufs Weitergehen macht, indem sie neue helle Motive zupft.
Wenn es die Liebe ist, die er sucht – die hat er kennen gelernt. Er singt:
Sprecher:
„Ich hab’ honigsüße Lippen geküsst,
hab die heilende Wirkung ihrer Fingerspitzen gespürt,
Es hat gebrannt wie Feuer, diese brennende Begier.“
Autorin:
Ich glaube, ganz viele kennen das. Man hat sich verliebt, spürt bei sich ganz wundersame Gefühle, sehnt sich unendlich nach dem Geliebten. Es ist bei vielen genau so, wie der Song es beschreibt. Man genießt den Augenblick, die Momente der Nähe und Zärtlichkeit.
Aber ich glaube, viele erleben irgendwann auch so ein Aufwachen, wo man sich fragt: War das alles? Ist das, wonach ich gesucht habe?
Wo die meisten Songs ankommen, beim Glück der Liebe, auf die ihre Sehnsucht hin zielt, da treibt es dieser Song weiter.
Wenn es nicht um die Suche nach einer noch vollkommeneren Liebe geht, worum dann? Ich finde gut, dass der Groove einen auf dieser Suche einfach am Laufen hält, erstmal so mit nimmt.
Musikeinspielung:
2'00 - 2'20''
„I still haven't found what I'm looking for ...“
Die tiefere Suche nach Sinn und Erfüllung
Autorin:
„Ich hab noch immer nicht gefunden, wonach ich suche.“ Es ist eine tiefere Suche, die Bono hier antreibt.
Bono geht dabei an Grenzen, macht Erfahrungen die ich - wie wohl die meisten - eher nicht erleben können und wollen. Er singt:
Sprecher:
„Ich hab mit Engelszungen gesprochen, hab die Hand eines Teufels gehalten.“
Autorin:
Aber das lässt ihn kalt, das erfüllt ihn nicht. Er geht sozusagen bis an die Grenzen der Lebensmöglichkeiten, stellt sich den Versuchungen, lernt auch die dunkle Seite der Welt und von sich selbst kennen.
Das Reich Gottes als Hoffnung auf Frieden
Wer so sucht, hat vielleicht im Hinterkopf Bilder von einem möglichen Ziel. Und er lässt sie aufleuchten bei den Hörern. Er singt:
Sprecher:
„Ich glaube daran, dass das Königreich kommen wird,
dann werden sich alle Farben zu einer vermischen“
Autorin:
Ich höre da die Verheißung vom Reich Gottes anklingen, wie in den alten Gospel-Songs, die Bono auch zu diesem Stück inspiriert haben. Denn das Königreich Gottes steht immer auch für Frieden und Gerechtigkeit, soll Erlösung und Frieden bringen für all die aufgewühlten und suchenden Herzen der Menschen. Das ist ein Glaube, den er - vielleicht schon als Kind in Irland - gelernt hat.
Aber dieses alte Glaubensbild lässt ihn auch nicht stehen bleiben. Vielleicht sieht er es am Ende seines Weges, aber nicht als etwas, auf das man einfach so warten könnte. Bono jedenfalls bleibt nicht stehen. Er sagt „Nun ja, ich laufe immer noch.“
Und da bin ich ganz bei ihm, wie so viele, die dieses Lied einfach toll finden, weil es einen so mitnimmt mit seinem Rhythmus.
Dieses Gefühl, dass man sein Leben nicht einfach so verstreichen lassen darf, nicht nur dasitzen und abwarten, sondern selbst der Zukunft entgegen gehen muss – das trifft, glaube ich, das Lebensgefühl von vielen Menschen.
Und die vielen Fans von diesem Lied lassen sich gerne mitnehmen - mit in seine große Sehnsucht, die so hell klingt, nicht schwer oder gehetzt, sondern die fast wie ein endloser Tanz wirkt, fortgeführt von diesem Rhythmus mit seinem Drive, der wie der Puls unseres Herzens das Leben weiter treibt.
Musikeinspielung:
3'15'' – 3'33''
(„You broke the bonds
And you loosed the chains
Carried the cross
Of my shame
Oh my shame
You know I believe it
But I still haven't found what I'm looking for ...“)
Glaube, Erlösung und das Kreuz der Scham
Autorin:
Mit dem Glauben ist Bono nicht so schnell fertig. Er überprüft seine Sehnsucht an der Bibel. Was da verheißen wird an Freiheit und Erlösung. Er spielt auf das Heil an, das Christus für jeden Einzelnen bereit hält.
Sprecher:
„Du hast diese Bande gebrochen und die Ketten gelöst,
hast das Kreuz getragen, das Kreuz meiner Schande.
Du weißt, ich habe daran geglaubt.
Aber - ich habe noch immer nicht gefunden, wonach ich suche ...
Bonos Engagement gegen Hunger und Ungerechtigkeit
Autorin:
Bono ist in diesem Song, glaube ich, sehr persönlich, authentisch. Er ist ja dafür bekannt, dass er nie nur der Sänger und coole Star sein wollte, nicht nur die Welt seines Erfolgs in den Charts sucht.
Bono sucht nach seinem Platz in dieser Welt. Nach seiner Aufgabe.
Und eine wichtige Aufgabe findet er für sich nicht nur in seinem Leben als toller Songschreiber. Er merkt, dass er mit seiner Musik die Menschen begeistern kann auch für eine gute Sache.
Er nimmt es nicht einfach hin, das die Welt ist, wie sie ist. Er protestiert gegen Ungerechtigkeit, er will den Blick der Welt auf Armut und Hunger lenken.
Zusammen mit vielen Künstlerkollegen gründete Bono „Live Aid“, eine musikalische Initiative, die den Hunger in vielen Ländern der dritten Welt mitten in die westliche Medienwelt bringt.
Millionen von Menschen hören mit seiner Musik die Botschaft, dass es nicht egal sein kann, ob manche Menschen zufrieden leben - manche sogar im größten Luxus - und andere nichts zu essen haben.
Diese Live-Aid-Konzerte haben den Hunger in der Welt nicht beseitigt. Sie sind ein Schritt auf der Suche nach Antworten auf die globalen Probleme. Und Bono verstummt auch heute noch nicht, sondern er bleibt auf der Suche. In seinem neuesten Album singt er gegen den Rüstungswahnsinn. Auch den wird er vielleicht nicht stoppen. Aber es ist sein Weg, seine Suche, die weiter geht.
Musikeinspielung:
3'35 - 4'00''
(„I still ….“)
Die Suche nach dem Sinn des Lebens
Autorin:
Die Suche geht weiter, auch wenn das Stück hier endet. Genial finde ich, dass die Stimme noch zweimal einen halben Ton tiefer wird. Die Suche verliert sich nicht im luftigen Wolkenkuckucksheim, sie kommt ein Stück näher zur Erde. Sie führt in die Tiefe.
Auch, wenn ich nicht erzählt bekomme, wonach Bono hier sucht, vermittelt er mir das Gefühl: Es ist gut, eine Suchende zu sein und zu bleiben.
Vermutlich finden auch deshalb viele Leute diesen Song so toll. Denn zu allen Zeiten haben Menschen über ihr Leben nachgedacht, wollten für sich klar kriegen, welchen Sinn es hat, welches Ziel. Wer auf der Suche ist, findet in diesem Stück eine Begleitmusik für sein Leben.
Christlicher Glaube als Weg und Suche
Ich finde darin auch meinen christlichen Glauben wieder. Der Glaube ist auch nichts zum Ausruhen. Wer glaubt, sucht nach dem, was verheißen ist. Er kennt diese Suche nicht nur, er ermutigt einen sogar dazu.
Denn das Leben ist jedem nur für eine begrenzte Zeit geschenkt. Darüber kann man verzweifeln, das kann man aber auch sozusagen zugrunde legen, jedem Schritt seines Lebens als Boden unter die Füße legen.
Augustinus und das unruhige Herz
Augustin, ein lebenskluger Bischof aus dem vierten Jahrhundert, hat einmal gebetet:
Sprecher.
„Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir, mein Gott.“
Autorin:
Unruhig ist sein Herz, weil er weiß, dass er nur Gast auf Erden ist.
Augustin ist einer von vielen rastlosen Menschen, die ohne Hast, aber vor allem ohne Verzweiflung ihren Lebensweg gehen. Sie vertrauen darauf, dass Gott es ist, der diese Suche vielleicht vollenden kann und ans Ziel führen. Ich nennen dieses Gefühl Gottvertrauen.. Man hofft, dass die Welt nach vorne offen ist. Die Zeit verstreicht nicht einfach nur, sie erfüllt sich.
Ich spüre das, wenn ich morgens die Augen aufmache und denke: Was erwartet mich heute? Was wartet darauf, von mir getan zu werden, gesagt zu werden, gelebt zu werden?
Und besonders treibt mich das an, wenn ich manchmal das Gefühl habe, alles ist fest gefahren, es gibt so viele Widerstände oder Enttäuschungen.
Aufgeben? Mich damit abfinden? Nein. Der Song von U2 ist wie der Puls in meinen Adern, er treibt mich an, weiter zu suchen: Nach den Aufgaben, für die ich geschaffen bin. Nach dem Glück, das auf mich wartet. Und nach dem Sinn, den ich für mein Leben suche.
Vielleicht geht es mir dann eines Tages, wenn meine Zeit um sein wird, wie Bono: Ich habe noch nicht gefunden, wonach ich suche. Aber hoffentlich geht es mir dann am Ende, auch ein bisschen wie dem Kirchenvater Augustin, der glaubt: „Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir, mein Gott.“