Joan Osborne: "One of us"
„One of us“ 0´37 – 1´21
„One of us“ von Joan Osborne ist für mich ein richtiger Ohrwurm. Dieser satte Gitarrensound und die powervolle Stimme – das geht einfach runter wie Butter. Schon deshalb höre ich den Song gerne. Und außerdem: Selbst als jemand, der bei englischen Stücken normalerweise nicht viel vom Text mitkriegt, hab ich ziemlich bald gemerkt: Da ist von Gott die Rede. Und zwar ständig. Das macht mich neugierig, zumal als Kirchenmann – mal hören, was sie da singt:
„Hätte Gott einen Namen, wie würde er dann heißen? Und würdest du ihn dann auch damit anreden, wenn du ihm begegnen würdest in all seine Macht und Herrlichkeit? Und vor allem: Was würdest du ihn fragen, wenn du nur eine Frage frei hättest?“
Ich denke: Wow – gute Fragen. Gehen die an mich? Dann fallen wir ehrlich gesagt so schnell keine Antworten ein. Also konter ich lieber mit einer Gegenfrage: Frau Osborne, wie kommen Sie denn darauf, mich auf mein Verhältnis zu Gott anzusprechen? Ist ja doch ganz schön intim. Wie sieht´s denn eigentlich bei Ihnen aus? Kommt Gott in Ihrem Leben überhaupt irgendwie vor?
Und Joan Osborne antwortet mir: Das könntest du dir denken, wenn dein verflixter Sender nicht immer den Anfang von meinem Lied weglassen würde! Spiel´s noch mal vollständig, Mann! Ich denke: Oh, das will ich jetzt aber wissen, höre in die CD rein. Und siehe da: Das Stück fängt im Original tatsächlich anders an. Da gibt´s ein Intro, ein ganz altes Gospel-Stück, das im Mono-Sound eingespielt wurde und das bei uns im Radio üblicherweise nicht mitgespielt wird.
„One of us“ 0´00 – 0´40
Das Gospel-Intro als Schlüssel zum Song
Okay, ab da kennen Sie das Stück jetzt wieder. Haben Sie das gehört: Da kommt als Intro ein alter Gospel-Song. Von der Art des Liedes und der Tonaufnahme her werden bei mir Bilder wach: Südstaaten, 50er/60er Jahre, einfache, volkstümliche Religiosität, volle Kirchen ... . Dann kommt ein Bruch, und es beginnt das Gitarren-Riff – erstmal ganz nostalgisch im Mono-Sound. Noch ein Bruch – und Joan Osborne ist in der musikalischen Gegenwart angekommen: Mitte der 90er Jahre, ihr Album „Relish“ mit dem Weltklasse-Hit „One uf us“. Im März 1996 führt er für zwei Wochen die US-Charts an.
Okay, denke ich, es geht also um Brüche, um musikalische Brüche, vielleicht aber auch um biographische, genauer gesagt glaubensbiographische Brüche. Verstehe ich das Intro als Schlüssel zum folgenden Song, dann wird mir klar: Der Hintergrund, vor dem Joan Osborne mich nach meinem Gottesverhältnis fragt, könnte ein eigenes gebrochenes Verhältnis zum Glauben sein. Wie sieht ihre Biographie aus?
Joan Osborne zwischen Gospel, Pop und Glaubenskritik
Osborne wurde 1962 in Kentucky geboren, mitten im amerikanischen Bible-Belt. Der Gospel steht für die Art von Frömmigkeit, die sie als Kind erlebt und kennen gelernt hat. Nach der Schulzeit verließ sie ihr Zuhause, ging nach New York, wollte dort zunächst an der Filmhochschule studieren. Um sich etwas Geld zu verdienen, trat sie als Sängerin in New Yorker Clubs auf, hatte Erfolg damit, gründete ihre eigene Plattenfirma und machte schließlich eine Karriere als Singer/Songwriterin. Nebenbei engagiert sie sich für Frauenrechte und hat sich in diesem Zusammenhang schon wiederholt mit christlichen Fundamentalisten angelegt.
Denen gefällt auch das Lied „One of us“ überhaupt nicht. Sie sehen darin eine anti-religiöse Haltung und stören sich ganz besonders an der Frage „What if God was one of us? – Was, wenn Gott einer von uns wäre?“ Als das Lied in den Jahren 1996 und 1997 mehrere Grammy-Nominierungen erhielt, da kam es zu lautstarken Protesten einiger religiöser Gruppen.
„One of us“ 2´00 – 3´22
dazu gesprochen: Wenn Gott ein Gesicht hätte, wie würde er dreingucken?
Und würdest du ihn anschauen wollen?
Auch dann, wenn sehen glauben heißt.
Glauben an so Sachen wie den Himmel
und an Jesus und die Heiligen und die ganzen Propheten?
O.K., Gott ist groß, und Gott ist gut.
Aber was jetzt, wenn er einer von uns wäre.
Genauso normal wie wir.
Ein Fremder im Bus auf dem Weg nach Hause.
Wieder rauf in den Himmel, allein. Heiliger Vagabund.
Und keiner ruft ihn mehr an, außer vielleicht der Papst in Rom.
Was dann?
„What if God was one of us?“: Ein provokanter Gedanke
„O.K. Gott ist groß, und Gott ist gut. Aber was jetzt, wenn er einer von uns wäre?“ So singt Joan Osborne. Und die Vorstellung von Gott, die sie da aufbringt, passt nun wirklich nicht so ganz in die übliche Frömmigkeit – schon gar nicht im amerikanischen Bible-Belt. Die klassischen Gottesbilder scheinen ihr abhanden gekommen zu sein: Gott ist groß, Gott ist allmächtig, Gott ist barmherzig. Gut und schön, aber für Joan Osborne sind das offensichtlich nur noch leere Worthülsen – mehr nicht.
Verlorener Glaube und zerbrochene Gottesbilder
Und ich glaube, damit geht es ihr wie vielen Menschen, gerade auch in meiner Generation: Da gab es einmal einen Glauben, aber der trägt nicht mehr. Da gab es einmal einen Gott, aber der lässt nichts mehr von sich hören. Da waren Großeltern, die gingen noch richtig jeden Sonntag in die Kirche. Die Eltern vielleicht auch noch – zumindest in jungen Jahren. Und man selbst – man selbst wurde getauft, ist vielleicht zur Erstkommunion oder Konfirmation gegangen, aber dann kam ein Bruch, plötzlich oder schleichend. Und heute? Der innere Bezug zu Kirche und Gott ist weg. Und: Es fehlt eigentlich auch nichts. Das Leben ist auch ohne Gott ganz in Ordnung und normal. Man kommt zurecht. Der verloren gegangene Gott: Er hat ein bisschen nostalgische Erinnerung, ansonsten aber kaum eine Lücke hinterlassen.
Für mein Gefühl stellt Joan Osborne mit „One of us“ Fragen zum verlorenen Gott. Fragen, wie ich zu diesem abhanden gekommenen Gott stehe. Und dahinter die entscheidende Frage: Ist es tatsächlich Gott, mit dem ich heute nichts mehr zu tun habe, oder sind es nur bestimmte Vorstellungen von Gott, mit denen ich nichts mehr anfangen kann?
„One of us“ 1´36 - 1´43
Gott im Alltag und im Mitmenschen erkennen
„Was, wenn Gott einer von uns wäre?“ - so werde ich in „One of us“ von Joan Osborne gefragt. Und ich überlege: Wie oft wäre ich ihm dann schon begegnet, ohne ihn (oder sie) erkannt zu haben? Wie viele Male wäre ich achtlos vorüber gegangen?
Ich denke weiter: Gott, einer von uns – da geht es doch nicht darum, Gott kleiner zu machen, wie vielleicht einige religiöse Fundamentalisten meinen. Es geht darum, den Menschen größer zu machen. Es geht um die Würde des Menschen. Und zwar des Menschen, der mir - mit Joan Osborne gesprochen - gerade im Bus gegenüber sitzt. „Ebenbild Gottes“ wird er in der Bibel genannt. Das heißt: Gott ist in ihm enthalten. Gott wohnt in jedem Menschen, egal ob gut oder böse, klug oder dumm – einfach, weil es ein Mensch ist. Das hat wohl auch Jesus gemeint, als er seinen Jüngern sinngemäß sagte: In jedem Menschen, der eure Hilfe braucht, stehe ich selbst euch gegenüber (vgl. Mt 25,31-46).
Die religiöse Botschaft von „One of Us“
Joan Osborne wurde von manchen Christen in den USA angefeindet wegen ihres Songs „One of us“. Ich finde, der Text ist nicht so „unkirchlich“ oder „unreligiös“, wie ihre Kritiker behaupten. Ich würde Osborne da gerne in Schutz nehmen – hoffentlich ohne sie zu vereinnahmen. Der Song handelt von zerbrochenen Gottesbildern und zugleich von einem neuen, anderen Gottesbild, das jedoch etlichen Aussagen der Bibel ziemlich nahe kommt. Ich finde, Osbornes Lied ist beides: Einerseits ist es kirchenkritisch. Und andererseits hat es für mich eine echte religiöse Botschaft: Sucht Gott nicht in den leeren Worthülsen, in frommen aber nichts sagenden Begriffen. Sucht ihn im Hier und Jetzt eures Lebens, in alltäglichen Begegnungen, im anderen Menschen: „What if god was one of us?“