hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1
Rieth, Stephanie

Eine Sendung von
Stephanie Rieth,
Bevollmächtigte des Generalvikars und Dezernentin im Bistum Mainz

Zwei Personen sitzen auf einer Holzbank im Schnee und schauen auf eine hügelige Landschaft. Eine Person weist mit dem Finger in die Ferne, während die Sonne scheint und die Berge im Hintergrund erkennbar sind. Es vermittelt eine friedliche Winteratmosphäre und Mut zu Neuem.

Ich + Ich: Einer von Zweien

Musikeinspielung: Teil der 1. Strophe

„Einer von Zweien“: Ein Popsong über Glück und Lebenssinn

Einer von Zweien. Ein richtig guter Popsong ist der Gruppe „Ich und Ich“ da gelungen. Ich mag diesen Titel von Anette Humpe und Adel Tawil. Nicht nur, weil er gut klingt. Ich finde, dem Duo ist mit diesem Song auch eine Botschaft gelungen, die das Leben berührt. Ein Song eben, der zur Sinnsuche einlädt.
Es geht um den Einen und den Anderen. Der Eine, der immer das Nachsehen hat, und der Andere, dem immer alles zufliegt.

Wenn einem im Leben alles zufliegt

Der Eine, der ständig mit den Widrigkeiten des Lebens zu kämpfen hat: den Stein im Schuh, die eigene Trägheit, mangelndes Selbstvertrauen. Man könnte diese Liste beliebig erweitern. Und der Andere, der für all das, was dem Einen widerfährt, gar nichts kann, und dem es darüber hinaus auch noch richtig gut geht.
Richtig gut ging es mir Ende der 90er Jahre. Nicht dass es mir jetzt schlecht ginge, aber damals hatte ich eine richtige Hoch-Zeit, da lief für mich alles ziemlich rund. Ich hatte mein Studium gerade erfolgreich abgeschlossen und bereits die Zusage von meinem Arbeitgeber für eine Ausbildungsstelle.
Ich brauchte mir um nichts Sorgen zu machen. Das Leben war einfach großartig, und ich war energiegeladen ohne Ende.

Neid und Eifersucht in einer Freundschaft

Etwas irritiert war ich nur von dem Verhalten einer Freundin. Immer häufiger gerieten wir aneinander, wegen Nichtigkeiten – dachte ich.
Irgendwann einmal platzte es dann aus ihr heraus: „Ich ertrage es nicht, dich so zu sehen. Dir fliegt alles zu. Du hast immer und überall Glück!“ Was so natürlich nicht stimmte, aber in ihren Augen war das so.
„Ja, ich bin neidisch und eifersüchtig. Und ich halte es in deiner Nähe momentan nicht aus!“
Da musste ich ganz schön schlucken: „Ja, aber ich kann doch nichts dafür!“
„Das ist es ja eben. Du kannst nichts dafür. Und du kannst auch gar nichts dagegen tun, aber ich brauche Abstand zu dir.“
Das war’s dann. Unsere Freundschaft hat sich nie wieder davon erholt.

Was wir aus ungerechten Lebenssituationen lernen können

Ich habe oft darüber nachgedacht, was ich hätte anders machen können. Vielleicht hätte ich mich etwas weniger am Leben freuen sollen, nicht so dick auftragen, ein wenig mehr Rücksicht auf sie nehmen müssen? Ich weiß es nicht.
Manchmal habe ich mich auch über sie geärgert. Das war einfach nicht fair. Schließlich konnte ich nichts dafür, dass es bei mir gerade so gut lief. Dabei lief es bei ihr – objektiv betrachtet – auch nicht schlecht. Doch das konnte sie wohl nicht so sehen. Der Andere kann gar nichts dafür.

Einspielung Refrain

Unerfüllte Liebe und die Schattenseiten des Lebens

Unerfüllte Liebe macht einen fast automatisch zu so Einem von Zweien. Für Ich und Ich gehört dieses Thema daher ganz zentral in den Refrain: „Der Andere hängt an niemand, so wie ich an dir.“
Da verzehrt sich einer vor Sehnsucht nach dem geliebten Menschen und der nimmt nicht einmal Notiz davon. Das knabbert am Selbstvertrauen, das lähmt und das Leben wird schwer wie Blei. Und der Andere lebt einfach weiter, ihm öffnet sich jede Tür. Schließlich kann er nichts dafür, wenn er die Gefühle einfach nicht erwidern kann. Und trotzdem, wie kann er sich des Lebens freuen, wenn ich so leide?

Erfüllte und unerfüllte Liebe gehören zum Leben

Ich hab das natürlich auch mal erlebt – etliche Jährchen vor meiner Hochzeit. So etwas tut weh.
Es geht schließlich nicht nur darum, dass zwei Leute vielleicht ein bisschen unterschiedlich leben oder denken. Der Graben ist viel tiefer: da liebt einer und der Andere kann das nicht erwidern.
Zum Glück besteht – zumindest für die meisten Menschen – das Leben nicht nur aus unerfüllter Liebe. Es gibt eben meistens beides: unerfüllte wie auch erfüllte Liebe, Sonnenseiten und Schattenseiten in ein und demselben erfüllten Leben.

Der Mensch zwischen Selbstzweifeln und Lebensmut

Vielleicht sind das auch bestimmte Menschentypen, von denen „Ich und Ich“ da singen. Menschen, die einfach auf ganz unterschiedliche Weise mit den Gegebenheiten des Lebens umgehen.
Der Eine fühlt sich gestört von dem Stein im Schuh, ist aber nicht in der Lage, ihn zu entfernen. Der Andere schüttelt den Schuh aus und redet nicht groß darüber.
Es gibt Menschen, die vergessen vor lauter Grübeln zu handeln. Sie finden zu jedem Argument ein Gegenargument und wundern sich dann am Ende, dass der Andere in der Zwischenzeit in seinem Leben ein ganzes Stück weiter gekommen ist.
Vielleicht steckt auch einfach beides in uns, in ein und demselben Menschen.
Mal bin ich die Eine, die sich selbst im Weg steht und durch’s Leben eiert. Aber manchmal gelingt mir mein Leben auch einfach, selbst wenn ich mit Schwierigkeiten zu kämpfen habe.

„Einer von Zweien“ als Bild für die menschliche Persönlichkeit

Ich und Ich haben den Titel im Booklet der CD mit einer Bruchzahl illustriert. Einer von Zweien – einhalb. Einer ist immer nur die Hälfte von Zweien, das steckt darin. Aber auch: ein Aspekt ist immer nur die Hälfte der ganzen Persönlichkeit.
Zum Menschsein gehören die Sonnenseiten wie die Schattenseiten.
Vielleicht bedeutet erfülltes Leben dann auch, diese beiden Seiten des Menschseins zu akzeptieren und sie in Einklang zu bringen.
Sich zu zu gestehen: Ich darf auch mal neidisch sein. Aber eben auch zu merken: Jetzt hindere ich mich selbst daran, glücklich zu sein. Jetzt könnte ich einfach mal das genießen, was ich habe.

Musikeinspielung 2. Strophe

Trost für Menschen auf der Schattenseite

Ich finde das schön: Das Ich, das da singt, stellt sich klar auf die Seite derer, die den Stein im Schuh haben und ihn nicht herausbekommen. Das sind die, die Trost brauchen.
Das Lied will mir diese Empfindung: Das Leben ist ungerecht! nicht einfach ausreden. So nach dem Motto: Ach, in Wirklichkeit ist das gar nicht so. Dir geht es doch gut, beschwer dich mal nicht.
„Einer von Zweien“ bietet auch nicht wirklich eine Lösung an, die die Ungerechtigkeiten im Leben auflöst. Nicht einfach: Es wird schon wieder, alles wird gut. Du wirst schon sehn.
Liebevoll, klagend, tröstend ja auch ein wenig resigniert leiht der Sänger dem Schwachen seine Stimme. Ich verstehe dich, klingt da mit. Ich kann es zwar nicht ändern, aber ich fühle mit dir.

Gewinner und Verlierer im Fußball und im Leben

Einer von Zweien: darum geht es auch heute Abend beim Endspiel. Auch beim Fußball gibt es einen Gewinner und einen Verlierer. Die Einen werden Grund zum Jubeln haben und die Anderen werden Trost brauchen. Eine ganze Nation wird feiern und die andere wird Tränen vergießen, auch wenn sich als Zweiter eigentlich niemand zu verstecken braucht.

Mitgefühl als Trost in schweren Zeiten

Ich verstehe dich. Ich fühle mit dir.
Reicht das? Manchmal schon. Im Fußball wie im echten Leben. Zumindest tut es gut, wenn man jemanden hat, der auch die Schattenseiten des Lebens mit einem aushält. Jemand, der nicht nur ein Freund ist, wenn ich mich gerade auf der Sonnenseite befinde.

Mose: Gottes Hilfe für Menschen mit Selbstzweifeln

Übrigens: Gott nimmt auch nicht nur die Sonnenseitenmenschen. Ganz im Gegenteil sogar: In Gottes Heilsgeschichte übernehmen manchmal die eine ganz zentrale Rolle, die vom Leben benachteiligt sind. Mose ist so einer. Mit ihm will Gott die Israeliten aus der Gefangenschaft in Ägypten befreien. Aber dieser Mose hält sich absolut nicht für den Richtigen und Begabten dafür. Ganze vier Anläufe macht Mose, um Gott davon zu überzeugen. Und dabei ist er mir echt sympathisch. Mose ist nicht der starke, wortgewandte Befreier, der mit natürlicher Autorität den Pharao überzeugen kann. Er ist ein von Selbstzweifeln geplagter, unsicherer Mann, der nicht gut reden kann. Aber für Gott hat auch dieser Selbstzweifler seine Qualitäten.
Mose ist Einer von Zweien. Aber Gott braucht ihn und gemeinsam mit Gottes Hilfe gelingt ihm die Rettung der Israeliten.

Gottes Nähe für Glückliche und Enttäuschte

Ich finde es schön, anzunehmen: Gott schenkt dem Menschen auf der Schattenseite seine Kraft. Gott öffnet einem wohl nicht jede Tür, aber vielleicht doch eine, die man vorher gar nicht wahrgenommen hat.
Gott, so glaube ich: Er hängt an jedem Einzelnen von uns. Er freut sich mit den Glücklichen – und er trauert mit den Traurigen und Enttäuschten. Beide von Zweien sind ihm lieb. Im Fußball wie im echten Leben.

Musikeinspielung Schlussrefrain