GOTTESDIENSTÜBERTRAGUNGEN
Baumann, Pia

Eine Sendung von
Pia Baumann,
Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

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Zwei Personen halten brennende Wunderkerzen in den Händen. Funken fliegen auf, während sie sich am Abend miteinander unterhalten. Beide tragen helle, knappe Oberbekleidung. Die Stimmung wirkt festlich und fröhlich.

Wenn der Funke überspringt

Evangelischer Radiogottesdienst aus der Markuskirche in Frankfurt a. M. am Pfingstsonntag, 24. Mai 2026, 10.05 bis 11.00 Uhr, live auf hr4.

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Die Bibel beschreibt, wie Menschen Gottes Geist erleben - wie einen Funken, der von einem zum anderen überspringt und alle miteinander verbindet. In ihrer Predigt geht Pfarrerin Pia Baumann diesem Funken nach und fragt: Wo lassen sich Menschen heute begeistern?

Im Gottesdienst berichten Menschen von ihren konkreten Erfahrungen: eine Pfadfinderin, die weiß, wie aus einem Funken ein Feuer wird; eine Mitarbeiterin des Jugendamts, die erlebt hat, wie ein Funke eine ganze Nacht verändert; und ein Therapeut, der mit Paaren nach dem Moment sucht, in dem es wieder funkt.

Gesprächsmöglichkeit am Telefon nach dem Gottesdienst

Von 11.00 bis 13.00 Uhr können Hörerinnen und Hörer im Anschluss an den Gottesdienst anrufen und mit Pfarrerin Pia Baumann sowie Telefonseelsorger*innen sprechen: 069 / 58 09 84 68

Mitwirkende:

Liturgie und Predigt: Pfarrerin Pia Baumann
Moderation und Lesung: Hermann Hillebrand
Musikalische Leitung: Manuel Schienke, Referent für Popularmusik, Zentrum Verkündigung EKHN
Band: 
Tine Wiechmann – Gesang
Shanice Gräber – Gesang
Jens Nobiling – Schlagzeug & Gesang
Christoph Carl – E-Bass
Ingo Hassenstein – Akustik- und E-Gitarre
Manuel Schienke – Piano & Gesang
Projektchor 
Kirchliche Redaktion: Pfarrerin Lisa Maria Tumma  

Predigt

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Gemeinde,

seit ein paar Jahren liegt in unserer Besteckschublade ein Feuerstahl. Meine Tochter hat ihn zur Konfirmation bekommen. Von einem Freund der Familie. Wir sind damals viel zelten gegangen, und er meinte: Der ist praktisch, den kannst du beim Campen gut gebrauchen.

Wie funktioniert ein Feuerstahl?

Ich sehe noch, wie meine Tochter den Feuerstahl auspackt. Sie schaut ihn an. Dreht ihn um. Ein Metallstab mit einem Griff. Ein flacher Schaber hängt daran. Auch aus Metall. Sie war etwas ratlos. Ich ehrlich gesagt auch.

Unser Freund hat ihr erklärt, wie es geht: Du nimmst den Schaber und ziehst ihn von oben nach unten über den Stahl. Du brauchst etwas Druck und die richtige Geschwindigkeit. Klingt leicht, ist es aber nicht.

Dranbleiben, bis der Funke kommt

So ein Feuerstahl zündet nicht einfach. Man muss ihn in die Hand nehmen. Ausprobieren. Scheitern. Noch einmal versuchen. Geduldig bleiben, bis man den Dreh raushat. Das kann dir keiner abnehmen.

Vielleicht war genau das die Idee hinter dem Geschenk. Meine Tochter war damals mitten in der Pubertät. Ein Teenager. Mit allem, was dazu gehört. Nicht mehr Kind, aber auch noch nicht erwachsen. Sie hatte viele Fragen: Wer bin ich? Woran glaube ich eigentlich? Was trägt mich im Leben? 

Wenn Übung zum Leuchten führt

Und dann kam der Feuerstahl ins Haus. Meine Tochter hat geübt. Immer wieder den Schaber über den Stahl gezogen. Am Anfang: nichts. Nur ein leises Zischen. Doch irgendwann klappte es. Und ihre Augen leuchteten.

Die Fragen meiner Tochter hat der Feuerstahl nicht beantwortet. Wie sollte er auch. Aber, ich glaube, er hat ihr damals etwas Wichtiges gezeigt. Nämlich: Auch wenn nicht immer alles sofort klappt, es lohnt sich dranzubleiben. Nicht aufgeben. Sondern darauf vertrauen: Ich kann das schaffen. Und irgendwann wird er springen, der Funke.

Pfingsten in Jerusalem

Ein bisschen so stelle ich mir das damals an Pfingsten in Jerusalem vor. Da ist ein Funke übergesprungen. Und auch der war kein Selbstzünder. Die Jünger hatten viele Fragen: Wer sind wir jetzt noch, ohne Jesus? Was können wir tun? Wohin soll das alles führen?

Sie sitzen in dem Haus, in dem sie sich immer treffen, wenn sie in Jerusalem sind. Unter ihnen Petrus und Johannes, Maria, Susanna und viele mehr. 

Warten vor dem Aufbruch

Draußen sind viele Leute auf den Straßen. Es ist ein fröhlicher Feiertag. Schawuot, ein Erntefest. Menschen aus der ganzen Welt sind unterwegs. Sie hören das Lachen und den Trubel durch die Fenster.

Aber ihnen ist nicht nach Feiern zumute. Sie hatten Jesus sterben sehen. Sein Tod steckte ihnen noch in den Knochen. Und dann, drei Tage später, stand er plötzlich wieder da. Lebendig. Redete und aß mit ihnen. Und kaum hatten sie sich dran gewöhnt, war er auch schon wieder weg. Aufgefahren in den Himmel.

Jetzt sind sie erst recht unsicher. Wie soll es weitergehen? Jesus hatte gesagt: Wartet. Bleibt zusammen. Seid bereit. Habt keine Angst. Da kommt noch was.

Das Brausen des Geistes

Also sind sie hier. In diesem Haus. Und warten. Auch wenn sie nicht wissen, worauf. Petrus trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Maria steht auf, geht zum Fenster, schaut raus. Setzt sich wieder. Spannung liegt in der Luft. Wie ein leises Knistern. Petrus runzelt die Stirn, schaut Maria an und flüstert: „Spürst du das auch?" Er steht auf, seine Schultern straffen sich: „Ich glaube, wir haben lange genug gewartet. Lasst uns rausgehen. Ich will den Menschen erzählen, was wir erlebt haben." Und plötzlich ist da ein Rauschen. Ein Brausen. Wie Wind, der durch das ganze Haus fährt, bis in die letzte Ecke. Kleine Feuerflammen lassen sich auf ihren Köpfen nieder.

Vom Warten zum Reden

Die Freunde hält nichts mehr auf ihren Plätzen. Alle gehen sie auf die Straße. Mischen sich unter die Menschenmenge. Und erzählen mit leuchtenden Augen von Jesus und von Gottes großer Liebe. Der Funke hat gezündet und ist übergesprungen.

Eben noch sitzen die Freunde von Jesus unsicher zusammen. Plötzlich sind sie völlig aus dem Häuschen. Zwischen ihnen ist etwas passiert, und es hat andere angesteckt. Ein Funke ist übergesprungen. 

Ein Funke im Alltag?

Das gefällt mir. Ich frage mich: passiert sowas heute auch noch? Mitten im Alltag. Mitten im Leben?

Ich habe mich auf die Suche gemacht. Nach Menschen, die es erlebt haben: 

Meggi und der Pfingstmoment

Meggi vom Jugendamt zum Beispiel. Damals Donnerstagabend, kurz vor Pfingsten 2015. Der Feierabend ist nah. Und dann kamen die Jugendlichen, ganz allein, auf der Flucht. Sie brauchten sofort Hilfe und ein Bett zum Schlafen. Also: Meggi und ihre Kollegen gehen nicht nach Hause. Sie bleiben. Packen an. Ohne viele Worte. Meggi sagt: „Das war für mich ein echter Pfingstmoment.“

Was ist ein Pfingstmoment?

Pfingstmoment. An diesem Wort bleibe ich hängen. Was ist das eigentlich? Habe ich auch schon Pfingstmomente erlebt? Vielleicht nicht so dramatisch? Nicht so existenziell wie bei Meggi. 

Ich glaube: Einen Pfingstmoment, den kann ich nicht einplanen. Der kommt ungerufen.

Ich erlebe ihn nicht für mich allein. Sondern mit anderen Menschen zusammen. Wenn er da ist, spüre ich ihn. Er gibt mir das Gefühl: Jetzt. Hier. Das ist richtig. Er bringt mich auf die Beine und reißt mich mit. Plötzlich bin ich mittendrin und weiß gar nicht genau, wie das passiert ist.

Gemeinschaft, die trägt

Erlebt habe ich das schon bei einem Rockkonzert zum Beispiel. Oder im Fußballstadion. 

Wenn ich vor Freude mit anderen in die Luft springe. Die Mannschaft anfeuere und bei einem Tor jubelnd in den Armen meiner Nachbarin liege. Bemerkenswert: Von den meisten um mich herum weiß ich gar nichts. Ich weiß nicht, ob sie Handwerker sind oder Ärztinnen. Welche Sprache sie zuhause sprechen. Wo sie wohnen und wen sie lieben. Und es ist auch egal. Was uns in diesem Moment, für neunzig Minuten, verbindet, ist ein gemeinsames Feuer. Die Leidenschaft für den Sport und den Verein. 

Der Heilige Geist verbindet

Ich glaube, in der biblischen Pfingstgeschichte ist es ähnlich - und doch anders. Petrus, Maria und die anderen verlassen das Haus und mischen sich unter die feiernden Menschen. Sie erzählen begeistert, was sie mit Jesus erlebt haben. Ihre Zuhörer kommen aus Ägypten, aus Rom und aus Persien. Sie sprechen nicht die gleiche Sprache und trotzdem verstehen sie einander. 

Was sie verbindet, ist in diesem Fall keine Fanfreundschaft. Es ist etwas anderes. Eine Verbindung, die von Gott kommt. Die Bibel nennt es den Heiligen Geist. 

Wie sieht der Heilige Geist aus?

Wie der aussieht? Das lässt sich nur in Bildern beschreiben. 

Die Apostelgeschichte sagt: Der Heilige Geist ist wie ein Brausen und Rauschen. Ich sage: Er ist wie ein, Funke der überspringt. Meggi würde vielleicht sagen: Wie ein Blick, der genügt. Wie eine Nacht, in der alle anpacken. 

Und Melissa, die Pfadfinderin: Der Heilige Geist ist wie ein Lagerfeuer, das endlich brennt. Wie der Moment, wenn ein Kind nach viel Üben zum ersten Mal selbst ein Feuer entzündet. Es schaut hin. Ungläubig fast. Und dann strahlt es. Melissa sagt: Das vergisst keiner. 

Warum der Augenblick so wichtig ist

Ich muss sofort an meine Tochter denken. Und an mich. Wie ich damals zugeschaut habe, als sie geübt hat mit dem Feuerstahl. Ich hätte ihr am liebsten ein Streichholz in die Hand gedrückt. Viel schneller und einfacher. Aber dann hätten sie und ich diesen einen Moment verpasst. 

Diesen Augenblick, in dem plötzlich etwas gelingt, was vorher nicht ging. Wo aus Geduld Feuer wird. Und die Augen funkeln. 

Wenn der Funke ausbleibt

Aber manchmal - und auch das gehört dazu – will der Funke einfach nicht überspringen.

Manchmal springt der Funke nicht. Das kann verschieden Gründe haben. Nicht jeden Abend brennt ein Lagerfeuer. Manchmal ist das Holz einfach zu nass. Manchmal bleibt eine Begegnung ohne Echo. Und Worte treffen auf taube Ohren. 

Als die Jünger rausgehen auf die Straße, sind die Leute neugierig. Sie fragen: Was geht hier vor? Wovon reden die eigentlich? 

Reibung, Spannung, Begegnung

Nicht alle lassen sich begeistern. Jedenfalls nicht sofort. Einige schütteln den Kopf und spotten.

Vom Feuerstahl meiner Tochter weiß ich: Damit Funken springen, braucht es neben Geduld auch etwas Druck und Reibung. Ich glaube, zwischen Menschen kann das ähnlich sein. 

Wenn Spannung sich löst

So jedenfalls habe ich Günter verstanden. Er sagt, Funken entstehen da, wo Menschen nicht ausweichen. Wo sie bleiben, auch wenn es reibt und unbequem ist. Zu ihm kommen Paare in die Beratung, wenn es kriselt. Dann stellt Günter Fragen. Hakt nach, lässt nicht locker. Und hin und wieder passiert es. Ein Versprecher. Eine absurde Wendung. Und das Paar lacht. Günter sagt: Das ist der wichtige Moment. Nicht wenn alles geklärt ist und die Probleme sich in Luft auflösen. Sondern, wenn die Spannung sich entlädt und etwas Leichtes entsteht. 

Dann ist etwas Heiliges im Raum. Was daraus dann wird, hat Günter nicht in der Hand. Er sagt: Manchmal darf ein Funke auch erlöschen. Und das ist ok.

Familie, Alltag, Enttäuschung

Dass Funken einfach erlöschen können, verstehe ich. Mitunter macht mich das traurig. Ich kenne Sonntage, da habe ich für alle gekocht. Mal wieder in Ruhe zusammensitzen. Hören, was so war in den letzten Tagen, in der Schule, bei der Arbeit. Doch dann: Eine dringende Mail ist reingekommen. Die Hausaufgaben für morgen sind nicht fertig. Und kurzfristig hat sich eine der Töchter fürs Kino verabredet. Ich habe es mir so schön vorgestellt, versucht alles richtig zu machen. Doch der Funke springt in meiner Familie nicht über.

Wenn es plötzlich gelingt

Und ich kenne es auch genau andersrum. Ein ganz normaler Abend mitten in der Woche. Es gibt ein schnelles Abendbrot mit Käse und Wurst. Plötzlich sitzen alle am Tisch. Wir lachen. Erzählen. Und niemand schaut auf die Uhr oder aufs Handy.

In solchen Momenten merke ich: Ich bin nicht diejenige, die den Funken macht. Der Funke trifft mich. Nicht ich ihn. Das entlastet ungemein. Ich kann den Tisch decken. Mit Brot und Käse. Oder mit dem Lieblingsessen. Was davon zündet, liegt nicht allein in meiner Hand. 

Der Funke bleibt

Aber wenn es zündet, dann ist es schön und bringt etwas in mir zum Leuchten.

Der Feuerstahl ist noch immer in unserer Besteckschublade. Praktisch, hat unser Freund gesagt. Und ja, das stimmt. Er ist praktisch. Aber für mich ist er mehr. 

Pfingsten heute

Er erinnert mich an die großen und kleinen Pfingstfunken im Leben von Melissa, Meggi, Günter und mir. 

Nächte, in denen alle anpacken und niemand fragt, wer zuständig ist. Kinder, deren Augen plötzlich funkeln. Weil sie merken: Ich kann das. 
Ein Lachen mitten im Streit und plötzlich löst sich was. 
Ein Tisch mit Brot und Käse, an dem der Tag zur Ruhe kommt.

Der Feuerstahl erinnert mich an die Jünger, an Petrus und Maria. Sie stehen auf, gehen auf Menschen zu, die sie nicht kennen. Sie erzählen anderen, wofür ihr Herz brennt. Über alle Sprachbarrieren hinweg. 

Pfingsten: Beginn und heute

So hat es angefangen.
Damals in Jerusalem. 
So ist Pfingsten bis heute.
Es beginnt immer mit einem Funken. 

Amen.

Musik und Lieder

Herr, wir sind gekommen - Manuel Schienke
Choral „O heiliger Geist“ - T: Johannes Niedling (1651) M: Köln 1623, Samuel Scheidt (1650)
Come let´s praise the Lord together - Manuel Schienke
Halleluja, Der Blick geht nach oben - T: Jan Primke Jürgen Werth, M: Jan Primke
Komm, o komm du Geist des Lebens - T: Heinrich Held (1658) M: Meiningen (1693)
Still - T: Reuben Timothy Morgan, Winfried Schweitzer, M: Reuben Timothy Morgan, Hillsong Music Publishing, Universal Music Publishing 
Mutig, stark, beherzt - Timo Boecking, Gloria Gogroef 
O komm du Geist der Wahrheit - T: Philipp Spitta (1827) (1833) M: 16. JH. Geistlich Nürnberg um 1535, Böhmische Brüder 1544, bei Otto Riethmüller 1932
Aufsteh'n, Aufeinander Zugeh'n - M: Clemens Bittlinger, Karl Josef Piek, Purple Schulz T: Clemens Bittlinger, Purple Schulz, Miau Musikverlag und Chlodwig Musikedition 
Komm, heilger Geist - T: Klaus Okonek, Joe Raile M: aus Israel
Anker in der Zeit - T. und M.: Albert Frey, Haenssler-Verlag Edition 
Komm, Herr, segne uns - T. und M.: Dieter Trautwein 
Der Herr segne dich – Seine Kinder lässt er nie allein - T.: Manuel Schienke, Jan Primke M: Manuel Schienke