hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Rieth, Stephanie

Eine Sendung von
Stephanie Rieth,
Bevollmächtigte des Generalvikars und Dezernentin im Bistum Mainz

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Drei und doch eins – Vom Staunen über Gott

Ich finde sie faszinierend: diese sogenannten Vexierbilder, in denen gleichzeitig mehrere Motive zu entdecken sind. Aus verschiedenen Perspektiven zeigen sie Unterschiedliches. Es gibt ein ganz bekanntes - vielleicht kennen Sie es. Man sieht eine alte Frau mit Kopftuch und einer großen Nase und manchmal eine junge Frau, die den Kopf seitlich dreht und einen Hut mit einer Feder trägt. Mal finde ich mit den Augen die eine, mal die andere, beide sind in der Zeichnung enthalten. Ein Bild, das mich besonders fasziniert, weil es auch mehrere Perspektiven zeigt, ist im Kreuzgang des Paderborner Doms zu finden. Vor zwei Jahren habe ich es bei einem Besuch dort zum ersten Mal entdeckt. Ein rundes Fenster mit drei Hasen. Sie laufen im Kreis. Jeder Hase hat zwei Ohren – und doch sind insgesamt nur drei Ohren zu sehen. Und es gibt auch einen alten Spruch dazu: „Der Hasen und der Löffel drei – und doch hat jeder Hase zwei.“ In Paderborn ist daraus mittlerweile ein Wahrzeichen geworden. 

Vielleicht passt das Fenster deshalb so gut

Heute feiert die Kirche den Dreifaltigkeitssonntag und damit ist endgültig die festliche Oster- und Pfingstzeit zu Ende und in den Gottesdiensten beginnt wieder der Alltag. Vorher wird aber noch einmal ein ganz besonders geheimnisvolles Bild in den Mittelpunkt gestellt: ein Gott in drei Personen. Christinnen und Christen glauben: Gott ist dreifaltig - oder dreieinig. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind die drei Gestalten des einen Gottes. Jede Gestalt ist ganz Gott und doch ist Gott immer das Ganze. Immer wieder versuche ich mir das vorzustellen und immer wieder denke ich: Wie kann das sein? Vielleicht hilft das Hasenfenster von Paderborn. Fachleute sagen zwar: Historisch war das Fenster vermutlich ursprünglich kein Bild für die Dreifaltigkeit. Das Motiv ist viel älter. Aber später haben Menschen darin etwas entdeckt, das sie an Gott erinnert hat. Drei – und doch eins. Vielleicht passt dieses Fenster gerade deshalb so gut. Nicht weil es Gott erklärt. Sondern weil es mich zum Staunen bringt und geheimnisvoll bleibt. 

Wenn ich nur kurz hinsehe, verstehe ich wenig

Gott gehört zu den Wirklichkeiten, die sich nicht einfach erklären lassen. Ich kann ihn nicht festhalten. Nicht messen. Nicht fotografieren. Ich kann ihn nicht mit meinen Sinnen erfassen wie einen Gegenstand. Und doch erzählen Menschen seit Jahrtausenden, dass sie Gott gesehen, gehört oder gespürt haben. Die Bibel ist voll davon. Eine Geschichte hat es mir besonders angetan. Der Prophet Elija befindet sich in einer Krise, sein Leben ist bedroht und er flieht in die Wüste. Er fleht Gott an, seinem Leben ein Ende zu machen. Aber Gott will Elija stärken mit Wasser und Brot und indem er ihm begegnet. Die Leserinnen und Leser und auch Elija selbst erwarten Gott im Sturm, im Erdbeben und im Feuer - das passt schließlich zum großen Gott. Tatsächlich kommt Gott aber im sanften, leisen Säuseln und Elija spürt, dass Gott da ist. (vgl. 1 Könige 19) Keine Definition. Keine Theorie. Eine Erfahrung. Vielleicht ist es mit Gott wie mit dem Hasenfenster. Wenn ich nur kurz hinsehe, verstehe ich wenig. Wenn ich länger schaue und staune, dann erkenne ich: Da steckt mehr dahinter. 

Musik

Wie kann denn das sein? 

Heute geht es in den Kirchen um den dreifaltigen Gott. Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist – und zugleich auch nur ein Gott. Das macht auch Christinnen und Christen manchmal etwas ratlos. Drei – und doch eins. Wie kann das sein? 
Immer wieder haben Menschen dafür Erklärungen gesucht. Manche haben versucht, dieses Geheimnis auszurechnen. Andere haben Bilder gesucht, um zu verstehen: Zum Beispiel das Bild vom Wasser, das in drei Aggregatzuständen erscheinen kann: fest, flüssig und gasförmig. Oder eben die drei Hasen im Fenster des Kreuzgangs im Paderborner Dom. 

Kein alter Mann mit Bart über den Wolken

Aber eigentlich wissen Christinnen und Christen immer schon: Gott lässt sich nicht erklären wie eine Rechenaufgabe. Alles Reden über Gott bleibt eine Annäherung. Wenn wir zu Gott „Vater“ sagen, dann meinen wir keinen alten Mann mit Bart über den Wolken. Wenn wir von Jesus als Gottes „Sohn“ sprechen, reden wir nicht biologisch. Und der Heilige Geist ist kein Gespenst. Es sind Bilder. Worte, die helfen sollen, sich einem Geheimnis zu nähern. Denn Gott ist uns zugleich ganz nah und unserem Verstand entzogen. Er ist in dieser Welt – und größer als sie. Ich sehe ihn nicht unmittelbar – und doch kann ich seine Spuren entdecken. In einer Begegnung mit einem Menschen, bei der eine Verbindung spürbar wird. In einer Hand, die sich ausstreckt. In einem Wort, das mir einen Ausweg weist aus einer schwierigen Situation. In einer Situation, in der ich spüre: Ich bin gemeint und ich bin nicht allein. 

“Gott ist in sich Beziehung, Begegnung und Liebe”

In den Gottesdiensten wird zum heutigen Fest ein Text aus dem Johannesevangelium gelesen. Da heißt es: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Johannes-Evangelium 3,16) Auch nicht gerade einfache Worte. Aber auch hier lohnt es sich, sich darauf einzulassen. Der Satz beginnt nicht mit Macht. Nicht mit Stärke. Nicht mit dem großen, unnahbaren Gott. Sondern mit Liebe. Und das ist der Schlüssel: Liebe funktioniert nicht ohne Gegenüber. Liebe ist Beziehung. Vielleicht haben Christinnen und Christen deshalb irgendwann begonnen, von Vater, Sohn und Geist zu sprechen. Nicht um Gott kompliziert zu machen. Sondern um auszudrücken: Gott ist in sich Beziehung, Begegnung, Liebe. Nicht ein einsamer Herrscher irgendwo weit weg. Sondern Leben, das sich verschenkt. 

Musik 

Gott ist Leben und Liebe und er zeigt sich in Beziehung. Mich berührt dieser Gedanke. Wenn Gott in Beziehung ist – nicht nur zu uns, sondern schon in sich selbst –, dann sagt das vielleicht auch etwas über uns Menschen. Denn wie heißt es noch gleich am Anfang der Bibel: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild.“ (Genesis 1,27) Wir Menschen sind also auch Beziehungswesen. 

Aber oft war da etwas Gemeinsames spürbar

Vor zwei Wochen war ich beim Katholikentag in Würzburg. Es war wieder einmal ein beeindruckendes Erlebnis mit ganz viel Begegnung und Beziehung und für mich ist da auch Gott gewesen. Ich habe einige Stunden am Infostand unseres Bistums Mainz verbracht. Da kamen alte Menschen und junge. Familien mit Kindern. Menschen, die ich seit Jahren kenne. Andere, denen ich zum ersten Mal begegnet bin. Manche Gespräche dauerten lange. Andere nur ein paar Minuten. Manche kamen mit Fragen und Problemen beladen, andere fröhlich und ausgelassen. Vielen bin ich auf dem Weg begegnet, zwischen zwei Veranstaltungen, irgendwo auf einem Platz oder im Gedränge auf einer Straße. Aber oft war da etwas Gemeinsames spürbar. Menschen sind gekommen, um ihren Glauben zu feiern. Um Gemeinschaft zu erleben.

Auf dem Katholikentag habe ich davon etwas gespürt

Um sich mit den Themen unserer Zeit auseinanderzusetzen: Demokratie, Klimaschutz, Missbrauch. Ich glaube: genau in solchen Beziehungen und Begegnungen mit Menschen begegne ich auch Gott. Gott zeigt sich nicht in spektakulären Erscheinungen, sondern ich erfahre ihn mitten unter den Menschen, in Begegnungen, in Gemeinschaft, in einem Gefühl von Verbundenheit. Da entsteht auch Leben, denn wir leben von Beziehungen, von Menschen, die zuhören, mit denen wir uns auseinandersetzen können, von denen, die bleiben. Auf dem Katholikentag habe ich davon etwas gespürt. Dass Glaube nicht nur etwas ist, das im Kopf stattfindet. Sondern zwischen Menschen. Dass Gott sich manchmal gerade dort zeigt, wo Menschen miteinander da sind. 

Ein kleines Geheimnis aus Stein und Glas

Wie schön, dass der nächste Katholikentag im Erzbistum Paderborn stattfindet - in zwei Jahren. Aber vielleicht lohnt sich ja auch vorher schon mal ein Ausflug zum berühmten Hasenfenster im Paderborner Dom. Drei Hasen, drei Ohren, und doch hat jeder Hase zwei. Ein kleines Geheimnis aus Stein und Glas. Und vielleicht ein leiser Hinweis auf den großen Gott. Auf einen Gott, den ich nie ganz begreifen, aber dem ich mich staunend nähern kann.