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Reisen ins Land der Bücher
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Reisen ins Land der Bücher

Ein Beitrag von Prof. Dr. Maike Schult, Professorin für ev. Theologie an der Philipps Universität, Marburg
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Sesselreisen. So nennen es die Briten, wenn die Welt aus Buchdeckeln heraus zu uns nach Hause findet und neue Sichtweisen entstehen. Reisen im Sessel: Es ist kein Zufall, dass der Begriff bei ihnen entstanden ist. Denn im 15. Jahrhundert beginnen von England aus die großen Entdeckungsfahrten. Sie ändern die Sicht auf die Welt und machen das Neue, das Fremde und Exotische über Reiseberichte bekannt.

Wer sich Bücher leisten konnte, der konnte in der Phantasie mitreisen

Wirklich in See stechen, das konnten damals nur wenige. Doch wer sich Bücher leisten konnte, dem war es möglich, als Armchair Traveller, als Sesselreisender, mitzureisen in der Phantasie.[1] Der konnte mit Robinson Crusoe Schiffbruch erleiden und den Alltag auf einer Karibikinsel teilen. Oder mit Gulliver ins Land der Riesen und der Zwerge fahren und lernen, wie relativ das ist, was wir Groß und Klein nennen.

Auch Frauen ermöglichte die Reiselektüre das Häusliche in Gedanken zu verlassen

Nicht zuletzt Frauen eröffnete sich über Lektüre die Chance, den engen Raum des Häuslichen zu überschreiten und an Dingen teilzunehmen, die ihnen in der Realität noch verwehrt waren. So regte Literatur an, das Leben der anderen kennenzulernen und sich selbst das Leben anders vorzustellen. Es war aber nicht nur die Zeit der großen Entdeckungsfahrten rund um den Erdball. Es war auch die Zeit der großen Bibelübersetzungen.

Die Zeit der privaten Bibellektüre

Martin Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche, und der Buchdruck brachte die Bibel in viele Haushalte hinein. So wurde die private Bibellektüre zu einem Markenzeichen des Protestantismus. Nun konnte jeder selber lesen, was dort steht, und das Neue, Fremde und Schöne der biblischen Sprachwelt für sich entdecken. Ob man auch heute noch aufbrechen kann, um die Bibel wie ein Armchair Traveller zu bereisen und zu entdecken, was dieses Buch zu geben hat?

Musik: Johan Wagenaar, Summer of Life, op. 21 (Nordwestdeutsche Phiharmonie unter Antony Hermus)

Comfy und cosy reisen

Der Armchair Traveller ist einer, der mit dem Finger auf der Landkarte liest und die Welt vom Sessel aus entdeckt. Zurückgelehnt und gut gepolstert kann er Länder und Meere entdecken und reist comfy and cosy, also wonnig und warm, durch den Schrecken und die Schönheit der Welt.

"Taschenatlas der abgelegenen Inseln"

Eines meiner Lieblingsbücher für dieses Reisen im Kopf ist von Judith Schalansky. Es heißt „Taschenatlas der abgelegenen Inseln“ und führt auf fünfzig Inseln. Eilande, auf denen die Autorin nie war, niemals sein wird und auf die auch ich vermutlich nie gelangen werde. Nicht weil es diese Inseln nicht gibt. Es gibt sie. Sie heißen Rapa Iti und Pagan, die Antipodeninsel und die Weihnachtsinsel. Aber solche Inseln sind nur selten über Katalog zu buchen.

Keine Ziele des Massentourismus

Was sich in diesem Atlas findet, das ist nicht Massentourismus. Es ist der winzig kleine Punkt in den Weiten des Ozeans, und zu jedem Punkt erzählt Judith Schalansky eine Geschichte. Kleine Miniaturwelten. Von Wasser umgeben. In Wirklichkeit sind sie weit über die Weltmeere verstreut. Doch im Lesen kommen sie ganz nah. Jeder Eintrag beginnt mit den kartographischen Eckdaten und einer Abbildung der Insel. Danach schließt sich ein Erzählfragment an. Eine kleine Geschichte, die oft mit der „Taufe“[2] der entdeckten Insel beginnt. So streife ich beim Lesen über Namen wie Floreana, Robinson und Himmelfahrt und erkunde das Geheimnis, das jede der Inseln hinter den Mauern des Meeres verbirgt.

Judith Schalansky erzählt von unglaulichen Dingen

In ihrem „Taschenatlas der abgelegenen Inseln“ erzählt Judith Schalansky viele unglaubliche Dinge. Vom Königreich eines Leuchtturmwächters zum Beispiel oder vom Kaiserreich einer Hochstaplerin. Doch sie denkt sich diese Inseln nicht einfach aus. Ihre Geschichten sind genau recherchiert und zeigen die Inseln nicht nur als paradiesischen Zufluchtsort.

Inseln fern aller Handelsrouten

Ihre Inseln sind auch Orte voll Krankheit und Gewalt und heißen „Insel der Enttäuschung“ und die „Insel Einsamkeit“. Das ganze Leben ist hier zu Haus, und doch gibt es dort nichts zu holen. Denn die Inseln liegen fern der Handelsrouten und nichts, nichts, nichts ist hier zu haben. Manchmal ist gerade das das Schöne.[3] Viele der Inseln sind nur schwer zu erreichen. Oft scheint es „leichter, in das Himmelreich zu gelangen, als auf ein Eiland im südlichen Atlantik“, heißt es im Text.[4] So kommen die einen nie an, und die anderen kommen nicht mehr weg. Nur im Lesen komme ich aus allem wieder raus.

Eine Herausforderung: Die Welt von zu Hause zu entdecken

Die Idee zu ihrem Taschenatlas kam Judith Schalansky in einem Kartenlesesaal der Berliner Staatsbibliothek. Dort stand ein großer Globus. Judith Schalansky ging um den Globus herum und stellte fest: auf dieser Welt ist eigentlich schon alles vermessen und bekannt. Darum, so sagt sie, besteht die eigentliche Herausforderung darin, zu Hause zu bleiben und die Welt von dort aus zu entdecken.

Eingeschlossen in der DDR

In dieser Art von Fingerreisen war sie geübt. 1980 wurde sie in der DDR geboren. Reisefreiheit gab es hier nicht. So ersetzten ihr Landkarten schon als Kind die Orte, die ihr in Wirklichkeit verschlossen waren. Und sie reiste im Kopf, bis ihr Geburtsland, die DDR, selbst von den Karten verschwand.

Vom Sessel aus reisen und alles hinter sich lassen

Nicht immer ist es möglich, dass Grenzen und Mauern wirklich verschwinden. Auch darum braucht es das Lesen. Für die Zeiten, in denen sich an der Realität wenig ändern lässt, reise ich vom Sessel aus und lasse alles hinter mir. Denn ich weiß: Nichts muss bleiben, wie es ist. Irgendwann kommt Land in Sicht.

Musik: Johan Wagenaar, Frithiof's Sea Voyage, op. 5 (Nordwestdeutsche Phiharmonie unter Antony Hermus)

Die Bibel als Abenteuerbuch erlesen

Ich stelle mir vor, wie es wäre, einmal die Bibel so zu bereisen wie den Taschenatlas von Judith Schalansky. Mit dem Finger über die Buchstaben zu fahren und ohne Scheu durch die Geschichten zu streifen, die in der Bibel versammelt sind. Das wäre vielleicht erst einmal ungewohnt. Die Bibel als Abenteuerbuch mit abgelegenen Orten, die es in der Realität zwar gibt. An denen ich aber noch nie war und vielleicht niemals sein werde: Bethlehem, Jerusalem, der See Genezareth. All das habe ich bislang nur in Gedanken bereist, und vielleicht bleibt es mir auch in Zukunft verschlossen.

Zwei Möglichkeiten sich den Zugang zur Bibel zu versperren

Der Schriftsteller Franz Fühmann sagt, es gebe zwei Möglichkeiten, sich den Zugang zur Bibel zu versperren: wenn man zu klein oder wenn man zu groß von sich denkt. Er sagt das in einem Essay, der „Meine Bibel“ heißt und als Nachwort zu einer Luther-Bibel erschienen ist. Was vielleicht nicht so bemerkenswert wäre, wenn man nicht wüsste, dass Fühmann Schriftsteller war in der DDR und die DDR nicht gerade das, was man einen kirchenfreundlichen Staat nennt.

Franz Fühmann hat mehrere totale Systeme kennengelernt

Doch Franz Fühmann hat mehr als ein totalitäres System kennengelernt. Sein Lebensweg wird an folgenden Punkten festgemacht: Jesuiteninternat, Wehrmacht, Kriegsgefangenschaft und schließlich die DDR. Ein Rezensent sagt über ihn: „Fühmann war von klein auf zum Fanatismus erzogen worden“.[5] Tatsächlich gilt Fühmann als einer, der oft Schwarz-Weiß dachte und dann doch nach Wahrheit suchte.

Einmal schrieb er einen offenen Brief an Klaus Höpcke, den sogenannten „Bücherminister“ der DDR und höchsten Zensor des Landes. Darin heißt es: „Weder ein Einzelner, noch ein Berufsstand, noch irgendeine soziale Organisation oder politische Gruppierung ist im alleinigen Besitz der Wahrheit.“[6] Der Brief wurde natürlich nicht veröffentlicht. Veröffentlicht aber wurde der Essay von Franz Fühmann: „Meine Bibel. Punkt. Erfahrungen“.[7]

DDR-Schriftsteller kennt "seine" Bibel

Ich habe Fühmanns Essay gelesen und war erstaunt, wieviel Wärme und Detailkenntnis sich darin findet. Man hätte es vielleicht nicht erwartet für einen, der das Label trägt „DDR-Schriftsteller“. Aber Fühmann kannte „seine“ Bibel. Er kannte ihre Bilder, Gestalten und Konflikte. Sie verwoben sich mit seinen Erfahrungen und sprangen, so schreibt er, aus den Blättern hervor wie ein Tiger, der das Frommsein aufreißt und in die Wunden das Salz der Fragen streut.[8]

Die Bibel - Ein Buch aus vielen Büchern

Fühmann erlebt die Bibel als unruhestiftend und ehrlich. Als ambivalent und widersprüchlich. Eindeutig, sagt er, eindeutig sei die Bibel nur für den, der sie nicht liest. Ein Buch aus vielen Büchern, das ihn schon als Kind fasziniert. Und ich frage mich: Wie war es eigentlich bei mir? Wann bin ich den biblischen Geschichten zuerst begegnet? Und was habe ich beim Lesen entdeckt?

Musik: Johan Wagenaar, Summer of Life, op. 21 (Nordwestdeutsche Phiharmonie unter Antony Hermus)

"Biblische Geschichten waren um mich herum wie das Ein- und Ausatmen"

Wenn ich an meinen Anfang mit der Bibel zurückdenke, dann kann ich mich vor allem gar nicht an einen echten Anfang erinnern. Biblische Geschichten waren um mich herum wie das Ein- und Ausatmen. Sie wohnten in schmalen Bänden mit festem Einband im Regal. Biblische Geschichten, gemalt und erzählt von Kees de Kort, dem niederländischen Maler. Sie stiegen auf in der Stimme meiner Mutter, die sie mir vorgelesen hat. Eine einfache, faszinierende Welt, an der ich mich nicht sattsehen konnte. Esel, Schafe und Kamele, gewürfelte Häuser, Sterne und Sandalen.

Vor allem Jesus faszinierte

Vor allem aber die Menschen. Immer mehr als nur einer. Aber immer mit einem, der besonders war: Jesus. Diese Menschen brachen Brot und tranken Wein aus bauchigen Krügen, und der Wein war so sämig, als flösse er mir beim Blättern direkt in die Hand. Die Figuren hatten alle die braunen Augen meiner Mutter. Und wenn sie las, zähmte ihre Stimme den Sturm und brachte meinen Tag zur Ruhe.

Die Geschichte der Sturmstillung

Die Sturmstillung hatte es mir besonders angetan. Die Geschichte, die davon erzählt, wie Jesus und seine Jünger auf dem See Genezareth fahren und ihr Boot in einen Sturm gerät. Ich sehe es bis heute vor mir: das kleine aufgeschreckte Schiff mit dem angerissenen Segel. Die wüst geschichteten Wellen und ein Jesus, der einfach nicht wach werden will, was immer die Jünger auch tun.

Sie reißen die Augen auf, schlagen sich die Hände ans Gesicht und schöpfen Wasser aus dem Boot, um nicht zu ertrinken. Um sie herum nur Gischt und tosende See. Kein Land, keine Insel in Sicht. Nur dieser Jesus, der sich nicht bewegt, ihnen zu helfen. Endlich wird er wach. Er steht auf, stellt sich den Jüngern entgegen und bohrt mit dem Finger eine Frage in ihre Gesichter: „Warum habt ihr Angst? Ich bin doch da.“ Komische Antwort, fand ich. Aber wenn man die Seite umblättert, hat er recht: Der Sturm ist fort. Das Wasser still. Endlich Ruhe. Sicherheit.

Die biblischen Buchbilder waren eine eigene Welt

Diese biblischen Buchbilder waren eine eigene Welt. Aber sie konnten mühelos mit anderen Welten in mir verschmelzen: Sagen, Märchen, Pixi-Bücher. Alles hatte mit allem zu tun. Vor allem auch mit mir. Ich entdeckte als Kind in den Büchern vieles, was mich damals beschäftigt hat.

Gefühle, die sich noch nicht mit anderen besprechen ließen. Oft ging es darum, sich gesehen und geliebt zu fühlen. Lieb und sogar der Liebling zu sein. Dazu fand sich viel in den Geschichten, und das konnte ungeheuer anspornend sein. Ich war natürlich die Gute. Goldmarie, nicht Pechmarie, wie es im Märchen heißt. Oder Rahel im Alten Testament, nicht ihre ungeliebte Schwester Lea.

"Warum hat Gott sich eigentlich gerade Jesus als Kind ausgesucht?"

Auch Jesus hatte einen Lieblingsjünger: Johannes. Aber ich hatte keine Lust, Johannes zu sein. Wenn schon Kind Gottes – warum nicht gleich Jesus? Er war mir nicht in allen Geschichten sympathisch. Vielleicht konnte er ausgetauscht werden? Ich war vier Jahre alt und fragte meine Mutter: „Warum hat Gott sich eigentlich gerade Jesus als Kind ausgesucht? Er hätte ja auch ein Mädchen nehmen können. Mich zum Beispiel.“

An ihre Antwort kann ich mich bis heute erinnern: Mein Vorschlag sei nicht schlecht. Aber was Jesus zu sagen hatte, sei sehr ungewöhnlich gewesen. Die Menschen seiner Zeit hätten ihm schon nicht geglaubt, obwohl er ein Mann war. Da wäre es kaum leichter für Gott gewesen, wenn er mich geschickt hätte, und für den Moment gab ich mich damit zufrieden.

Mit den Geschichten der Bibel aufgewachsen

Ich kannte also die Bibel. Von Anfang an. Nicht von ihrem Anfang an. Nicht als ein Buch mit A und O, Anfang und Ende. Ich kannte sie von meinem Anfang an, und ich kannte sie anfangs nur in leuchtenden Farben und schlanken Portionen. Alles hatte mit allem zu tun. Vor allem auch mit mir. Und es war gut, auf der Seite des Guten zu sein und sich auf alles gut vorbereitet zu fühlen durch die Geschichten.

Nicht nur Geschichten sondern auch Gesetzte, Gebote, Stammesregister und vieles mehr

Man kann aber nicht auf alles vorbereitet sein im Leben. Auch nicht mit der Bibel. Als meine Mutter starb, war ich sechzehn Jahre alt. Jetzt griff ich allein nach der Bibel. Ich schlug sie auf wie ein Buch und wollte sie lesen von Anfang bis Ende. Ich hatte gedacht, dass mir dann der Trost aus den Seiten entgegenfallen müsste wie die Sterne in Sterntalers Kleid. Stattdessen fand ich klein gedruckte Gesetze, Gebote und Stammesregister und vieles andere, was nicht tröstete und was mit dem Abbruch in meiner Lebensgeschichte nicht ins Gespräch kam.

Die Bibel lässt sich schwer kontinuierlich lesen

Ich glaube, hier wurde mir zum ersten Mal klar, dass die Bibel nicht eine einzige große Geschichte ist, die sich kontinuierlich lesen lässt von Anfang bis Ende. Sondern dass sie ein Buch ist, das sich wieder aus Büchern zusammensetzt. Zu manchen dieser Bücher findet man leicht Zugang. Zu anderen nicht. Manche kann man entdecken wie eine Insel im Meer. In anderen findet man nichts für das eigene Leben.

Manche Menschen verlieren den Kontakt zur Bibel ganz

Heute weiß ich besser als damals, dass eben solche existentiellen Brüche im Leben dazu führen können, dass Menschen ganz den Kontakt zur Bibel verlieren. Dass sie die leuchtenden Bilder der Kindheit nicht verbinden können mit dem, was ihr Leben verschattet. Dass sie dann das Buch, all die Gestalten und Geschichten, zurückstellen ins Regal und auch innerlich den Deckel zuklappen. Ob es auch danach noch Möglichkeiten gibt, die Bibel als Buch neu zu entdecken und in ihre Welten einzutauchen?

Musik: Johan Wagenaar, Romantic Intermezzo, op.13 (Nordwestdeutsche Phiharmonie unter Antony Hermus)

Mit der Bibel wachsen, kann nur der, der offen und aufnahmebereit eintritt

Der Schriftsteller Franz Fühmann sagt, es gebe zwei Möglichkeiten, sich den Zugang zur Bibel zu versperren: wenn man zu klein oder wenn man zu groß von sich denke. Zu klein heißt: Wer glaubt, er könne das Wort nicht verstehen, der scheitert schon an der Schwelle. Zu groß ist aber auch nicht gut: Denkt man sich selbst zu weise, dann hält man die biblischen Bücher für Ammenmärchen. Dann stoße man mit der Stirn an den Türpfosten und gelange auch nicht hinein. Nur wer offen eintritt, offen und aufnahmebereit, der könne mit der Bibel wachsen.[9]

Das "Buch der Bücher" weckt große Erwartungen

Ich denke, das stimmt. Aber ich kann mir vorstellen, dass es noch etwas gibt, was Menschen den Zugang zur Bibel versperrt und sie hindert, mit dem Buch zu wachsen. Und das sind die großen Erwartungen, die mit der Bibel verbunden sind. Die es als „Buch der Bücher“ herausheben und Leseerwartungen wecken, die sich so nicht einlösen lassen. Die die Menschen schon an der Schwelle befangen machen und verhindern, dass sie frei eintreten, sich umschauen und aussprechen, was ihnen beim Lesen durch den Kopf geht. Ihre echten Leseerfahrungen. Nicht das, was sie meinen, erleben zu sollen.

Ein Raum antiker Schriften

Ich stelle mir die Bibel heute darum lieber als eine Bibliothek vor. Nicht als ein Buch. Nicht als das „Buch der Bücher“. Sondern als einen Raum antiker Schriften. Voll Gestalten und Geschichten, aber auch voll fremder Worte, die vielleicht erst übersetzt werden müssen. Doch auch wenn man übersetzt: Manche Worte kommen in der Gegenwart an, andere nicht.

Bibellesen ist wie der Besuch in einer großen Bibliothek

Ich stelle mir vor: Leser der Bibel sind eingeladen einzutreten, umherzustreifen und Erfahrungen mit der Bibel zu machen. Wie die Nutzer einer großen Bibliothek streifen sie durch die Regale und probieren die Bücher aus, die die Bibliothek ihnen anbietet. Manches davon spricht sie sofort an. Anderes stellen sie schon nach dem ersten Satz wieder zurück ins Regal. Sie leihen sich  Worte aus. Und sie geben Worte wieder zurück. Denn die Worte der Bibel sind ja eben: geborgt. Sie waren vor mir da. Sie werden nach mir sein. Und sie sind auch da, wenn gerade niemand sie liest.

Mit der Bibel kann man auf Entdeckungsfahrt gehen

Wer die Bibel als Bibliothek sieht, der kann vielleicht leichter einstimmen in die Einsicht: dass man mit der Bibel auf Entdeckungsfahrt gehen kann wie mit anderen Büchern auch. Und dass es nicht nur eine Möglichkeit gibt, sie zu verstehen. Unser Verstehen kann sich ohnehin nur ereignen in vielen Sprachen. Wir müssen immer übersetzen. Von Buch zu Buch. Von Buch zu Erfahrung. Von Mensch zu Mensch.

"Es bedarf vieler Bücher, um frei zu sein"

Vielleicht macht uns das unsicher, vielleicht aber auch großzügiger. Neugieriger auf das, was andere zu sagen haben. Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud hat es einmal so gesagt: „Der Mann vieler Bücher ist tolerant. Der Mann eines Buches ist intolerant. Es bedarf vieler Bücher, um frei zu sein.“[10]

Es braucht viele Bücher. Und es braucht viele Leser. Leser, die sich die Freiheit nehmen, auch die Bücher der Bibel zu erkunden wie die Berichte einer unbekannten Welt. Neugierig darauf, das Leben kennenzulernen, wie es dort erzählt ist. Offen dafür, sich das Leben anders vorzustellen, als es ist. Das genügt.

Musik: Johan Wagenaar, The Taming of the Shrew, Overture, op. 25 (Nordwestdeutsche Phiharmonie unter Antony Hermus)


[1] Heyl, Christoph: Kleine Englische Literaturgeschichte, Berlin 2020, 74.

[2] Schalansky, Judith: Taschenatlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde, Frankfurt am Main 2012 (2. Auflage), 25.

[3] Schalansky 2012, 20.

[4] Schalansky 2012, 76.

[5] Wittstock, Uwe: Franz Fühmann kann prima scheitern (28.07.2009). Abzurufen unter: www.welt.de/kultur/literarischewelt/article4176641/Franz-Fuehmann-kann-prima-scheitern.html.

[6] Vgl. Wittstock 2009.

[7] Fühmann, Franz: Meine Bibel. Erfahrungen [1983], in: ders.: Die Schatten. Mit den Gedenkreden von Christa Wolf und Uwe Kolbe, Hamburg 1986, 109 ̶151.

[8] Fühmann 1986, 124.

[9] Er zitiert hier den Kirchenvater Augustin: Fühmann 1986, 151.

[10] Hirsch, Annabelle: Im Gespräch: Kamel Daoud : Keiner wird als Islamist geboren, in: FAZ (aktualisiert am 17.02.2016). Abzurufen unter: www.faz.net/aktuell/feuilleton/kamel-daoud-im-interview-ueber-is-terror-und-saudi-arabien-14068803.html.

Buchholz, Quint: Im Land der Bücher, München 2013.

Fühmann, Franz: Meine Bibel. Erfahrungen, in: ders.: Die Schatten. Mit den Gedenkreden von Christa Wolf und Uwe Kolbe, Hamburg 1986, 109 ̶151. Ursprünglich erschienen als Nachwort zu: Die Luther-Bibel, Leipzig 1983 (Reclam).

Heyl, Christoph: Kleine Englische Literaturgeschichte, Stuttgart 2020.

Schalansky, Judith: Taschenatlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde, Frankfurt am Main 2012 (2. Auflage).

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