Kirchenburgen, mehr als Mauern
Ich war gerade im rumänischen Siebenbürgen unterwegs. Und hier kommt man an Burgen einfach nicht vorbei. Genauer gesagt: an Kirchenburgen.
Kirchenburgen in Siebenbürgen: Wenn Kirche und Festung eins werden
Wer diese besonderen Gebäude zum ersten Mal sieht, wundert sich vielleicht. Weder ist es eine klassische Burg noch eine normale Kirche: Im Inneren so einer Kirchenburg steht zwar ein Kirchengebäude. Aber es ist umgeben von dicken Mauern, Türmen und Toren. Manche von ihnen wirken wie kleine Festungen. Und genau das waren sie auch.
Die Kirchenburgen entstanden, als sich deutsche Siedler vor achthundert Jahren im heutigen Siebenbürgen niederließen. Damals überfielen und plünderten feindliche Horden ihre Dörfer. Also nutzten die Bewohner das stabilste Gebäude, das sie im Dorf hatten, zur Verteidigung – und das war die Kirche. Sie bauten drum herum Wehranlagen, in denen auch Wohnräume und Vorratskammern Platz hatten.
Schutz hinter Mauern: Wie die Siebenbürger Sachsen Angriffe überstanden
Sobald Feinde in Sicht kamen, flohen die Siebenbürger Sachsen hinter diese Mauern. Sie brachten Lebensmittel, Tiere und ihren wichtigsten Besitz mit. In manchen Kirchenburgen gab es sogar für jede Familie eigene Vorratsräume. Für den Fall eines Angriffs mussten sie immer gut gefüllt sein.
Es gab in der Burg auch Brunnen mit frischem Wasser und Platz zum Schlafen. Manchmal mussten die Menschen dort wochenlang zusammenbleiben. Und so wurden die Kirchen nicht nur sonntags zum Gottesdienst genutzt, sondern immer wieder auch als Schutzraum für Leib und Leben.
Gott als Burg: Ein altes Bild voller Vertrauen
Wenn ich heute so eine Kirchenburg betrete, kann ich mir immer noch gut vorstellen, wie sich die Menschen hier gefühlt haben. Und mir fällt ein Satz aus der Bibel ein, der dieses Gefühl gut beschreibt: Er steht in einem Gebet im Alten Testament: „Gelobt sei Gott, meine Hilfe und meine Burg, mein Schutz und mein Retter“ (Psalm144,2). Der Beter dieses Psalms fühlt sich bei Gott genauso sicher und geborgen wie in einer Burg.
Die Menschen in den Kirchenburgen damals haben nicht nur ihr Glauben, sondern auch Gottes Haus als Ort erlebt, an dem sie Zuflucht fanden. Nach so einem Ort sehne auch ich mich manchmal. Nach etwas, das Halt und Orientierung gibt. Etwas, das auch in schlimmen Zeiten Schutz bietet und alles abwehrt, was mir Angst macht.
Warum uns die Krisen unserer Zeit verunsichern
Momentan gibt es mehr als genug, was mir Angst macht: Die wirtschaftlichen Probleme in unserem Land, der Krieg in der Ukraine und die Folgen des Klimawandels sind nur einige Beispiele. Am meisten bereiten mir jedoch nicht die einzelnen Herausforderungen Sorge, sondern die Art und Weise, wie wir mit ihnen umgehen.
Wenn Angst zu Spaltung und einfachen Antworten führt
Immer wieder erlebe ich Menschen, die aus Angst vor den Bedrohungen unserer Zeit mit extremen Ansichten reagieren. Ich habe den Eindruck, dass sie sich gar nicht näher mit den Problemen auseinandersetzen wollen, nicht gemeinsam über Lösungen nachdenken und schon gar nicht offen darüber diskutieren möchten. Stattdessen vertreten sie lautstark ihre eigene Meinung, präsentieren vermeintlich einfache Lösungen und beschimpfen oder beleidigen alle, die anders denken als sie.
Musik
In solchen Situationen wünsche ich mir eine feste Burg. Einen Ort, an dem wir uns gemeinsam sicher fühlen können. Wo wir zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen, um mit dem fertig zu werden, was uns bedroht. Wo wir gemeinsam nach klugen Lösungen suchen, anstatt uns gegenseitig runterzuziehen.
Die Kirchenburgen erzählen von Gemeinschaft und Zusammenhalt
Die alten Kirchenburgen in Siebenbürgen erzählen von Menschen, die gemeinsam schwere Zeiten überstanden haben. Die in großer Not gespürt haben: Ich bin nicht schutzlos und ich bin nicht allein. Aber sie erzählen noch etwas anderes. Denn was geschieht, wenn sich das Leben draußen vor der Burg grundlegend verändert? Wenn wir unsere Probleme nicht dadurch lösen können, dass wir das Burgtor zusperren?
Die Wende 1989: Die Kirchenburgen verloren ihre ursprüngliche Aufgabe
Genau das ist nämlich in Siebenbürgen passiert: Viele Jahrhunderte lang haben die Kirchenburgen den Siebenbürger Sachsen geholfen zu überleben: Mit ihrer Sprache, ihrer Kultur und ihren evangelischen Glauben. Aber dann kam 1989die Revolution in Rumänien. Sie beendet die Diktatur und den Kommunismus. Jetzt sind die Grenzen nach Westen offen und die Allermeisten der deutschsprachigen Minderheit verlassen das Land. Zurück bleiben entvölkerte Dörfer mit winzig kleinen evangelischen Gemeinden – und riesige Kirchenburgen.
Was einmal Schutz gegeben hat, wird plötzlich zur Belastung. Die Gebäude müssen ja weiterhin instandgehalten werden. Die kleinen Gemeinden können das aber nicht allein bezahlen. So fangen sie an zu überlegen: Wer könnte unsere Kirchenburg noch nutzen? Wen könnten wir hierhin einladen und hereinbitten?
Neue Ideen für alte Mauern: Die Kirchenburg als Kulturort
Carmen Schuster ist eine von denen, die eine Idee hatte, wie die Kirchenburgen noch heute genutzt werden können. Erst hat sie im Dorf Kleinschenk den alten Pfarrhof zu einem gemütlichen Gästehaus und Restaurant umgebaut. Inzwischen organisiert sie zusammen mit anderen Ausstellungen und Kreativ-Workshops in der Kirchenburg von Kleinschenk. Junge Künstlerinnen und Künstler kommen aus ganz Europa. Eins ihrer Werke lassen sie immer da. Und diese Bilder locken wiederum neue Besucher an. In einem der Wehrtürme zeigt Carmen Schuster stolz das neueste Projekt: Es entsteht ein kleines Appartement für Artists in Residence, also für Künstler, die an diesem Ort arbeiten und ihn mitgestalten werden.
Musik
Es gibt noch andere Beispiele, was heute in Kirchenburgen stattfindet: Kinder- und Jugendfreizeiten, Konzerte, Brunch und Picknick und viele Gottesdienste auf Deutsch und Rumänisch. Was einmal dazu da war, Fremde draußen zu halten, wird zu Orten der Begegnung.
Was wir heute von den Kirchenburgen lernen können
In der Geschichte der Siebenbürger Sachsen und ihrer Kirchenburgen entdecke ich etwas, das mir Hoffnung macht. Und ich wünsche mir, dass wir auch heute davon lernen. Viele Menschen dort haben schwere Zeiten erlebt. Aber sie haben nicht aufgegeben. Sie haben gemerkt: So kann es nicht weitergehen. Deshalb waren sie offen für neue Ideen. Daraus sind neue Möglichkeiten entstanden. Gemeinden sind wieder lebendig geworden. An manchen Orten sind sogar neue Projekte und Arbeitsplätze entstanden.
Sicherheit entsteht nicht immer hinter verschlossenen Türen
Sicherheit bedeutet also nicht immer, dass ich mich zurückziehe und alles beim Alten bleiben soll. Manchmal ist es genau umgekehrt: Ich muss die Türen öffnen, damit Neues entstehen kann und Zukunft möglich wird. Dabei denke ich noch einmal an die Worte des Psalms: „Gelobt sei Gott, mein Helfer und meine Burg, mein Schutz.“, Ich verstehe ihn so: Gott schützt uns nicht durch hohe Mauern. Er schenkt uns einen festen Halt. Mein Glaube ist für mich ein fester Grund, auf dem ich stehen kann, egal, was um mich herum geschieht.
Vertrauen statt Angst vor Veränderung
Das hilft mir in einer Zeit, in der vieles unsicher geworden ist. Es tröstet mich zu wissen, dass dieser Glaube und diese Hoffnung mich mit vielen anderen Menschen verbinden. Gott als Burg bedeutet für mich: Wenn wir Gott vertrauen und einander vertrauen, müssen wir keine Angst vor Veränderungen haben.
Dann können wir auch offen über unsere Sorgen und Ängste sprechen. Nicht alle werden derselben Meinung sein. Es wird weiterhin Streitfragen geben. Und es wird Menschen geben, deren Überzeugungen ich nicht teile. Aber deshalb müssen wir nicht die Türen voreinander schließen. Gerade dort, wo unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen, kann etwas Neues entstehen.
Die Burg als Symbol für ein offenes Leben mit Zukunft
Und dann geht es weiter: auf dem Dorfplatz, auf der Straße und überall dort, wo Menschen zusammenleben. Die Burg ist kein Ort, an dem wir uns verstecken. Sie gibt uns Kraft für das Leben draußen. Für ein Leben, das bunt und manchmal anstrengend ist, voller Veränderungen und Diskussionen. Aber auch voller Möglichkeiten und offen für die Zukunft.