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Der blinder Jogger
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Der blinder Jogger

Jörg Ahlbrecht
Ein Beitrag von Jörg Ahlbrecht, Evangelischer Pastor, Marburg
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Ich bin dem Mann immer wieder mal bei meinen Joggingrunden begegnet. Etwa mein Alter, aber im Gegensatz zu mir geradezu brutal fit. Glattrasierter Kopf, kein Gramm Fett. Und dann eine Art, sich zu bewegen, mit so einer fließenden Lässigkeit. Irgendwas ist an ihm anders, bloß was?

Im Vorbeilaufen habe ich ihn immer stumm gegrüßt. Aber - er hat nie zurück gegrüßt. Ich bin nicht empfindlich. Aber seine Missachtung begann doch ein wenig an mir zu nagen.

Blind sein und joggen - geht das?

Einmal trafen wir uns an einer kleinen Brücke, es war etwas eng – und der Mann blieb plötzlich stehen. Aber er guckt mich nicht an. Dreht nur den Kopf und sagt "Hallo?". Und da sehe ich den zusammengelegten Blindenstab in seiner Hand. Und ich höre mich fragen:

"Sind Sie blind?"
"Jaa!"
"Und Sie joggen???"
"Jaa – ich hab‘s an den Augen, nicht an den Beinen."

"Ich hab‘s an den Augen, nicht an den Beinen."

Ich war völlig durch.
"Sie rennen hier bei uns durchs Feld und sehen nix? Wie geht das denn??"
Zum ersten Mal lacht mein Gegenüber, ein total nettes Lachen und erklärt:
"Ich laufe jeden Tag. Ich habe den Verlauf des Weges im Kopf - ich laufe mit einem Fuß auf dem Kies und mit dem anderen auf dem Rasen. Ich weiß eigentlich immer, wo ich bin."
Hammer.

"Äh … kann ich mal mitlaufen?"
"Klar, ich habe mir immer einen Laufpartner gewünscht."

Ein blinder Lauf-Coach

Andreas wurde nicht nur mein Laufpartner – er wurde mein Lauf-Coach. Er hörte, dass ich nicht korrekt abrolle, und korrigierte mich. Er lehrt mich, richtig zu atmen und meine Kraft gut einzuteilen. Andreas hat mich unglaublich inspiriert. Vor allem diesen Satz „Ich hab‘s an den Augen – nicht an Beinen“ werde ich nie vergessen.

Gott kann viel mehr tun, als ihr euch vorstellen könnt

Wie oft schaue ich auf das, was nicht geht, anstatt auf das, was geht? Wie oft lasse ich mich von dem bestimmen, was mich eingrenzt, anstatt zu fragen, was möglich ist? Ein Autor der Bibel hat einmal geschrieben: Gott kann viel mehr tun, als ihr euch vorstellen könnt. Warum also lasse ich mich so wenig von der Hoffnung bestimmen? Warum schaue ich so wenig auf das, was geht?  Ist doch irgendwie witzig. Da treffe ich einen Blinden, und der lehrt mich sehen.

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