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Den Frieden im Herzen tragen
Bild: pixabay

Den Frieden im Herzen tragen

André Lemmer
Ein Beitrag von André Lemmer, Kaplan in der Pfarrei Sankt Raphael in Gelnhausen
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Ich wache auf, und es ist Krieg in der Ukraine. Was vor einer Woche scheinbar weit weg war, ist plötzlich erschütternde Realität. Mich persönlich treffen die Nachrichten sehr. Ich habe Freunde in der Ukraine. Freunde, mit denen mich eine Studienzeit verbindet. Männer und Frauen, die sich mit ihren jungen Familien nun den Ängsten stellen müssen, die mit dem Krieg einherkommen.

Meine Freunde sind Priester der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche. Sie tragen Verantwortung für ihre eigenen Familien, für ihre Gemeinden oder auch für Studenten an Universitäten.
Über die sozialen Medien kann ich direkt mit ihnen kommunizieren und der Krieg wird für mich in diesen Unterhaltungen sehr nah. Während ich fassungslos zwischen den Unterhaltungen mit meinen Freunden und den Nachrichten hier in Deutschland hin und her wechsle, fällt mir die Wortwahl meiner Freunde auf. Wenig Überraschung schwingt in ihren Worten mit. Präzise schildern meine Freunde die Lage in Iwano-Frankiwsk. Ich frage, wie nah die Explosionen der Raketen waren. "Von meinem Fenster aus habe ich den Rauch über dem Flughafen gesehen. Heute ist die Generalmobilmachung beschlossen worden. Also die Einberufung aller wehrfähigen Männer. Aber wir haben die Wahrheit auf unserer Seite und beten zu Gott", sagt Markian Bukachuk.

Ich sitze hier in Deutschland in meinem Büro und versuche mir die Situation vor Augen zu führen, wie die junge Familie am Fenster steht. Raketen schlagen in den Militärflughafen ein. Vater, Mutter und ein Baby beobachten den Rauch, sehen die ersten Menschen fliehen. Lange Schlangen an Geldautomaten und an Tankstellen. Für sie selbst kommt die Flucht erst mal nicht infrage. Sie haben Verantwortung. Die Männer als Priester und die Frauen als genau so wichtige Gesprächspartnerinnen, ja, Seelsorgerinnen in den Gemeinden und Kommunitäten. Sie bleiben und besinnen sich auf ihre Aufgaben. Und das ist das, was so dringend nötig ist für die Menschen dort.

Aus Lemberg schreibt Vater Nazar. Vater, so werden in der Ukraine die Priester genannt. Und dieses Vatersein, nimmt er sehr ernst. "Ich bleibe bei meinen Studenten, ich bleibe bei meiner Gemeinde. Ich bleibe wegen meiner Arbeit. Ich verlasse Lemberg nicht, ich bleibe bis zum Ende."
Er spürt die Verantwortung, die seine Berufung, sein Priester sein mit sich bringt. Viele junge Studenten der ukrainisch-katholischen Universität brauchen jetzt so jemanden. Einer, der zuhört, tröstet und beruhigt. Einer, der koordiniert.

Am Morgen der Invasion hat Vater Nazar mit den Studenten zuerst die Messe gefeiert. Auch der Beginn dieses Tages, so bedrohlich er doch war, steht im Zeichen des Glaubens. "Die Ukrainer suchen Gottes Unterstützung", sagt Nazar.

Mir fällt die Einladung zum Friedensgruß in der katholischen Messe ein. Sie stammt aus dem Johannesevangelium, einem Buch der Bibel. Jesus sagt: "Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch." (Joh 14, 27).
Der Friede, den Gott uns geben will, ist anders als der Friede, den die Staatsoberhäupter wollen. Es ist ein innerer, tiefer Friede. Es ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, es ist mehr. Und dieser Friede ist es, nach dem viele Menschen sich in der Messe mit Vater Nazar gesehnt haben.

Musik

Erst nach dem Gottesdienst beginnen die Studenten mit den Planungen. Manche werden von ihren Eltern abgeholt und evakuiert. Andere, die aus den Regionen Donezk oder Luhansk kommen, bleiben in der Universität und werden versorgt und betreut. Viele Studenten organisieren sich in der "Hundertschaft der Volontäre". Hier geht es um die Versorgung von Soldaten und Opfern mit Nahrung und Medizin. Die Kirche sucht Unterkünfte auf dem Land, um Flüchtlinge dort aufnehmen zu können. Jeder will sich nützlich machen und seinen Beitrag leisten. Es geht um das Aushalten der Situation. Es geht um ein Durchhalten in diesen ungewissen Tagen. Es geht um Hoffnung. Der Friedenswunsch der Studenten bedeutet nicht, dass sie einfach abwarten können. Frieden zu erlangen, bedeutet etwas zu tun.

Vater Nazars Kinder haben letzte Woche noch Postkarten für die Soldaten in der Ukraine gebastelt.

"Unser lieber Soldat, danke, dass du unser Vaterland verteidigst. Wir wünschen dir: Bleib lebendig und komm nach Hause."

Haben sie auf die Karten geschrieben.

Die Kinder Melania und Hordiy sind 9 und 6 Jahre alt. Sie lernen in ihren frühen Lebensjahren eine Gefahr kennen, die selbst erwachsene Menschen schwer ertragen können. Sie schreiben einen Wunsch auf die Karten, der mich sehr beeindruckt. Sie danken für Verteidigung und wünschen Leben und ein Heimkommen. Auch hier erkenne ich einen Wunsch nach Frieden.
 

Und vielleicht ist es dieser Wunsch nach Frieden und das Finden des besonderen Frieden Gottes im Gebet und im Gottesdienst, der meine Freunde stärkt. Sie können durchhalten, weil sie sich in ihrem Inneren gestärkt durch Gott fühlen.


Der Prophet Jesaja sagt in der Bibel: "Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja er bringt wirklich das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat." (Jes 42,3-4)

Und genau auf diese Zusage Gottes vertraue auch ich. Gott ruht nicht und bleibt nicht stehen, bis er seinen Frieden in den Herzen der Menschen, aller Menschen verwirklicht hat. Das ist für mich keine Vertröstung, sondern ein Auftrag.
Um Krieg zu beenden und Krieg zu verhindern, braucht es nämlich nicht nur kluge und faire Staatsmänner, sondern eine Haltung aller Menschen.

Diese Haltung beginnt im tiefen inneren Wunsch nach einem Frieden, der mehr ist als eben die Abwesenheit von Krieg. Dieser Wunsch ist in seinem Kern schon im Menschen enthalten und kann entwickelt, also vergrößert werden.

Eine große Möglichkeit, diesen Friedenswunsch wachsen zu lassen, ist das Gebet. Da, wo ich mich ganz nah mit meinen Sorgen und Ängsten an Gott wende. Ich prüfe im inneren Dialog mit Gott meine Wünsche und all das, was mich bewegt. Ich prüfe sie in diesem Dialog auch an der Wahrheit. Vor Gott kann ich nicht selbstsüchtig oder ungerecht sein.

Musik

Meine Freunde in der Ukraine bitten mich um das Gebet. Ich bete gerne um Frieden. Ich bete gerne um Leben und die Chance, dass Soldaten nicht auf dem Schlachtfeld sterben, sondern nach Hause kommen können. Ich bete für die Familien meiner Freunde und für so viele Menschen in der Ukraine, dass sie aus dem Frieden Gottes weiterhin Kraft schöpfen können.

Und mein Gebet gilt dem Wunsch nach Frieden in den Herzen aller Menschen. In vielen Kirchen bei uns wird in diesen Tagen um den Frieden gebetet und dazu möchte ich einladen. Eine Kerze zu entzünden und Gott darum bitten, bei all den verfolgten und unterdrückten Menschen zu sein, ändert auch uns. Wir alle tragen dann diesen wachsenden Wunsch in unseren Herzen in unseren Alltag. Wir tragen den wachsenden Wunsch nach Frieden zu all den Menschen, denen wir heute noch begegnen.

Gestärkt durch das Gebet ist es mir wichtig, davon zu reden, was ich durch meine Freunde erfahre. Ich erfahre vor allem eine Haltung des Friedens und nicht des Krieges. Ich lerne neu und auf bittere Weise, welche Kraft Gebete geben können. Ich erfahre von der Wichtigkeit der inneren Haltung, gerade in solch extremen Situationen. Diese Haltung wird etwas verändern, da bin ich mir sicher.

Gestärkt durch das Gebet kann ich mich auch ganz nah meinen Freunden in der Ukraine verbunden fühlen. Und ich kann die Sorge aushalten, die sich in mir ausbreitet, wenn ich an die jungen Familien denke, die so unmittelbar durch diesen Krieg betroffen sind. Gestärkt durch das Gebet verstehe ich den Apostel Paulus noch einmal neu, der im Epheserbrief schreibt: "Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn." (Eph 6,10) Der Friede im Herzen ist eben etwas, das mir keiner so leicht nehmen kann, auch wenn um mich herum ein Krieg tobt.

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