hr2 MORGENFEIER
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Holzbach, Alexander

Eine Sendung von
Alexander Holzbach,
katholischer Pallottinerpater, Limburg

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Eine weiße Friedenstaube wird von einer Hand in den blauen Himmel gehalten.

Friede sei mit euch!

Als Kardinal Robert Prevost vor gut einem Jahr auf den Balkon des Petersdoms in Rom trat, waren alle auf die ersten Worte des neuen Papstes gespannt. Und Leo XIV., wie er sich nannte, hat dann gesagt: „Der Friede sei mit euch allen!“. 

Ein bedeutungsschwerer Tag

Ich weiß noch, dass ich damals, als ich die Szene am Fernsehen verfolgt habe, beeindruckt war. Der 8. Mai, der Tag seiner Wahl, ist auch der Tag, an dem 1945 der Zweite Weltkrieg geendet hat. Als Kind der 1950er Jahre bin ich mit der Weltordnung aufgewachsen, die nach dem Krieg entstanden ist. Ich fühlte mich immer sicher in der Nato. 

Große Verunsicherung

Ich kenne keinen Krieg in Deutschland. Der Krieg im damals zerfallenden Jugoslawien war mir nah und doch fern. Dass es mal vor meiner Haustüre einen Krieg geben würde, wie den Überfall Russlands auf die Ukraine, das hätte ich mir nie denken können. 

Dieses tägliche Töten verunsichert mich. Und das Leid. Ich habe Geflüchtete aus der Ukraine kennen gelernt. Ich erlebe die wirtschaftlichen Folgen in unsrem Land. Oft frage ich mich: Wo führt das noch hin? Wird meine gewohnte Lebenswelt, wird – ich sage mal – mein Europa mit seinen Werten, seinen Lebensformen, ja seiner Demokratie zerfallen?

Papst Leo steht mutig für den Frieden ein

Da bin ich froh, dass Papst Leo das Thema Friede unerschrocken hochhält. Und ich bewundere seinen Mut, den Mächtigen der Welt gegenüber die Gründe für den Unfrieden unserer Zeit offen anzusprechen. Er trifft dabei die Gefühlslage vieler Menschen. Während seiner Reise nach Kamerun im April hat er gesagt: „Wie groß ist der Hunger und der Durst nach Gerechtigkeit! Wie groß ist der Durst nach Teilhabe, nach Visionen, nach mutigen Entscheidungen und Frieden!“. 

Mutig fand ich den Satz, den er vor den Kameruner Autoritäten aussprach: „Echter Frieden entsteht, wenn sich jeder sicher, verstanden und respektiert fühlt, wenn das Gesetz ein sicherer Schutzwall gegen die Willkür der Reichsten und Stärksten ist.“ (vgl. www.vaticannews.va/de/papst/news/2026-04/papst-leo-xiv-wortlaut-rede-autoritaeten-kamerun-yaounde-zivil.html“)

Einzelinteressen stehen oft vor dem Gemeinwohl

Mit diesen Worten hat der Papst auch etwas in mir angesprochen. Ich meine in der Weltpolitik viel Willkür zu spüren. Das Recht des Stärkeren greift wieder. Wirtschaftliche Einzelinteressen werden vor das Gemeinwohl gestellt.

Wenn man Papst Leo vorwirft, er sei zu politisch, dann kontert er, er sei kein Politiker, er verkünde nur das Evangelium. Für diese Haltung bin ich ihm dankbar. Das sage ich auch mit Hinweis auf das Evangelium, das heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen wird. 

Es ist ein Abschnitt aus dem 14. Kapitel des Johannesevangeliums. Da geht der Blick in den Abendmahlsaal in Jerusalem zu den sogenannten Abschiedsreden Jesu. Ich zitiere nur einen Satz, ein wichtiges Versprechen: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch!“ (Joh 14, 27).    

Musik 1: Knut Nystedt, Peace I Leave With You (CD: Querschnitt, Frankfurt a cappella, Track 2, 2.06 min).

Das Wort “Friede” vermittelt Sicherheit

Papst Leo hat als erstes Wort in seinem neuen Amt den Gruß aufgenommen, den Jesus nach seiner Auferstehung immer wieder an die Seinen richtet: „Der Friede sei mit euch!“ (Johannes-Evangelium 20,19). Ich denke: Schon damals bei Jesus hat dieser Gruß die Menschen berührt und beruhigt. 

Denn nach dem Desaster des Karfreitags herrschte bei den Jüngerinnen und Jüngern zunächst einmal Verunsicherung und Angst. Auch als die ersten sagten: Jesus ist nicht tot, er lebt. Und dann kommt er in ihre Runde und sagt „Friede sei mit euch!“. Dieses Wort nimmt die Angst; es schenkt Ruhe, Sicherheit, Freude, Lebensqualität. Das hebräische Wort für Frieden, „Schalom“, meint nicht allein, dass kein Krieg ist, dass es Waffenstillstand gibt. Friede ist mehr. 

Im Deutschen fallen mir noch Wörter ein wie Heil, Ganzheit, gerechter Friede. Ich denke, der Gruß „Friede sei mit euch“ will auch Sicherheit vermitteln, zunächst wohl innere Sicherheit. Denn die äußere Sicherheit hängt von vielen Komponenten ab. Mir kommt in diesem Zusammenhang immer die Frage: Warum gibt es unter Menschen nie Frieden? Ist Gott da in der Schöpfung ein Fehler unterlaufen? 

Ich muss an das Wort aus „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller denken: „Es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Eigeninteressen, Sünde wie Profitgier und Raub und Verleumdung sind Gegner des Friedens. 

Die Mühen um den Frieden

Jesus kennt den Menschen. Es war sein großes Anliegen, das Miteinander von Gott und Mensch wieder in eine neue Balance zu bringen, besonders durch ein tiefes Vertrauen zu seinem Vater.

 Deshalb zieht sich wie ein roter Faden das Mühen um Frieden durch sein Leben und seine Botschaft. Klar, dass eine seiner berühmten Seligpreisungen diesem Thema gilt: „Selig, die Frieden stiften,“ sagt Jesus, „denn sie werden Töchter und Söhne Gottes genannt werden.“ (Matthäus-Evangelium 5,9)

Gottlob gibt es immer wieder Menschen, die sich mit ganzer Kraft für den Frieden einsetzen, ob nun in ihrer Familie oder Nachbarschaft, im Betrieb oder Verein, oder in größeren politischen Zusammenhängen wie gesellschaftlichen Gruppen, Parteien, Gewerkschaften, oder Völker, Nationen, Staaten. Und immer mal wieder gelingt das auch. Gottseidank! Menschen versöhnen sich. Völker schließen Frieden.

Friede ist ein Anlieger aller Religionen

Einfach ist das nicht. Und oft brüchig. Darum wundert es nicht, dass der Friede eines der wichtigsten Anliegen in den Gebeten wohl aller Religionen ist. Dahinter steckt die Einsicht: Wir Menschen schaffen alleine den Frieden nicht. Wir brauchen die Hilfe Gottes. 

Die Bibel und die Tradition der Kirche ist voll von diesen Gebeten. In Psalm 34 zum Beispiel heißt es: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15). Das ist für mich ein Ausweis, dass der Beter die Sache nicht allein Gott überlässt, der Mensch muss auch selbst handeln, verhandeln, wirken. Durch andere Psalmen schimmert Resignation: Warum erhört Gott denn die Bitte um Frieden nicht? (vgl. Psalm 44)

Frieden im Gottesdienst

Ich denke, diese Frage ist eine offene Wunde für gläubige Menschen, die allein durch Gebet und Vertrauen ausgehalten werden kann. Es gibt deshalb in der Eucharistiefeier, in der Heiligen Messe zwei Momente, in denen es besonders um den Frieden geht. 

Zum einen beim Friedensgruß vor der Kommunion. Da bittet der Priester um den Frieden, den Jesus versprochen hat. Er zitiert jenen Satz aus dem Johannesevangelium, der heute in den Gottesdiensten gelesen wird: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (Johannes-Evangelium 14,27). 

Er erinnert Jesus sozusagen an dieses Versprechen und wünscht diesen Frieden dann der Gemeinde, ehe sie die Heilige Kommunion empfängt. Denn ohne Frieden ist Gemeinschaft mit Jesus Christus in der Heiligen Kommunion eigentlich nicht möglich.

Und dann gibt es noch ein anderes starkes Gebet der gesamten Gemeinde vor der Kommunion, das „Agnus Dei“. Drei Mal wird Jesus angesprochen unter dem Titel „Lamm Gottes“. Und beim dritten Mal heißt es: Gib uns deinen Frieden! Dona nobis pacem! 

Dieses „Gib uns Frieden“ berührt mich gesungen mehr als gesprochen. Ob nun als schlichter gregorianischer Choral oder vierstimmig vom Chor gesungen wie in dieser Fassung von Claudio Monteverdi.

Musik 2: aus Claudio Monteverdi, Agnus Dei aus der Missa a 4 voci (CD: Claudia Monteverdi, Selva Morale e Spirituale, Missae et Psalmi, Kammerchor Stuttgart, Barockensemble Stuttgart, Frieder Bernius, CD 3, Track 11, ca. 2.30 min (von 2.24 min bis Schluss/4.53 min).

Menschen, die sich für den Frieden einsetzen: Franziskus

Was wären wir ohne Menschen, die sich für den Frieden einsetzen. Von Papst Leo habe ich schon gesprochen. Seinem Vorgänger, Papst Franziskus, war der Friede auch ein wichtiges Thema. Nicht ohne Hintergrund hat er sich nach einem großen Menschen des Friedens benannt, nach Franz von Assisi.

Im April war ich mit einer Pilgergruppe in Assisi. In diesem Jahr kommen viele Menschen in dieses Städtchen in Umbrien, weil Franz dort vor 800 Jahren gestorben ist. Der berühmte Heilige war ein Mann des Friedens. Darauf ist seine Heimatstadt stolz. 

Schon die Ortsschilder künden: Assisi, Cittá della Pace. Assisi, Stadt des Friedens. Und überall liest man auf Täfelchen und Postkarten den Gruß des Franz und der Franziskaner heute: pace e bene. Frieden und Heil. Da sind wir wieder nahe dem hebräischen Begriff von Frieden, Schalom, der eben mehr meint als: Es ist gerade kein Krieg. 

Franziskus lebte in der Zeit der Kreuzzüge. Als Jugendlicher hatte er noch von Soldat- und Ritter-sein geträumt. Dann aber hat er Gefangenschaft, Krankheit, seelische Erschütterungen erlebt und war dadurch ein anderer geworden. 

Zum Erstaunen oder Erschrecken seiner Familie und Freunde wurde er ein Aussteiger und lebte als armer Prediger des Evangeliums. Dabei war ihm der Friede ein wichtiges Thema.

Verständigung und Frieden zwischen zwei Religionen durch Franziskus

Eine Episode aus seinem Leben ist besonders berührend, zugleich lässt sie auch – sagen wir – eine gewisse Unbekümmertheit und Naivität vermuten. Franzskus begleitete 1219 ein Kreuzfahrerheer per Schiff von Ancona aus und geriet in das ägyptische Damiette. 

Er will Frieden stiften zwischen den Muslimen und den Rittern aus Europa, die von Ägypten aus Jerusalem erobern wollen. Natürlich will er auch Muslime zu Jesus Christus bekehren, dem er ja mit ganzer Lebenshingabe folgt. Wie auch immer, er muss so beeindruckend aufgetreten sein, dass er zu Sultan Meleck el Kamel vorgelassen wird. 

Natürlich bekehrt keiner den anderen. Aber es heißt, der Sultan sei von dem kleinen Mönch aus Italien sehr angetan gewesen. Das Ganze hat Spuren hinterlassen. Die Franziskaner dürfen bis heute die Orte im Heiligen Land betreuen, die Christen besonders wertvoll sind. 

Man hat die Begegnung von Franz und dem Sultan verschieden gedeutet und als Missionsversuch abgelehnt. Für mich steht dahinter mehr der Versuch der vertrauensbildenden Maßnahme, ohne die Frieden nicht funktioniert. 

Ohne ein Sich-Kennen, ohne Wissen umeinander, was Kultur und Religion und Tradition angeht, ohne Reden miteinander statt übereinander, geht Frieden nicht. Deshalb ist auch jede Begegnung, jedes Gespräch, jeder Austausch so wichtig!

Versöhnung ist auch eine Form von Frieden

Noch eine Episode will ich erzählen. Im Jahr 1226 liegen der Bürgermeister und der Bischof von Assisi in heftigem Streit. Franziskus bringt es fertig, dass die beiden zu ihm kommen. Er liegt krank im kleinen Kloster San Damiano. Dort hat er den berühmten Sonnengesang gedichtet, das Loblied auf die Schöpfung und den Schöpfer, auf Schwester Sonne, Bruder Mond, Schwester Wasser, Bruder Feuer und so weiter. 

Dieses Lied lässt er Bürgermeister und Bischof gemeinsam singen. Irgendwie hat er das hingekriegt. Und das hat die beiden verändert. Das hat Versöhnung bewirkt. Franziskus fügt in dieser Situation seinem Gesang eine neue Strophe an: „Gelobt seist du, mein Herr, für jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Not. Selig, die ausharren in Frieden, denn du, Höchster, wirst sie einst krönen.“ (Gotteslob 19,2)

Frieden braucht Demut und Gottvertrauen

Ich denke, bei Franziskus steht hinter der Suche nach Frieden und dem Einfädeln von Versöhnung eine große Erfahrung mit sich selbst und mit anderen Menschen. Denn Frieden zu stiften und Frieden zu leben braucht bestimmte Tugenden, vor allem Demut, ehrliche Selbsteinschätzung, Gottvertrauen.

Davon spricht ein Gebet, das man lange dem Heiligen aus Assisi zugesprochen hat. Ob es nun von ihm stammt oder nicht, es gibt ganz seine Haltung wieder. Es lautet: 

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. Amen.

(laut Gotteslob 19,4 aus Frankreich 1913)

Musik 3: aus Felix Mendelssohn Bartholdy, Verleih uns Frieden gnädiglich (CD: Luthers Lieder, Kammerchor Stuttgart, Stuttgarter Kammerorchester, Frieder Bernius, CD 2, Track 13, bis ca. 2.40 min).

Mütter leisten viel für den Familienfrieden

Seit 1984 gibt es in Assisi ein Denkmal für die Eltern des Heiligen Franz. Gut so. Denn was haben die beiden nicht alles mitgemacht! Es ist gerade für einen Vater nicht einfach, zu akzeptieren, dass der Sohn aussteigt und das florierende Geschäft nicht übernehmen will. 

Es heißt, Pietro Bernadone habe seinen Sohn in einer Kammer des Hauses angekettet, um ihn zur Räson zu bringen. Als er mal wieder auf Geschäftsreise war, löst Mutter Pica die Ketten und lässt den Sohn seine Wege gehen. 

Wie die Eheleute die Situation dann gemeistert haben, weiß ich nicht, aber – und das möchte ich heute, am Muttertag, sagen – so sind eben Mütter: Sie wollen, dass es ihren Kindern gut geht, auch wenn sie deren Weg nicht immer verstehen. Mütter haben ein starkes Herz und leisten viel für den Familienfrieden.

Standhaftigkeit und Geduld sind Tugenden des Friedens

Mir sind an dem Elterndenkmal in Assisi, wo Mutter Pica die Kette in der Hand hält, auch wieder die Mütter von der Plaza del Mayo in Buenos Aires eingefallen. Diese Frauen mit ihren weißen Kopftüchern, die seit 1977 auf die Straße gehen und nach dem Schicksal ihrer Kinder fragen, die in der Zeit der argentinischen Diktatur spurlos verschwunden sind. 

Das war zunächst sehr mutig und brauchte Zivilcourage. Und es braucht heute Standhaftigkeit und Geduld. Tugenden, die für den Frieden unerlässlich sind.

Ich will heute Morgen an diese Mütter in Argentinien denken. Und an die Mütter in der Ukraine, in Russland, im Libanon, in Israel, im Gazastreifen, im Iran und in vielen Ländern Afrikas, die ihre Kinder im Krieg verloren haben und verlieren. 

Ich will an die vielen auch hierzulande denken, die nicht im Frieden leben, wenn ich in der Heiligen Messe das Verspechen Jesu höre: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Und wenn ich beim Agnus Dei singe: „Dona nobis pacem!“  

Musik 4: Johann Sebastian Bach, Dona nobis pacem aus der h-Moll-Messe (CD: J.S. Bach, Messe in h-Moll, Gächinger Kantorei Stuttgart, Freiburger Barockorchester, Hans-Christoph Rademann, CD 2, Track 16, 3.08 min).