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Besser nicht auf Wunder warten, sondern ihnen Platz machen

Besser nicht auf Wunder warten, sondern ihnen Platz machen

Ein Beitrag von

Helwig Wegner-Nord,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt

Es gibt Situationen, in denen scheint einem nur noch ein Wunder helfen zu können. Es fällt mir einfach nichts anderes mehr ein, alles habe ich probiert und durchgespielt. Ich bin mit meiner Kunst am Ende, alle strategischen Finessen sind ausgereizt. Nur durch ein Wunder könnte sich die Lage noch ändern. Es muss was ganz Unwahrscheinliches, etwas Unglaubliches passieren!

Es gibt im Jiddischen einen Satz, der warnt davor, auf ein Wunder zu warten: „Wart nisht oyf a nes – sog t’hillim!“ Warte nicht auf ein Wunder, sprich Psalmen! Das klingt fast ein wenig so, als gäbe es keine Wunder, zumindest: rechne nicht mit ihnen. Aber natürlich gibt es Wunder. Das weiß auch und gerade die jüdische Tradition, in der dieser Satz zu Hause ist. Aber was bedeutet das dann, dieses „Wart nisht oyf a nes – sog t’hillim!“

Ich glaube, dieser Satz richtet sich gegen das tatenlose Warten, ein Warten, das einen geradezu hindert, irgendetwas anderes zu tun. Wer allein darauf setzt, dass sich irgendwann einmal ein Wunder ereignet und sich bis dahin wie gelähmt fühlt, der hat dem Wunder sozusagen keinen Platz offen gehalten, keinen Raum gelassen.

Die Psalmen, diese 150 poetischen Texte der Bibel, stimmen sehr unterschiedliche Töne an. Sie klagen oder sie drohen, fluchen und schreien, sie erinnern und loben dankbar alles, was Gott in der Vergangenheit getan hat. Sie stellen das Leben dessen, der sie liest und spricht, in den großen Zusammenhang von Werden und Vergehen, von Verheißen und Erfüllen. Und dadurch sehe ich eine ganze Menge der eigenen Probleme in einem neuen Licht: Ich erfahre, dass schon andere vor mir gedacht haben, es gäbe keine Lösung für ihre Probleme. Wer Psalmen spricht, dem rücken sich die Maßstäbe wieder ein bisschen zurecht. Ich glaube, dass Psalmen damit vor allem eins können:

Die Psalmen, die ich spreche oder singe und bete, sollen und können Wundern den Raum öffnen. Den brauchen sie, um zu geschehen. „Sog t’hillim!“ – „Sprich Psalmen!“ damit Du hineingenommen wirst in die lange Geschichte der Möglichkeiten Gottes. „Sog t’hillim!“ – damit sich deine Sehnsucht nach einem Wunder verwandelt in ein aktives Warten voller Gottvertrauen.

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