Für wen halten die Leute den Menschensohn?
Die Abtei Münsterschwarzach in Unterfranken ist für mich zu einem wichtigen Ort geworden. Ich habe die Abtei in den letzten Jahren über ein Dutzend Mal besucht, für einen Tag oder auch für längere Zeit - entweder als Einzelgast oder als Teilnehmer an Exerzitien oder eines Kurses.
Foto-Exerzitien: Sehen und lernen mit anderen Augen
Vor einigen Wochen habe ich dort an „Foto-Exerzitien“ teilgenommen. Diese „Foto-Exerzitien“ waren eine Kombination von spirituellen Elementen und Fotografie. Mit unseren Kameras oder Smartphones waren wir mehrere Stunden am Tag unterwegs. Wir nahmen die Abtei und das Gelände in den Blick, dann die Städte Iphofen und Kitzingen. Alle 13 Teilnehmenden stellten dann am Nachmittag ein Foto vor, das sie besonders bewegte. In der anschließenden Runde gab es dann Rückmeldungen dazu, was das Bild in uns auslöste und was es über die Person aussagt, die das Foto aufgenommen hatte.
Ein und derselbe Ort und doch so große Unterschiede
Es gab zu unseren Fotos sehr interessante und ganz unterschiedliche Rückmeldungen. Es war sehr spannend und aufschlussreich, wie unterschiedlich wir 13 Teilnehmenden die Abtei Münsterschwarzach und die beiden Städte gesehen, wahrgenommen und fotografiert haben.
Ich finde es immer wieder spannend, was, wie und wen Menschen fotografieren und was nicht. Es ist interessant, wer auf Fotos abgebildet wird und wer nicht. Die „Foto-Exerzitien“ haben mir den Blick dafür geöffnet, was und wen wir bzw. ich in den Fokus nehmen und was oder wen nicht.
Das Gleiche sehen und es doch mit unterschiedlichen Augen wahrnehmen – einen Menschen erleben und ihn doch verschieden, ja gegensätzlich einschätzen – das passiert im alltäglichen Leben ganz oft. Manchmal entscheidet der erste Blick, und manchmal braucht es Zeit, um eine andere Person wahrzunehmen. Wir deuten sehr schnell, wie ein anderer ist, aufgrund seines Aussehens, seines Auftretens und seines Handelns.
Jesus fragt: „Für wen halten die Leute den Menschensohn“?
Auch Jesus wird von den Menschen seiner Zeit unterschiedlich wahrgenommen. Er möchte von seinen Jüngern wissen, wie „die Menschen“ ihn sehen, was sie von ihm halten, wer er für sie ist. Deshalb fragt er seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Die Antworten auf diese Frage sind breit gefächert.
Musik: Johann Sebastian Bach/ Oboe Concertos – Oboe Concerta in G minor BWV1056 – I. Allegro – Andrius Puskunigis, Simona Venslovaité, St. Christopher Chamber Orchestra / Donatas Katkus
„Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Die Frage Jesu an seine Jünger ist in den folgenden Kontext eingebettet:
„In jener Zeit,
als Jesus in das Gebiet von Cäsaréa Philíppi kam,
fragte er seine Jünger und sprach:
Für wen halten die Menschen den Menschensohn?
Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer,
andere für Elíja,
wieder andere für Jeremía oder sonst einen Propheten.
Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?
Simon Petrus antwortete und sprach:
Du bist der Christus,
der Sohn des lebendigen Gottes!
Jesus antwortete und sagte zu ihm:
Selig bist du, Simon Barjóna;
denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart,
sondern mein Vater im Himmel.
Ich aber sage dir:
Du bist Petrus – der Fels –
und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen
und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben;
was du auf Erden binden wirst,
das wird im Himmel gebunden sein,
und was du auf Erden lösen wirst,
das wird im Himmel gelöst sein.
Dann befahl er den Jüngern,
niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.“
Von der allgemeinen Meinung zur persönlichen Antwort
Jesus begibt sich nach Cäsarea Philippi. Es ist ein beeindruckender Ort. Eine hohe Felsformation prägt die Landschaft und brennt sich ins Gedächtnis derer ein, die diesen Ort besuchen. Die Jünger antworten ihm, dass die Menschen ihn für Johannes den Täufer oder für die Propheten Jeremia oder Elia halten. Da wird Jesus persönlich und direkt: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Aus der allgemeinen Rückmeldung wird nun die konkrete Nachfrage nach einer persönlichen Antwort. Petrus ergreift das Wort und sagt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“
Petrus bekennt: „Du bist der Christus“
Nun wird es persönlich, sehr persönlich. Petrus versteckt sich nicht hinter den Aussagen und Meinungen der anderen, „der Leute“, sondern er gibt seine Antwort. Es ist ein Bekenntnis zu Christus, es ist eine Aussage, die ihn vermutlich schon länger beschäftigt und die er reflektiert hat.
Mich beeindruckt die persönliche Reflexion des Petrus und diese Aussage immer wieder und sie löst in mir Nachdenken aus. Wenn Jesus mich fragen würde: „Für wen hältst Du mich?“ Welche Antwort würde ich geben können? Wer ist Jesus für mich? Welchen Namen, welche Bezeichnung gebe ich Jesus? Und auch umgekehrt wird die Frage spannend: Wer ist Jesus nicht für mich? Welche Bezeichnung gebe ich ihm nicht?
Musik: Arvo Pärt / Summa – Collage sur Bach: Sarabande - Tapiola Sinfonietta + Jean-Jacques Kantorow
Wer ist Jesus für mich?
„Für wen hältst du mich?“ Die direkte Frage von Jesus ist an jede und jeden von uns direkt gerichtet. Im Sonntagsgottesdienst kann ich mich gut in der Gemeinschaft der Mitfeiernden verstecken und tragen lassen, wenn wir das Glaubensbekenntnis gemeinsam beten oder singen. Da ist es einfach, mitzusprechen, mal lauter, mal leiser. Wenn ich aber für mich persönlich antworten sollte, dann wird es schwieriger. Wer ist Jesus für mich?
An meiner Seite ist Nicolas Williams, 17 Jahre jung und Messdiener in Homberg.
Pfarrer Göb: „Nicolas, du hast eben das Evangelium vorgelesen. Nun, könntest Du auf diese Frage: Wer ist Jesus für dich? eine Antwort geben?“
Nicolas: „Das ist keine leichte Frage. Für mich ist Jesus in erster Linie der Sohn Gottes, der lebendige Gott, der aus Liebe zu uns Menschen auf die Welt gekommen ist. Jesus ist für mich Vorbild für die Nächstenliebe und für Vergebung. Er ist immer für mich da.“
Pfarrer Göb: „Vielen Dank, Nicolas.“
Nicolas: „Und, wie ist es bei dir Peter? Wer ist Jesus für dich, für Dich als Priester, für dich als Mensch?“
Pfarrer Göb: „Nicolas, du stellst mir die Gegenfrage. Das kann ich gut verstehen.“
Die Antwort auf diese Frage, wer Jesus für mich ist, das änderte sich im Laufe meiner beruflichen Stationen und Aufgaben. Ich glaube, er war für mich zunächst jemand, dessen Leben und Wirken mich als junger Mensch fasziniert hat. Ähnlich, wie du es eben beschrieben hast. Wie er mit den Menschen umgegangen ist, wie er Menschen aufgerichtet und geheilt hat. Später war er Gegenstand des Studiums und der Ausbildung im Priesterseminar. Im Laufe meines Wirkens als Priester traten die theologischen Fragen etwas in den Hintergrund.
Jesus, mein Begleiter
Ich spüre, dass Jesus für mich immer mehr zum Begleiter an meiner Seite geworden ist. Ich erlebe ihn als „Gesprächspartner“ - mal mehr, mal weniger. Ich kann ihm danken für das, was und wer mir geschenkt wird. Ich kann ihn für Menschen und für Anliegen bitten, die mir auf dem Herzen liegen. Ich kann bei ihm Vergebung und Versöhnung erfahren und als Priester diese Vergebung anderen konkret zusprechen. Ich kann ihm auch Fragen stellen, mein Unverständnis über die Schicksale aussprechen, die ich bei Menschen erlebe und ich kann ihm auch hin und wieder klagen, dass ich seine Wege und Gottes Weg mit uns Menschen nicht verstehe und nicht nachvollziehen kann.
In wenigen Worten zusammengefasst: Jesus ist für mich Freund, Weggefährte, Dank- und Klagepartner. Also umfasst mein Gebet alle Bereiche des Lebens.
Musik: Johann Sebastian Bach/ Oboe Concertos – Oboe Concerta in G minor BWV1056 – II. Largo – Andrius Puskunigis, Simona Venslovaité, St. Christopher Chamber Orchestra / Donatas Katkus
Für wen halten die Leute den Menschensohn?
Und ihr, für wen haltet ihr mich?
Und du, für wen hältst Du mich?
Diese Frage Jesu wird immer persönlicher, immer direkter, immer mehr auf mich konzentriert. Es geht dabei immer um Beziehung. Welche Beziehung habe ich zu Christus, wie sehe ich ihn und gibt es Erfahrungen, wo und wie ich ihn gespürt habe.
Petrus der Fels in stürmischen Zeiten
Im Evangelium heute fragt Jesus nicht nur, sondern er preist Petrus selig: Selig bist Du, Simon Barjona. Und Jesus spricht Petrus eine Rolle zu: „Du bist Petrus, der Fels, auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“
Jesus teilt Petrus eine wichtige Rolle zu und er überträgt ihm die Vollmacht, zu binden und zu lösen, also zusammenzuführen und Menschen Freiheit zu schenken.
Die Kirche auf dem Felsen – seit zwei Jahrtausenden
Dank Petrus und seiner Nachfolger hat die Kirche es durch zwei Jahrtausende geschafft. Dabei hat sie Höhen und Tiefen, helle und dunkle Seiten erlebt und durchlebt. Es gab Zeiten von Macht und Einfluss und Zeiten von Ohnmacht und Schwäche.
Petrus, der Fels und alle seine Nachfolger, zeigen mir, dass wir als das wandernde Volk Gottes durch die Zeit gehen. Er ist die strukturelle Verankerung, die mir dennoch die Freiheit zu meinem persönlicher Bekenntnis und Beziehung zu Christus schenkt.
Diese persönliche Beziehung trägt auch dann, wenn es in und mit der Kirche und der Gesellschaft schwierig ist. Die persönliche Beziehung zu Christus ist das Fundament, auf dem mein Leben als Christ aufbaut. Diese Beziehung kann sich im Laufe des Lebens ändern, aber sie kann immer durch krisenhafte Zeiten und Wege durchtragen.
Deine Antwort zählt: Wer ist Jesus für Dich?
Wer ist Jesus für mich? Keine leichte Frage, die ganz unterschiedliche Antworten hervorrufen kann. Wer ist Jesus für Sie?
Wir, Nicolas Williams und ich, Pfarrer Peter Göb, wünschen Ihnen, dass Sie Zeit finden, immer wieder über ihre persönliche Antwort nachzudenken. Wir wünschen Ihnen, dass Sie in einer guten Beziehung zu und mit Jesus Christus leben können.
Wir wünschen Ihnen, dass wir auskunftsfähig werden, dass wir Rede und Antwort stehen können, wenn Menschen uns fragen: Und du, für wen hältst Du Jesus?
Musik: Johann Sebastian Bach / Suites, Vol. 1 – Prelude in B Minor – Capella Istropolitana, Jaroslov Dvorák
Musikauswahl: Regionalkantor Thomas Pieper, Kassel