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Kraft von oben
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Kraft von oben

Till Martin Wisseler
Ein Beitrag von

Till Martin Wisseler,

Evangelischer Pfarrer, Langenselbold

Da hilft nur noch beten, diesen Satz hört Sophia immer dann, wenn es in schweren Lebenslagen scheinbar keinen Ausweg mehr gibt. Da hilft nur noch beten; in ihren Ohren klingt das sehr resignierend, so, als würde man dem Gebet letztlich auch nichts mehr zutrauen. Dass die Sache mit dem Beten nicht einfach ist, dass weiß sie auch. Wie soll man beten und mit welchem Ziel?
Sophia hatte das Beten in ihrer Kindheit kennengelernt: abends, zusammen mit der Mutter, immer die gleichen Worte. Daran hatte sie sich gewöhnt, die Worte kann sie heute noch. Aber warum und wozu? Darüber wurde zu Hause nie gesprochen, man betete eben. Hat Beten denn ein Ziel? Etwa so: Sie haben ihr Ziel erreicht - Gott kommt von oben her ins Leben und greift ein. Nein, das kann sich Sophia nicht vorstellen. Gott erscheint doch nicht plötzlich auf der Bühne des Lebens und verändert das Schauspiel. Das ist Sophia zu einfach gedacht, zu menschlich.
Die Sache mit dem Beten ist wirklich nicht einfach und sie kennt kaum jemanden, der darüber wirklich offen spricht.
Für Sophia ist das Beten inzwischen nichts mehr, was man einfach tut, nur weil es die Eltern auch getan haben. Natürlich, weil die Eltern es getan haben, kennt auch sie die Möglichkeit. Aber sie stellt sich nicht mehr die Frage nach dem Ziel, jedenfalls nicht zuerst. Sie hat entdeckt, dass das Ritual des Betens ihr wichtig geworden ist, das Tun. Abends zum Beispiel, da nimmt sie sich Zeit, wird still und sammelt ihre Gedanken. In dieser Stille hat sie manchmal das Gefühl: Es gibt eine Kraft, die nicht die eigene ist. Ja, sagt sie, wenn ich mich auf diese Kraft einlasse, spüre ich: Hier gehörst du hin, in diese Welt, hier darfst du sein. So zu beten ist für mich ein Versuch, dem Göttlichen zu begegnen, sagt Sophia. Und manchmal, nicht immer, aber manchmal sehe ich dann mein Leben aus einem anderen Blickwinkel. Ich kann dann Dinge hinnehmen, die ich nicht ändern kann oder habe plötzliche eine Idee, wie ich ein Problem lösen könnte.
Vielleicht sehe ich das mit dem Beten in ein paar Jahren anders, meint Sophia, man entwickelt sich ja schließlich weiter. Was das Leben angeht, da hilft beten, sagt Sophia; das "nur" lässt sie weg.

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