hr4 ÜBRIGENS
hr4
Brüning, Dr. Barbara

Eine Sendung von

Katholische Journalistin, Autorin und Systemische Familienberaterin, Frankfurt

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Eine belebte Straße in einer Stadt bei Nacht. Menschen gehen umher, einige unterhalten sich. Verkaufsstände sind im Hintergrund sichtbar. Eine Person trägt einen orangenen Overall. Ein Handwagen steht auf dem Bürgersteig. Die Szene vermittelt eine lebendige, geschäftige Atmosphäre.

Das Vertraute im Fremden

Manchmal bildet sich morgens vor unserem Haus so eine Menschentraube. Meistens sind es Mütter, die ihre Kinder zur Kita ein paar Häuser weiter gebracht haben. Sie bleiben stehen und reden. Sie sprechen laut. Und ich verstehe nicht, was sie sagen. Mir ist das fremd. Ich würde nicht so laut sprechen auf der Straße. Der Gedanke: Die ganze Nachbarschaft hört uns zu, ist mir unangenehm. Die Menschen, die hier lautstark diskutieren, denken da offenbar anders. 

Ich neige dazu, Menschen in Schubladen zu stecken

Ich merke bei mir selbst: Ich neige dazu Menschen in Schubladen zu stecken: Das ist die Ruhige, der ist der Kreative. Die Italiener sind die Temperamentvollen. Die Ausländer sind laut.

Unbewusst suche ich das Vertraute, Vorhersagbare 

Und es gibt ja auch gute Gründe für diese Schubladen. Sie stammen allerdings aus Zeiten, als Menschen, die man nicht kannte oder einordnen konnte, potentielle Feinde waren. Eine Fehleinschätzung hätte den Tod bedeuten können. Darum suche wohl auch ich unbewusst immer wieder das Vertraute und das Vorhersagbare. 

Reisen in fremde Länder bereichern mich

Allerdings gibt es auch einen Anteil in mir, der die Überraschung liebt. Denn Überraschung fordert heraus. Ich – wie viele andere auch - reise deshalb gerne in fremde Länder. Da bestaune ich das Andere, das Fremde und Bunte und Laute. Aber auch das Lebensfrohe und Leichte anderer Kulturen. Weit weg von den altbekannten Straßen und weg von vertrauten Menschen, tauchen auch in mir neue Eigenschaften, Fähigkeiten und Vorlieben auf. 

Nach jeder Reise muss ich Schubladen neu sortieren

Und ich finde es schön, mich bei der Begegnung mit Fremden egal ob hier zu Hause vor unserer Haustür oder in der Fremde, vor der Haustür der Fremden, zu erinnern: Im Grunde sind wir Menschen doch alle sehr ähnlich. Und nach jeder Reise muss ich ein paar meiner Schubladen neu sortieren. 

Und so denke ich: Vielleicht gehe ich einfach mal an einem Morgen vor die Tür und lerne auch diese Fremden ein bisschen besser kennen.