Wie der Himmel die Erde umarmt
Manchmal kommt der Himmel zur Erde – und umarmt sie. Tatsächlich. Sogar im Fußballstadion vergangene Woche. Da ist oft laut bis schrill.
Dafür und dagegen. Hämisch oder verzweifelt. So auch in Dortmund.
Zuerst großer Jubel mit Fahnen und Gesängen. Dann ist Halbzeit.
Und eine Nachricht macht die Runde. Zwei Menschen, heißt es, sind zusammengebrochen. Ihr Herz ist in Gefahr. Ganz schnell spricht sich das herum, von Handy zu Handy zu Handy. Und was machen die Zuschauer?
Sie bleiben still, als die Spieler kommen. Kein Jubel mehr, keine Fahnen, keine Gesänge. Weder bei Einheimischen noch beim Gegner. Die Spieler spielen, die Zuschauer schweigen. Aus Respekt vor den Kranken; aus Mitgefühl mit denen, die mit dem Tod ringen. Und weil sonst nichts mehr hilft, stimmt einer noch ein Lied an: Du bist nicht allein; You’ll never walk alone. Achtzigtausend singen wie in einer Kirche: wir sind bei Dir. Man fühlt förmlich, wie der Himmel zur Erde kommt, sie umarmt. Der Himmel kann auch Gänsehaut sein. Im Stadion und beim Fernsehen. Die Kehle wird trocken, man kriegt Tränen in die Augen. Sogar Zuhause.
Weil Menschen fühlen; und genau das Richtige tun. Sich vom Himmel umarmen lassen. Nichts wegreden, nichts überspielen. Dafür den Schmerz tragen, mittragen. Das Leid anderer erfühlen. Und standhalten. Mit Schweigen. Oder Gesang, der den Himmel zur Erde holt. Die Fahnen sind längst eingepackt. Der Jubel ist verstummt. Man kann nichts mehr tun. Außer: Sich dem Himmel überlassen. Der kommt, wenn ich nicht weiter weiß. Meine Ohnmacht zugebe. Wie damals in der Karwoche, der Schmerzenswoche. Da kommt der Himmel und hilft auf die Beine. Gott selbst ist es, der da kommt. Ob ich das glaube oder nicht. Er umarmt die Ohnmächtigen. Und sagt ihnen: Singt ruhig. Ihr seid nie allein.