hr4 ÜBRIGENS
hr4
Becker, Michael

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Kassel

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Das Loch in der Seele

Er hat alles. Und nie genug. Haus und Garten. Ein Geschäft, das gut geht. Autos für Ehefrau und Kinder. Häuser und Wohnungen zum Vermieten. Kleidung für ein paar Schränke - und Urlaube, meist kurz, aber üppig. Mehr geht nicht. Aber es ist doch nie genug. Weil viel Geld da ist und immer Neues hinzukommt. Dann gibt’s noch ein Auto, ein Schwimmbad im Garten. Das hört nie auf. Weil da nämlich ein Mangel ist in der Seele, der nicht gestillt werden kann mit Geld und Sachen. Weil Besitz nie aufwiegt, was an Liebe fehlt.

Da ist etwas, eine Art Loch, das füllt man nicht mit Autos oder Urlaub. Nie war er den Eltern Recht. Immer hatten sie etwas auszusetzen. Mach dies, haben sie gesagt, mach das. Dann hat er es gemacht, sofort. Hat es gut gemacht, gewissenhaft. Und was sagen die Eltern? Sieh‘ mal, sagen sie, was dein Bruder macht hat. Wie gut das aussieht. Und erst die Schwester. Sie wird Ärztin. Hat einen tüchtigen Freund. Wenn Eltern so reden, graben sie ein Loch in die Seele ihres Kindes. Statt Liebe zu schenken, schaffen sie Mangel. Der Junge will Anerkennung. Stattdessen verlangen sie Leistung. Und sagen noch: Die anderen sind aber besser. Wieder genügt man nicht. Wieder fehlt etwas. Für immer. So wächst der Mangel an Liebe. Die Seele kriegt ein Loch.

Das füllt man nicht mit Sachen. Nicht mit Häusern und nicht mit Kleidung. Liebe ist einzig, durch nichts zu ersetzen. Das vierte Auto hilft nichts. Man macht sich nur etwas vor. Und meint, Liebe könne man kaufen. Falsch. Wert ist nicht, viel zu haben und noch mehr. Wert ist, geliebt zu sein. Von Herzen, ohne Leistung. Liebe ist, nichts beweisen zu müssen. Im Arm der Eltern zu sein, ohne sich das verdienen zu müssen mit wer weiß was allem. In den Armen des Partners und der Kinder zu liegen, ohne dafür etwas auszugeben. Liebe ist das Unverdiente, das größte Geschenk. Liebe ist einfach so Liebe. Sie kennt keine Bedingung.