Bleiben
Als die Frau mir die Tür öffnet, strömt mir ein Duft von Vanille, Zimt und Schokolade entgegen. „Schön, dass Sie vorbeikommen“, sagt sie und bittet mich ins Haus. An unsere erste Begegnung kann ich mich noch gut erinnern. Im März ist das gewesen, kurz nach dem Tod ihres Mannes. „Ach, wenn ich doch auch gehen könnte, wie mein Mann“, sagte sie damals zu mir: „Warum soll ich noch hier bleiben? Es erscheint mir alles so sinnlos!“
Viele Jahre hatte die Frau ihren Mann zu Hause versorgt und ihr Leben ganz auf ihn und seine Pflege abgestimmt. Als er nach langer Krankheit endlich sterben durfte, wusste sie zwar: Der Tod ist eine Erlösung für ihn. Aber ein Leben ohne ihren Mann konnte sie sich nach 50 Jahren Ehe kaum vorstellen. Der Witwe fehlten die täglichen Aufgaben. In ihrer Wohnung fühlte sie sich einsam und allein. Die Stille um sie herum machte ihr schwer zu schaffen.
Die Frau sagt zu mir: „Wissen Sie noch, was Sie damals zu mir gesagt haben? - ‘Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen‘ (Dietrich Bonhoeffer). Dieser Satz ist mir noch lange durch den Kopf gegangen. Nächtelang habe ich geweint und gebetet, habe zu Gott gerufen und ihm mein Leid geklagt“. Und sie fährt fort: „Manchmal muss man bleiben, obwohl man lieber gehen möchte. Ich habe versucht, das Beste aus meiner Lage zu machen. An manchen Tagen schaffe ich es gut, an anderen fällt es mir sehr schwer. Aber ich bemühe mich, weil sich Dinge nicht ändern lassen. Zeit lässt sich doch nicht zurückdrehen.“ Die Frau hält inne und deutet auf eine Schale mit Plätzchen.
„Die habe ich eben erst aus dem Ofen geholt. Sie sind ganz frisch und vielleicht noch etwas warm. So hat sie mein Mann immer am liebsten gemocht, direkt aus dem Ofen. Davon konnte er nie genug kriegen. Erst wollte ich dieses Jahr nicht backen. Aber dann habe ich doch angefangen. Der adventliche Duft tut mit gut. So habe ich einfach ein paar Plätzchen mehr gebacken, damit ich welche verschenken kann.“
Aushalten und bleiben und das Beste daraus machen, darin übt sich die Frau jetzt. Sie ist dabei, ihrem Alltag einen neuen Rhythmus zu geben, langsam, alleine und mit Gottes Hilfe.