hr2 ZUSPRUCH
hr2
Lungershausen, Dr. Christine

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Eschborn

00:00
00:00
Zwei Frauen sitzen im Zug gegenüber an einem Tisch. Die eine lehnt sich zurück und schaut nachdenklich, während die andere entspannt in ihre Richtung lächelt. Beide tragen warme Kleidung und eine gemütliche Atmosphäre ist spürbar. Durch das Fenster sieht man die vorbeiziehende Landschaft.

Wo ist Gott in Krankheit?

Ich sitze im Zug und lese. Ein Fach-Buch. Es geht um Theologie und Krankheit. Mir gegenüber sitzt eine Frau. Sie schaut auf mein Buch, liest den Titel: „Krankheitserfahrung und Religion“. Sie sieht mich an und fragt: „Wieso werden gute Menschen krank? Wieso greift Gott da nicht ein und macht uns gesund?“ 

Überrumpelnde Frage im Zug: Wieso lässt Gott Krankheit zu?

Ich bin überrumpelt. Die Frage ist komplex – ich habe darauf noch keine Antwort. Aber ich bin neugierig und sage: „Ich habe da bisher keine klare Position zu. Aber Sie vielleicht?“ Die Dame räuscht sich und überlegt. „Also einfacher ist erstmal zu sagen, was ich nicht glaube. Ich glaube nicht, dass Gott mich mit einer Krankheit bestraft. Wofür auch? Ich hab‘ nicht schlechter oder besser gelebt als Gesunde.“ Ich nicke. Höre ihr aufmerksam zu. Offenbar hat sie sich schon lange Gedanken zu dem Thema gemacht. Sie sagt: „Ich glaube auch nicht, dass Gott uns Krankheiten schickt oder uns überhaupt krank macht. Krankwerden passiert eben. Für mich kommt Gott erst dann ins Spiel, wenn es darum geht, wie ich mit meiner Krankheit umgehe. Ob ich daran verzweifle. Oder ob ich Kraft bekomme, meine Krankheit durchzustehen. Oder – wenn es keine Heilung gibt – einen Weg zu finden, damit zu leben.“

Gedanken teilen: Gott schickt keine Strafe

Wir denken beide einen Moment darüber nach. Dann fährt sie fort: „Da habe ich Sie gefragt und nun muss ich mir die Antworten selbst geben. Jetzt sagen Sie mir doch mal: was steht denn in Ihrem Buch dazu?“​ Ich habe gerade erst angefangen zu lesen und bisher noch nicht viel verstanden. Ich schiebe das Buch weg und sage: „Für mich weiß ich: Gott gibt mir die Kraft durchzuhalten. Wenn ich einen Infekt habe. Wenn ich mich elend fühle und irgendwann auch die Nerven blank liegen. Gott gibt mir Mut und Zutrauen, wenn ich meine Kollegen schon wieder um Vertretung bitten muss, weil ich ausfalle. Das nagt an mir. Ich hasse es, anderen zur Last zu fallen. Aber es ist eben so.“​

Sinn trotz Krankheit: Liebe statt Erfolg

Ich atme aus. Ich merke: Darüber zu reden fällt mir wirklich schwer. Aber eines ist mir dann doch noch wichtig. Daher setze ich nach und sage: „Ich glaube: Gott hat mich zu etwas gerufen in diese Welt. Es hat einen Sinn, dass es mich gibt. Und Sie. Und alle Menschen. Und dieser Sinn bleibt unberührt davon, wie gesund oder krank ich bin. Wie erfolgreich. Viel wichtiger ist, wie liebevoll ich etwas tue. Dabei hilft mir Gott.“ Ich staune - so ein offenes Gespräch mit einer mir ganz fremden Person. Aber ich merke: Meine Gedanken auszusprechen, tut mir gut. Auch sie nickt. Nach einer Zeit sagt sie: „Ich kenne ein Lied, das genau das beschreibt. Eine Zeile ist: ‚Ich glaube, fest dass Gott die Liebe ist und dass er an der Liebe alles misst.‘“.


Quelle: Lied im Gesangbuch von Württemberg (Nr. 661); Durch Hohes und Tiefes (Nr. 103): „Ich glaube fest, dass alles anders wird“, Text: Martin Bogdahn, Melodie: aus Argentinien