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Viertel, Dr. Matthias

Eine Sendung von
Dr. Matthias Viertel,
Evangelischer Pfarrer, Kassel

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Nahaufnahme eines kamelartigen Tieres in der Wüste. Der Kamel blickt direkt in die Kamera mit einem neugierigen Ausdruck. Im Hintergrund sind sandige Dünen und ein Zaun sichtbar, was auf eine Wüstenumgebung hinweist.

Wie das Kamel ins Nadelöhr kommt

Eine Wirtschaftszeitung berichtet, dass es demnächst erstmals einen Billionär geben könnte. „Billionär“ – das ist kaum vorstellbar: tausend Millionen ergeben eine Milliarde, wiederum tausend Milliarden ergeben eine Billion. 

Was bedeutet ein Billionär überhaupt?

Ein Billionär besitzt so viel Geld wie tausend mal tausend Millionäre. Einfach unvorstellbar. Vor allem, wenn ich daran denke, wie viele Menschen auf der Welt noch nicht einmal wissen, wovon sie satt werden und ihre Kinder über die Runden bringen sollen.

Warum die Schere zwischen Arm und Reich wächst

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass die Schere zwischen den Reichen und den Armen immer größer wird. Und die Tatsache, dass immer mehr Kapital in immer weniger Händen landet, ist ein Ursache für manche der politischen Verwerfungen, die wir gerade erleben.

Neid oder Gerechtigkeit: Wie sind solche Gedanken einzuordnen?

Ist es nur Neid, wenn ich diese Entwicklung mit Sorge betrachte? Oder ist es ein übersteigertes Gerechtigkeitsempfinden? Die unvorstellbaren Summen von heute sind neu, das Problem dahinter ist aber uralt. Schon im Neuen Testament wird erzählt, wie die Jünger genau darüber diskutierten. Jesus machte daraufhin die Aussage: „leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt“. (Lk 18,25)

Was bedeutet das Wort Jesu für mich?

Jetzt könnte ich innerlich aufatmen, immerhin werden die Superreichen mit diesem Hinweis abgestraft. Aber dann überlege ich: Ich bin zwar nicht superreich, gehöre aber auch nicht gerade zu den Armen. Sollte mein Weg in den Himmel ebenfalls versperrt sein? Muss ich mir etwa Sorgen machen?

Historische Deutung des Nadelöhrs

Eine Interpretation dieses Textes lautet: das Nadelöhr, von dem Jesus spricht, meint nicht das Nähwerkzeug, sondern als ein Stadttor von Jerusalem. Dort gibt es Tore, die so verwinkelt und eng gebaut sind, dass Feinde auf Pferden nicht passieren konnten. Oft bin ich durch dieses Tor geschritten, durch das sich heute neben den Fußgängern nur kleine Autos durchquälen. Und jedes Mal erinnere ich mich an den Vergleich mit den Kamelen.

Warum Kamele ihre Last ablegen mussten

Auch die Karawanen hatten Probleme, ihre beladenen Kamele passten nicht, sie kamen nicht durch dieses als Nadelöhr bezeichnete Tor. Sie mussten erst entladen werden, die Waren wurden getauscht und kamen so unters Volk. Erst dann konnten die Händler in die Stadt.

Was bedeutet das für unseren Umgang mit Besitz?

Ich weiß nicht, ob diese Deutung historisch richtig ist, aber sie gefällt mir. Und ich finde: Sie macht Sinn. Für mich gehört zu einem gelingenden, glücklichen Leben vor allem die Verbundenheit mit anderen Menschen. Und zwar eine solidarische Zusammengehörigkeit auf Augenhöhe.

Wie Reichtum sinnvoll eingesetzt werden kann

Vielleicht steht den Reichen diese Art von Himmel tatsächlich nur zu, wenn sie ihren Wohlstand mit anderen Menschen teilen. Wenn sie ihre „inneren Kamele“ abladen, etwas abgeben und mit ihrem Besitz etwas Nützliches machen. Dann können sogar Kamele durch Nadelöhre gehen und Reiche glücklich werden.


https://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/reichtum-wie-der-erste-mensch-2026-zum-billionaer-werden-koennte-01/100187414.html