Von Propheten und Politikern
Niemand hört gerne schlechte Nachrichten. Deshalb überbringt sie auch niemand gerne. Das gilt heute für Politikerinnen und Politiker. Und das gilt genauso für die Prophetinnen und Propheten in biblischer Zeit. Viele von ihnen sträubten sich mit Händen und Füssen dagegen. Sie wollten nicht zu den Leuten gehen und ihnen sagen: „So geht es nicht weiter!“
Schlechte Nachrichten überbringen: Politiker und Propheten
Noch etwas haben heutige Politiker und biblische Propheten gemeinsam. Man muss ihre Worte kritisch prüfen: Ob sie glaubwürdig sind.
Zwischen den beiden gibt es aber einen wichtigen Unterschied. Die biblischen Prophetinnen und Propheten erhalten ihr Mandat von Gott. Sie sollen dem Volk gegenübertreten und es auffordern sein Verhalten zu ändern.
Propheten sprechen im Auftrag Gottes, Politiker im Auftrag des Volkes
Dagegen werden die Politiker vom Volk gewählt und beauftragt. Kein Wunder, dass manche ihren Wählerinnen und Wählern lieber nach dem Mund reden. Das kommt bei vielen offenbar besser an.
Aber unser Grundgesetz denkt die Gesellschaft größer. Im ersten Satz heißt es: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen hat sich das deutsche Volk … dieses Grundgesetz gegeben.“ Und zwar: „von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen.“
Das Grundgesetz verpflichtet zu mehr als dem Wählerwillen
Unsere Gesellschaft basiert also nicht nur auf dem Wählerwillen, sondern auch auf Werten wie dem Frieden in der Welt. Demnach reicht es nicht, dem Wahlvolk einfach nur nach dem Mund zu reden. Manchmal müssen Politiker – wie Propheten - dem Volk auch gegenübertreten und unangenehmes erklären. Heute etwa: „Wir werden den Lebensstandard vergangener Jahrzehnte nicht halten können. Zu groß sind die Aufgaben, die wir zu stemmen haben. Egal, wen ihr wählt, diese bittere Pille kann euch niemand ersparen. Aber wir können zusammen schauen, wie wir es möglichst gerecht hinbekommen. Dass genug da ist für alle – insbesondere für die, die jetzt schon wenig haben. Und auch für die, die nach uns kommen.“
Jesaja: Teilen statt ängstlich am Besitz festhalten
Der biblische Prophet Jesaja ging damals noch einen Schritt weiter. Er sagte seinen Landsleuten: „Brich dem Hungrigen dein Brot.“ (Jesaja 58,7). Also: „Teile, was du hast, so gut du kannst.“ Denn Jesaja hatte verstanden: Es macht nicht glücklich, in schwierigen Zeiten ängstlich auf seinen Besitz zu beharren und sich gegen Verluste zu wehren. Viel glücklicher macht es, eine gemeinsame Idee für die Zukunft zu haben. Und den Weg dorthin gemeinsam zu gehen.
Jesus: Was wir für Bedürftige tun, tun wir für Christus
Sich gemeinsam stark machen - diesen Gedanken hat Jesus noch vertieft. Er sagt: „Alles was ihr für einen Bedürftigen getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40). Ich begegne in meinen Mitmenschen also dem Gottessohn Christus selbst. Und die Mitmenschen in mir auch. Mehr Würde geht nicht. Die verfehlt man, wenn man nur darauf aus ist seinen persönlichen Wohlstand zu hüten.
Propheten und Politiker brauchen Menschen, die mitgehen
In diesem Sinne haben biblische Propheten und Politiker noch etwas gemeinsam: Sie sind darauf angewiesen, dass die Menschen zuhören, prüfen und mitgehen.