hr2 ZUSPRUCH
hr2

Eine Sendung von
Bianca Schamp,
Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg

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Vom Anfang und von losen Enden

Goldie hat eine wunderbar warme und weiche Stimme. Und er singt voller Inbrunst. Sein Bariton schwingt in einem beeindruckenden Tremolo. Das Alter hört man seiner Stimme – fast – nicht an. Ursula jedenfalls lauscht mit Andacht und ist sichtlich gerührt. 

Zwei Menschen im Pflegeheim

Ursula kennt Goldies Geschichte – eigentlich. Sie weiß, dass Goldie nicht Goldie heißt, sondern Hans. Und auch, dass die Frau auf den Bildern an der Wand seine Ehefrau war und nicht sie selbst. Genauso wie sie meistens weiß, dass er aus der Ukraine stammt und sie vom Feldberg. Dass er einen Schlaganfall hatte und sie eine beginnende Demenz. Ein Zufall – oder vielleicht eine Fügung – hat sie hier zusammengeführt. In diesem Pflegeheim. In zwei nebeneinander liegenden Zimmern. 

Honig und ein Lied: Eine neue Geschichte beginnt

Mit diesem Zufall beginnt eine neue Geschichte. Jetzt sitzt Goldie vor ihr, auf der Lehne seines Rollators. Ganz nah ist er an ihren Rollstuhl herangerückt. Er füttert sie. Mit Honig, löffelchenweise, wegen des Hustens, den sie schon seit Wochen nicht loswird. Und er singt für sie. Ein Lied von ewigen Wasserfluten. So fromm und voller Erinnerungen, dass ihm selbst immer wieder die Stimme ganz brüchig davon wird. 

„In the end, we’ll all become stories“: Margaret Atwood

„In the end, we’ll all become stories.“ Auf Deutsch: Am Ende werden wir alle Geschichten sein. 
So hat es die kanadische Autorin Margaret Atwood einmal gesagt. Ich mag diesen Satz. Ich mag den Gedanken, dass sich unser Leben genauso zusammenpuzzelt. Aus vielen kleinen Geschichten und Begebenheiten, Bildern und Szenen. Die wir oder andere erinnern – und manchmal auch wieder vergessen.

Warum das Leben bruchstückhaft bleibt

Unser Leben ist eben nicht dieser eine große Wurf, diese eine stimmige Geschichte. Kein Roman, mit Anfang, Höhepunkt und dann - nahezu automatisch - einem passenden Ende. Auch wenn man das im Rückblick gerne so erzählt. 

Vieles bleibt im Leben bruchstückhaft. Wir vergessen. Wir verwechseln. Wir verlieren den roten Faden. Und wir dürfen das. Weil wir Menschen sind.

Gott kennt den roten Faden: Trost für Bruchstücke

Für mich liegt genau darin der Trost meines Glaubens: Ich muss mein Leben nicht selbst zu einer perfekten Geschichte machen. Die Bruchstücke kann ich Gott anvertrauen. Auch das, was vergessen ist, was nie erzählt wurde und was widersprüchlich bleibt. Ich glaube: Gott kennt den roten Faden. Ja mehr noch: er fügt alles zusammen zu einem passenden Bild. So hat es der Apostel Paulus einmal gesagt: „Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ (1. Korinther 13, 12)

Jetzt bist du wichtig: Menschen wie Goldie finden

„In the end, we’ll all become stories.“ Am Ende werden wir alle Geschichten sein. Wie schön, wenn es viele bunte Geschichten sind, die Menschen über uns erzählen. Und wie schön, wenn wir bis zum Ende unseres Lebens Menschen wie Goldie finden. Menschen, die neue Geschichten mit uns beginnen. Wenn es sein muss, jeden Tag. Die uns spüren lassen: Wer du auch warst, woher du auch kommst: jetzt bist du wichtig. Und wertvoll. Für mich.