hr2 ZUSPRUCH
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Ruckert, Ralf

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Lahntal

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Pilgersegen

Langsam tut mir der Popo weh. Ich habe schon lange nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen. Den ganzen Vormittag bin ich auf einer kleinen Pilgerreise: Mit der Konfigruppe und Kollegen auf dem Fahrrad von Kirche zu Kirche. 

Am Ziel sind alle schnell weg

Schmerzen kann ich nicht gebrauchen und zu spät ankommen auch nicht. Ich hab heut noch ´was vor.  Am Ziel angekommen, sind alle schnell weg. Aber ich bin nicht ganz allein: Da vorne sitzen zwei kleine Jungs auf einer Gartenmauer. 

Eine kleine Muschel-Überraschung

„Willst Du eine Muschel kaufen?“ fragt einer der Jungs. „Eine was? Eine Muschel?“ „Ja, 1 Cent“, sagt der Blonde. „50!“ kommt es von seinem brünetten Freund. „1 Cent oder 50 – das ist ja schon ein kleiner Unterschied.“ – behaupte ich. „50!“ – der Freund ist Wortführer und ist sich sicher. 

Erinnerungen an Kiel: Muscheln, Fjorde 

Ich habe in Kiel studiert, 5 Jahre an einem Fjord gelebt und fast jeden Urlaub am Meer verbracht. Ein paar Muscheln habe ich schon gesehen. Einen kritischen Hinweis kann ich mir deshalb nicht verkneifen: „Na, das scheinen mir ja eher Muschelstückchen zu sein, was ihr da im Angebot habt.“  Aber da habe ich den Euro schon in der Hand. „Ich nehme zwei“.

Muschelbruch zum Sonderpreis

Die Jungs sind freundlich. Es gibt keine anderen Kunden weit und breit. Und da ich ganz ohne Muschel auskommen würde, wird es mir nicht schaden, wenn ich eine kaputte nehme. Aus dem kleinen Scherbenhaufen darf ich mir die Stückchen raussuchen. „Die, nein, die daneben, die andersrum liegt, neben deinem kleinen Finger“. Drei Mal anderthalb Zentimeter, die eine hell, die andere Dunkelbraun marmoriert – fast ein bisschen wie die Frisuren meiner beiden Jungs. 

Gute Wünsche auf den Weg 

„Dankeschön! Noch viel Erfolg! Und passt gut auf euch auf!“ sage ich und bin schon losgefahren. „Du auf dich auch!“ höre ich den Brünetten noch hinter mir.

Jakobsmuscheln, das Erkennungszeichen der Pilger

Als ich weiterfahre, denke ich an die Scherben in meiner Tasche. Sie wurden schon kaputt eingesammelt. Jakobsmuscheln können es gewesen sein. Meer und Sand haben ihre Bruchkanten rundgeschliffen. Sie fühlen sich angenehm an in der Hand. 

„Na sowas!“ – Mir fällt ein, dass Jakobsmuscheln das Erkennungszeichen der Pilger sind. Dass sie zu meiner Radtour von Kirche zu Kirche passt, ist auch ein schönes Gefühl. Im Ohr habe ich noch: „Du auf Dich auch!“

Gute Wünsche sind ein Segen

Zeit verlieren konnte ich nicht gebrauchen. Gute Wünsche aber schon. Die sind ein Segen. Und den gebe ich gern an Sie weiter: Egal ob zwischen Kassel und Darmstadt oder zwischen Küche und Bad: Ich glaube: Sie sind auch nicht ganz allein unterwegs. Und passen sie gut auf sich auf!