Ignorierte Frauen
Eigentlich ist die Bibel kein Männerbuch. Klar, in vielen der großen und berühmten Erzählungen spielen Männer die Hauptrolle. Ich denke an Abraham, Mose oder die Propheten, natürlich auch an Jesus, die zwölf Apostel oder Paulus. Aber es gibt auch viele ausdrucksstarke Geschichten, die von Frauen und ihren Erfahrungen erzählen. Leider sind die aber nicht so bekannt. Maria, die Mutter Jesu, kennt man natürlich, auch Eva aus der Schöpfungsgeschichte, vielleicht noch Maria Magdalena, der Jesus nach der Auferstehung erschienen ist. Doch das sind längst nicht alle.
In Sonntagsgottesdiensten fehlen die biblischen Frauenerzählungen
Viele Frauen der Bibel bleiben im Verborgenen, auch für Christinnen und Christen. Ein Grund dafür mag sein: In den Gottesdiensten werden auffallend wenige biblische Erzählungen über Frauen vorgelesen. Die Theologin Annette Jantzen hat das systematisch für die katholischen Gottesdienste untersucht und festgestellt: Gerade für Sonntagsgottesdienste sind kaum biblische Frauenerzählungen vorgesehen. Aber vor allem: Die Geschichten von Frauen sind in den Textfassungen für die Gottesdienste oft stark verkürzt und wichtige Gedanken fehlen darin.
Sie antwortet darauf mit einem wunderbaren Satz
Das ist auch passiert mit der Geschichte von Hagar. Hagar ist die Sklavin von Sara, der Frau des Abraham. Das Buch Genesis erzählt, dass Sara keine Kinder bekommen kann. Mit Saras Einverständnis wird die Sklavin Hagar Abrahams Nebenfrau. Als Hagar ein Kind erwartet, schikaniert Sara sie voller Eifersucht. In ihrer Not läuft Hagar davon und flieht in die Wüste. Dort begegnet ihr ein Engel Gottes und macht ihr Mut, zu Sara zurückzukehren. Und er kündigt Hagar an: Sie wird zahlreiche Nachkommen haben. Hagar antwortet auf die Worte des Engels, auf diese Zuwendung Gottes mit einem wunderbaren Satz. Sie spricht aus, wie sie Gott erfährt. Es heißt: „Da nannte sie den Namen des HERRN, der zu ihr gesprochen hatte: Du bist El-Roï – Gott schaut auf mich!“ (Gen 16, 13 EÜ)
Der Vers wird einfach ausgelassen, sie kommt nicht zu Wort
Doch genau dieser wichtige Satz fehlt in der Textfassung für den Gottesdienst. Der Vers wird einfach ausgelassen, die Sklavin Hagar kommt nicht zu Wort. Ihr wird ihre Erfahrung, ihre Stimme weggenommen. Und nicht nur ihr. Auch den Hörerinnen und Hörern wird mit dieser gekürzten Fassung etwas vorenthalten. Ein Satz, der sie nachdenklich machen könnte, den sie möglicherweise gerne mitsprechen würden oder mit dem sie vielleicht auch nichts anfangen können.
Ihre Geschichten sind anregend, bereichernd und wertvoll
Ich finde, dieses Beispiel zeigt: Es lohnt sich, den Frauen der Bibel wirklich zuzuhören, ihre Geschichten, ihre Erfahrungen mit Gott und den Menschen genau zu lesen und sie ernst zu nehmen. Sie sind anregend, bereichernd, wertvoll – und bestimmt nicht nur für Frauen.
Annette Jantzen, Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird. Freiburg u.a. 2026
Unbekannte Frauen aus der Bibel – ein feministischer Blick auf die katholische Tradition. Podcast mit Annette Jantzen und Bischof Peter Kohlgraf: Lebensfragen - Menschen im Gespräch mit Bischof Kohlgraf und Anja Schneider #39 - Lebensfragen - Menschen im Gespräch mit Bischof Peter Kohlgraf und Anja Schneider | Podcast on Spotify