Gemeinsam pflegen
Es ist unglaublich, was manche Menschen in der Pflege ihrer Angehörigen leisten. Ich denke da zum Beispiel an eine Freundin, die sich um ihre alten Eltern kümmert. Der Vater hatte vor einigen Jahren einen Schlaganfall und sitzt im Rollstuhl. Meine Freundin fährt jede Woche dienstags und samstags etwa 12 km mit dem Fahrrad zu ihm und kümmert sich um ihn. Sie entlastet damit ihre Mutter, die in der Zeit etwas für sich tun kann oder Dinge erledigen, die sie sonst nicht schaffen würde. Was für ein Aufwand und ein Engagement! An den anderen Tagen übernehmen ihre beiden Schwestern diesen Dienst. Und ich bin überzeugt: Wenn dieses Engagement nicht wäre, könnten die beiden älteren Leute nicht in ihrem Haus wohnen.
Es schafft neue Eindrücke und Reize
Sie versorgen ihren Vater nicht nur, sondern animieren ihn, Dinge selbst zu tun, damit er trainiert und Fähigkeiten erhalten bleiben. Natürlich dauert es viel länger, bis er mit unsicheren Händen sein Hemd geknöpft hat – aber es schult die Motorik. Und natürlich ist es viel einfacher auf dem Sofa zu plaudern, aber ein Spaziergang an der frischen Luft tut gut, schafft neue Eindrücke und Reize.
Ich weiß, andere Familien müssen noch ganz andere Dinge stemmen und oft sind auch noch professionelle Helferinnen und Helfer mit im Boot. Sie alle tragen dazu bei, dass Menschen in Würde und so selbstbestimmt wie möglich alt werden können.
“Ich soll auch auf mich achten”
Mich beeindrucken solche Menschen. Unabhängig, ob jemand Angehörige pflegt oder beruflich Alte und Kranke betreut, ist das ein so wichtiger und aus meiner Sicht zutiefst menschlicher Dienst. Als Christin sehe ich darin auch einen christlichen Auftrag verwirklicht. In der Bibel steht: „Einer trage der anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater-Brief 6,2)
Und an einer anderen Stelle steht: „Du sollst deinen nächsten Lieben wie dich selbst“ (Buch Levitikus 19,18; Markus-Evangelium 12,31). Das finde ich in diesem Fall besonders wichtig und beachtenswert. Vor allem der zweite Teil des Satzes geht bei familiärer Pflege manchmal unter. „Wie dich selbst“ meint: Ich soll auch auf mich achten, ich soll nicht Raubbau mit meiner Gesundheit treiben und meine Bedürfnisse immer zurückstellen.
Jede und jeder Pflegende hat hohen Respekt verdient
Ich finde, jede und jeder Pflegende hat hohen Respekt verdient und es ist kein Versagen, wenn man irgendwann die Pflege in andere Hände geben muss, weil man es selbst nicht mehr schafft. Auch das ist verantwortungsvoll und dient den alten oder kranken Menschen.
Ich wünsche besonders heute allen Pflegenden – beruflich oder privat – die Anerkennung, die sie verdienen. Ich finde, Gesellschaft und Politik sollten sich noch mehr für gute Arbeitsbedingungen einsetzen. Damit die Belastungen von Pflege auf möglichst viele Schultern verteilt werden und so allen ein würdevolles Leben ermöglicht wird.