hr2 ZUSPRUCH
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Lungershausen, Dr. Christine

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Eschborn

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Eine junge Frau mit langen, lockigen Haaren trägt ein hellblaues Hemd und Sonnenbrillen. Sie steht vor einem Spiegel mit ihrer Hand am Hals und schaut nachdenklich auf ihr Spiegelbild. Im Hintergrund sind verschwommene Stadtstrukturen zu erkennen.

Eine von den Guten

„Du bist doch eine von den Guten“, sagt eine Kollegin und klopft mir auf die Schulter. Gerade habe ich ihr angeboten, zwei Termine von ihr zu übernehmen. Sie erwartet Zustimmung und schaut mich an. „Oder etwa nicht?“ Ich druckse herum, weil in mir etwas stockt. Eine von den Guten? Und die anderen – die sind nicht gut? Innerlich rumpelt etwas in mir. Daher frage ich nach: „Eine von den Guten: Was meinst du damit? Und was ist mit den anderen? Die sind doch nicht Böse, so ganz und gar, oder?“

„Eine von den Guten“: Ein Satz, der hängen bleibt

Sie stockt. Und überlegt. Wir wägen ab: Gibt es Menschen, die nur böse sind? Es fallen einem ja sofort Menschen dazu ein. Aber weiß ich alles über die? Und auf der anderen Seite, gibt es Menschen, die nur gut sind? Jede hat doch auch ihre Schwächen und dunklen Seiten. Die Menschen eindeutig aufzuteilen in die Guten und die Bösen – das geht nicht. Wir kommen zu dem Schluss: Der Riss zwischen gut und böse geht nicht durch die Menschheit. Es gibt das beides in jeder von uns. Jede von uns hat helle und dunkle Seiten.

Luthers Blick: Gut und böse zugleich?

Damit belassen wir es bei dem Gespräch. Später denke ich weiter darüber nach und erinnere mich: Das Gute und das Böse im Menschen, das hat schon Martin Luther fasziniert. Luther hat festgestellt: Der Mensch hat gleichzeitig zwei paradoxe, sich widersprechende Seiten: Zunächst die gute: Ich höre einer Freundin zu und bleibe am Telefon, auch wenn ich müde bin und die Geschichte schon ein paar Mal gehört habe. Ich versuche auch im Konflikt freundlich zu bleiben, auch wenn mein Gegenüber einen Streit provozieren möchte.

Und es gibt auf der anderen Seite die dunkle Seite, die böse: auch ich werde pampig, wenn man mich zu lange ärgert. Und manchmal schnauze ich meinen Mann an, einfach nur, weil ich müde bin. Das hat ja nichts mit ihm zu tun. Es gibt die beiden Seiten in mir, die gute und die böse.​

Angenommen mit hellen und dunklen Seiten

Martin Luther hat damals betont: Gott sieht beide Seiten des Menschen. Und nimmt Menschen so an, wie sie sind, mit dem Dunklen und dem Hellen. Und plötzlich kann ich mein schales Gefühl von vorher einordnen: Ich fühle mich darin nicht als Ganze gesehen. „Du bist doch eine von den Guten“. Meine dunklen Seiten kommen darin nicht vor. Aber die gibt es. Und die gehören auch zu mir. Meine dauernde Müdigkeit und dass ich auch mal nachlässig bin. Ich möchte mit beiden Seiten sein dürfen. Im Glauben ist mir das möglich. Ich glaube, dass Gott mich mit beiden Seiten annimmt.

Zwischen Kolleginnen und vor Gott: Wer hält beides aus?

Für eine Kollegin oder in einer Freundschaft ist das sicher noch herausfordernder: Auszuhalten, dass ich über die Kollegin auch die schlechten Sachen weiß und sie gleichzeitig hoch achte für das, was sie leistet. Das braucht innere Größe. Und manchmal ist das unter Kolleginnen und Freunden auch zu viel verlangt. Für Gott ist das leichter. Gott hält beides zusammen: das Gute und das Böse, die müde Kollegin und die begeistere Patentante, die zaghafte junge Frau und die mutige Sängerin.