hr2 ZUSPRUCH
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Kohl, Rüdiger

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Theologischer Referent der Stellvertretenden Kirchenpräsidentin der EKHN

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Eine ältere Frau sitzt in einem Rollstuhl und lächelt, während sie auf einer bunten LEGO-Matte vor einer offenen Tür steht. Ein Hund ist im Hintergrund zu sehen. Die Szene vermittelt Freude und Offenheit.

Die Lego-Oma bahnt Wege

Ich bin mit meiner Mutter in meiner Heimatstadt Hanau unterwegs. Sie sitzt im Rollstuhl, ich schiebe sie. Wir bleiben vor einer kleinen Eisdiele stehen. Vor dem Eingang liegt eine Rampe. Aber keine graue Metallrampe, wie man sie manchmal sieht. Diese hier ist bunt. Rot, gelb, blau, grün. Eine Rampe aus Legosteinen.

Die „Lego‑Oma“ und ihre 150. Rampe

Ich schiebe meine Mutter darüber, und wir müssen lächeln. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich frage die Frau hinter der Theke: „Wer hat denn diese bunte Rampe gebaut?“ Sie antwortet: „Kennen Sie nicht Rita Ebel, die ‚Lego‑Oma‘? Die baut solche Rampen aus Legosteinen, die andere ihr spenden.“
Später lese ich im Internet: Rita Ebel hat vor kurzem ein Jubiläum gefeiert: Ihre 150. Rampe ist fertig. Sie arbeitet mit einem kleinen Team – auch ihr Mann, ihre Tochter und ihre Enkelin helfen mit. In einer Ladenwerkstatt in der Innenstadt. Manchmal dauert es bis zu 50 Stunden, bis eine Rampe fertig ist.

Räumt die Hindernisse aus dem Weg

Wenn ich höre, wie sie Rampen baut, denke ich an einen alten Satz aus der Bibel, der erstaunlich gut passt. Er steht beim Propheten Jesaja: „Bahnt einen Weg! Räumt den Menschen die Hindernisse aus dem Weg.“ Jesaja 57,14
Gemeint ist: Räumt aus dem Weg, was das Leben beschwerlich macht. Denn Gott will ein gutes Leben für alle Menschen. Rita Ebel zeigt, wie das ganz praktisch gehen kann. Sie bahnt Wege. Damit mehr Menschen am Leben teilhaben können.

Wenn eine Stufe ein Hindernis wird

Sie sitzt selbst seit mehr als 30 Jahren im Rollstuhl – seit einem Unfall. Sie weiß genau, wie hoch eine einzige Stufe sein kann, wenn man sie nicht überwinden kann. Eine Stufe kann aus einem Geschäft ein unerreichbares Ziel machen. Oder aus einem Café einen Ort, an dem man draußen bleiben muss.

Lego‑Rampen in vielen Städten

Ihre Idee hat längst Kreise gezogen. Lego‑Rampen stehen inzwischen in vielen Städten, sogar in anderen Ländern Europas. Rita Ebel war schon in Hongkong bei einem internationalen Kongress und hat dort von ihrer Idee erzählt.
Für ihr Engagement wurde sie sogar vom Bundespräsidenten geehrt. Als er ihr das Bundesverdienstkreuz verleiht, bringt sie ihm eine kleine Lego‑Rampe mit. Er fragt sie: „Was soll ich denn damit machen?“ Rita Ebel antwortet: „Sie können sie sich auf den Schreibtisch stellen. Dann erinnert die Rampe Sie immer daran, was noch alles getan werden muss, damit alle teilhaben können.“

Mehr als praktische Hilfen

Inklusion ist eine Aufgabe, die weitergeht. Auf der Homepage der Lego‑Oma kann man eine Bauanleitung für eine Rampe herunterladen – in vielen verschiedenen Sprachen.
„Räumt Hindernisse aus dem Weg“, heißt es in der Bibel. Meine Mutter und ich freuen uns, dass die „Lego‑Oma“ einfach damit angefangen hat. Die bunten Rampen sind mehr als praktische Hilfen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass niemand draußen bleiben soll.