Das andere Glück des Christentums
Der Zuspruch am Morgen ist manchmal gar nicht so leicht. Nicht, weil mir nicht irgendetwas Erbauliches einfallen würde, sondern weil das Christentum eigentlich ziemlich schlecht geeignet ist, Zuspruch im Sinne einer morgendlichen Wohlfühlatmosphäre anzubieten.
Nachfolge heißt Veränderung
Ja, ja, Sie haben richtig gehört. Die eigentlich christliche Botschaft ist eigentlich gar nicht so behaglich und beruhigend, wie man sie sich manchmal gerne hätten. Mir scheint: Wir haben uns nicht selten gut eingerichtet in einer christlichen Verkündigung, die im Wesentlichen sagt: „Gott liebt dich, so wie du bist!“ Wenn man dabei allerdings stehen bleibt, ist es eben nur die halbe Wahrheit.
Natürlich will Jesus jedem Einzelnen von uns begegnen und er nimmt uns an, wie wir sind. Aber will er wirklich, dass wir bleiben, wie wir sind? Hat er nicht gerade davon gesprochen, dass wir uns selbst verleugnen und unser Kreuz auf uns nehmen sollen? Die Nachfolge Jesu, also das christliche Leben, führt ja gerade nicht in die behagliche und wohltemperierte Stube und zum nächsten Café in die Selbstgenügsamkeit des Alltags. Vielmehr erschüttert und verunsichert uns die Realität Gottes.
Das eigene Kreuz
Die biblischen Schilderungen der Gottesbegegnungen jedenfalls sind immer mit Aufbrüchen, Lebenswenden, Prüfungen und Leidenswegen verbunden. Das Kreuz wird niemandem erspart. Das Leben vieler Heiliger macht diesen Befund nur noch deutlicher. Glücklich und erfolgreich im weltlichen Sinne macht ein christliches Leben nicht unbedingt. Und das ist auch gar nicht das Ziel. Ist das ein guter Zuspruch?
Das Christentum in Japan
Die Frage „Macht das Christentum eigentlich glücklich?“ ist mir auf meiner letzten Japanreise sehr drängend in den Sinn gekommen, als wir uns mit dem christlichen Erbe dort beschäftigt haben. Als die Jesuiten Mitte des 16. Jahrhunderts ins Land kamen, kam es zu schnellen Erfolgen und Tausende Japaner wurden katholisch. Nach wenigen Jahrzehnten des Wachstums aber begann eine riesige und grausame Verfolgungswelle.
So wurden 1597 die 26 Märtyrer von Nagasaki, nach einem Gewaltmarsch von Kyoto kommend, als Exempel gekreuzigt. In der Folgezeit wurde das Christentum als staatsgefährdend ganz verboten. Jährlich mussten die Menschen - gerade in den sehr christlichen Gebieten im Süden Japans - vor einem Tribunal dem Christentum abschwören und dazu christliche Symbole schänden. Wieder und wieder wurde es von ihnen verlangt.
Herausforderung der Nachfolge
Hatte das Christentum den Japanern das Glück gebracht oder nicht vielmehr Leid, Tod und Trauer? Im berühmten Roman „Schweigen“ von Shusako Endo ist genau das die bedrängende Frage, die den Jesuitenmissionar Rodrigues letztlich zermürbt: Im Angesicht des Leidens, gerade der Menschen, die den Glauben angenommen hatten, gibt er sich der Hoffnungslosigkeit seiner eigenen Mission hin. Das Ende der christlichen Mission in Japan war damit besiegelt.
Trotz allen Leids und der Verfolgung überlebte das Christentum in vielen Dörfern und Familien über 200 Jahre, bis sich Japan Mitte des 19. Jahrhunderts wieder für ausländische Missionare öffnete.
Die Gläubigen hielten am Christentum nicht fest, weil es ein oberflächliches Glück garantierte. Vielmehr hatten sie die Wahrheit und die Hoffnung auf Erlösung und das ewige Leben erfasst. Dafür lohnte es sich, auch irdisches Leid zu ertragen. Die verborgenen Christen Japans senden eine unfassbar starke Hoffnungsbotschaft, die von einem größeren Glück kündet, als es die Welt geben kann.
Das wahre Glück
Wenn es etwas Beruhigendes und Tröstliches im Christentum gibt, dann nicht die Verheißung auf ein Leben ohne Leid, ohne Sorgen und Nöte. Sondern die Perspektive, dass all das Leid nicht vergebens ist: dass jemand dieses Leid sieht und anerkennt und schließlich Erlösung und Heil - sozusagen unendliches und wahres Glück - schenkt.