hr2 ZUSPRUCH
hr2
Kohl, Rüdiger

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Theologischer Referent der Stellvertretenden Kirchenpräsidentin der EKHN

00:00
00:00

Akkordeon. Atem des Lebens

In diesem Jahr ist das Akkordeon zum Instrument des Jahres gewählt worden. Und ich finde, zu Recht. Ein Jahr lang es wird es an vielen Orten Konzerte und Aktionen rund um das Akkordeon geben.

Instrument des Jahres 2026: Das Akkordeon begeistert

Dieses Instrument, das manchmal etwas abschätzig „Schifferklavier“ oder „Quetschkommode“ genannt wird, ist in Wahrheit erstaunlich vielseitig. Es kann viele Zwischentöne: zwischen laut und leise, fröhlich und melancholisch. Und: Was wären ein Walzer aus Paris oder Volksmusik ohne das Akkordeon? 

Vom Wiener Erfinder zum weltweiten Klangsymbol

Entwickelt wurde es 1829 in Wien vom Instrumentenbauer Cyrill Demian. Ein Akkordeon sieht ein wenig aus wie ein Klavier zum Umhängen – und funktioniert doch ganz anders: mit Luft. Beim Ziehen und Drücken des Balges strömt sie durch kleine Metallplättchen und bringt die Töne hervor. Die rechte Hand spielt die Melodie, die linke die Begleitung. 

Wenn das Akkordeon den Gottesdienst verwandelt

Eine Kollegin von mir beherrscht das richtig gut. Ab und zu bringt sie ihr Akkordeon mit und begleitet einen Gottesdienst oder eine Andacht. Und plötzlich klingen die vertrauten Lieder anders. Wärmer. Erdiger. Lebendiger. Als würde jemand dem Raum Atem geben.

Kindheitserinnerung: Mein erster Auftritt mit dem Akkordeon

Ich habe als Kind selbst Akkordeon gespielt. Nur für kurze Zeit, leider. Aber ich erinnere mich gut an meinen größten Auftritt: Ich war vielleicht acht Jahre alt, saß allein auf einem Stuhl auf der Bühne in einer Aula, die voller Menschen war– und habe gespielt. Zwei einfache Lieder. Ein kleiner Moment, aber einer, der geblieben ist. 

Das Akkordeon – ein atmendes Instrument mit Seele

Schon damals fand ich faszinierend: Das Akkordeon ist ein atmendes Instrument. Und es ist ziemlich schwer. Man hält es auf dem Schoß, fast wie ein Gegenüber – und beim Spielen entsteht eine eigentümliche Nähe. Ziehen und Drücken, Einatmen und Ausatmen. Man erlebt unmittelbar mit, wie die Töne entstehen. Fast so, als würde man selbst zum Klang werden. Manche, die Akkordeon spielen, sagen: „Wir sind der Ton, wir sind eins.“ Und tatsächlich: In diesem Moment wird das Instrument sogar ganz leicht.

Atem, Klang und Glaube: Wo Musik den Himmel berührt

Dieses atmende Instrument erinnert mich an ein Bild aus der Bibel: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“. Odem, das ist ein altes Wort für Atem. Im Akkordeon wird dieser Atem hörbar. In den Zwischentönen unseres Lebens. Es macht hörbar, was uns trägt. Dass Leben Bewegung ist. Manchmal ein Ziehen und Drücken. Darin liegt eine besondere Kraft: dass wir beim Spielen – oder auch nur beim Hören – etwas von der Nähe Gottes spüren. Und das Leben wird leichter.

Eine Erinnerung, die weiterklingt – vielleicht ein Neubeginn?

Dafür steht für mich das alte Akkordeon meines Vaters, auf dem ich damals als Kind gespielt habe. Ich habe es bis heute. Es ist mit mir umgezogen, immer wieder. Eine Erinnerung – an den schönen Moment damals auf der Bühne; an meinen Vater, der lange verstorben ist. Und vielleicht auch eine leise Aufforderung: Fang doch noch mal an. Fühle den Atem des Lebens ganz nah.