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Viertel, Dr. Matthias

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Kassel

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Die Lücke zwischen den Jahren

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind etwas Besonderes. Nicht nur, weil viele Menschen sich in dieser Zeit freie Tage nehmen. Die letzten Tage und Nächte im Dezember fühlen sich anders an. 

Zwischen Weihnachten und Neujahr – eine besondere Zeit

Ich war verblüfft, als ich erfuhr, dass dieses Gefühl der Ausnahmezeit seit der Antike besteht und auf ein mathematisches Problem zurückgeht. Was haben Gefühle und Atmosphären schon mit Mathematik zu tun? Das hat folgenden Grund:

Vom Mond zur Sonne – Julius Caesars Reform der Zeit

In den Hochkulturen der Antike wurde die Zeit anhand der Phasen des Mondes gemessen. Erst der römische Staatsmann Julius Caesar kam auf die Idee, sich die Zeit nicht vom Mond, sondern von der Sonne vorgeben zu lassen. Er wollte einerseits die Zeit etwas genauer bemessen, andererseits sich aber auch an den damals verbreiteten ägyptischen Kalender anpassen.

Mondkalender und Sonnenkalender – zwei Maßstäbe der Zeit

Das ist schon lange Geschichte. Aber die unterschiedlichen Zählweisen nach dem Mond oder der Sonne spielt trotzdem noch immer eine Rolle. Vor allem in den Religionen ist der Mondkalender bis heute maßgeblich. So errechnen die Christen beispielsweise den Ostertermin nach dem Mondkalender. 

Elf Tage Unterschied – der Ursprung des „Zwischen der Jahre“-Gefühls

Das Problem: Der Mondkalender und der Sonnenkalender weichen voneinander ab. Und zwar genau um elf Tage. Und das beflügelte damals die Fantasie der Menschen. Diese elf Tage am Ende des Jahres fallen aus der Zeit heraus, urteilten die einen, sie gehören weder zum Alten noch zum Neuen Jahr. Andere befürchteten, dass in diesen Tagen eine Lücke zwischen den Jahren entstehen könnte; eine Art Loch, durch das sich Geister und Dämonen in die Welt einschleichen. 

Rituale gegen Geister und Dämonen – alte Bräuche leben weiter

Nur durch spezielle Rituale sollten diese unliebsamen Gäste gebannt werden. Deshalb wurde und wird viel geknallt, Feuerwerk abgebrannt, dämonische Masken in Umzügen durch den Ort geführt und vieles mehr. 

Warum wir Rituale heute noch brauchen

Bis heute halten viele an diesem Brauchtum wie Feuerwerk und Knallfröschen fest. Und das, obwohl die Angst vor Dämonen und einer Lücke zwischen den Jahren den Menschen nicht mehr in den Sinn kommt. 

Halt im Wiederkehrenden

Trotzdem brauchen wir solche Rituale immer noch. Wir brauchen sie, weil das Vertraute den Weg in die ungewisse Zukunft erleichtert. Je unberechenbarer die Zukunft erscheint, umso mehr geben die Rituale halt, gerade weil sie immer gleich sind, und das Bewährte bewahren.

Jahreswechsel mit Klang und Gebet

In vielen Gemeinden wird deshalb das alte Jahr mit solchen Ritualen verabschiedet: Mit Pauken und Trompeten - etwas voluminös darf es getrost sein, damit sich nicht doch noch Dämonen ins Gemüt einschleichen. Aber dabei doch verbunden mit einer inneren Ruhe oder sogar mit einem stillen Gebet zum Jahresende.