hr2 ZUSPRUCH
hr2
Becker, Michael

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Kassel

00:00
00:00

Die Haare des kleinen Emil

Gesprochen von Claudia Rudolff

Heute ist der große Tag. Emil, neun Jahre alt, hat kaum geschlafen. Heute dreht sich alles um ihn. Er ist am Ziel. Das Ziel heißt Frisör. Emil werden die langen Haare abgeschnitten. Die Haare sind drei Jahre lang gewachsen, rotblond und lockig. Heute werden sie abgeschnitten. Emil fürchtet sich davor, obwohl er alles ja so gewollt hat. Manchmal haben andere ihn gehänselt und gesagt, er sehe aus wie ein Mädchen.

Was bewegt einen Jungen, sich drei Jahre lang die Haare wachsen zu lassen?

Das hat Emil tapfer ertragen. Jetzt fürchtet er sich, wie er wohl aussehen wird mit dann wieder kurzen Haaren. Alles ist verworren in ihm. Aufregend, ängstlich, stolz. Begonnen hat es vor drei Jahren. Emil war im ersten Schuljahr. Er ging gerne in die Schule. Und hörte von einem Mädchen in der zweiten Klasse. Die hatte Krebs. Emil musste fragen, was das ist. Emil hörte, dass dem Mädchen die Haare ausfallen werden wegen der Medikamente.

Aus Mitgefühl entsteht ein großer Plan

Später sah er das Mädchen. Mit einem Kopftuch. Schlimm, dachte Emil nur. Und hörte von den Eltern, dass das Mädchen auch eine Perücke hat. Schön ist die nicht, sagten die Eltern. Gute Perücken sind aus echtem Haar, sagten die Eltern. Emil hörte das. Und machte seinen Plan. Er ließ seine Haare wachsen. Drei Jahre lang.

Emil will seine Haare spenden für Echthaarperücken

Emil will seine Haare spenden. Für Echthaarperücken. Heute geht es zum Frisör. Die Zeitung ist auch schon da. Und die Eltern, Emils Geschwister und zwei Freunde. Erst werden seine Haare geflochten. Emil bekommt zwei Zöpfe. Dann kommt die Schere. Zwei kräftige Schnitte, weg sind die Haare. Sie liegen auf einem Tisch. Emil schaut nur kurz hin.

Emil muss sich erst noch an sein neues Ich gewöhnen

Dann holt der Frisör einen Kamm, die kleine Schere und macht Emil eine neue Frisur. Emil erkennt sich kaum wieder im Spiegel. Alle klatschen. Als wären sie erleichtert, dass es vorbei ist. Emil schaut dauernd in den Spiegel. Er muss sich noch gewöhnen an den neuen Emil. Dann schneidet er ein paar Grimassen. Alle müssen lachen. Und sind stolz auf den Jungen. Neun Jahre alt. Und schon ein Herz, das mitfühlt. Mit der Last von anderen. Die er gar nicht kennt. Nur ihren Schmerz. Den er nun etwas kleiner gemacht hat.