hr2 MORGENFEIER
hr2
Gerber, Dr. Michael

Eine Sendung von
Dr. Michael Gerber,
Bischof von Fulda

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Eine religiöse Feier im Freien mit einer Gruppe von Menschen in liturgischer Kleidung, die vor einem mit Blumen und Pflanzen geschmückten Bodenbild knien. Im Hintergrund sind weitere Teilnehmer und Bäume zu sehen. Die Atmosphäre ist feierlich und gemeinschaftlich.

Wie Glaube Gemeinschaft schafft und warum unsere „Lücken“ uns stärker machen

Das Fest Fronleichnam, das Katholiken heute feiern, verbinde ich mit einer wertvollen Erfahrung aus meiner Kindheit. Bereits gegen 3:00 Uhr, in aller Herrgottsfrühe, hat damals der Wecker geklingelt. Minuten später saß ich auf dem Fahrrad. Noch war es ganz still auf den Straßen meiner Heimatstadt. Nur das unregelmäßige Surren des Dynamos am vorderen Reifen meines Gefährts begleitete mich, als ich mich auf den Weg zum Kirchplatz machte.

Blumenteppiche an Fronleichnam: Tradition mit tiefer Symbolik

Dort angekommen, herrschte trotz der frühen Stunde ein emsiges Treiben. Große Scheinwerfer erhellten den Platz. In ihrem Licht entstand auf dem Pflaster ein Kunstwerk. Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder knieten auf dem Boden. Neben sich hatten sie jeweils mehrere Körbchen mit unterschiedlichen Blütenblättern. Bei ihrer Arbeit orientierten sie sich an einem biblischen Motiv, das meine Grundschullehrerin zu Papier gebracht hatte. Die Vorlage war – damals noch mit Hilfe eines Overheadprojektors – auf ein Längenmaß von vier mal vier Metern übertragen worden und bildete nun die Grundlage für die morgendliche Arbeit. Nach und nach füllten sich die einzelnen Farbfelder mit den verschiedenfarbigen Blütenblättern. Bald beherrschte der Duft der Blumen mehr und mehr die noch recht frische Morgenluft.

Kindheitserinnerung an Fronleichnam: Blüten, Gemeinschaft und Glaube

Schon in den Tagen vor dem großen Fronleichnamstag hatten wir in den Gärten unserer Stadt um Blütenspenden gebeten. Ganz fleißig waren am Vortag viele Frauen damit beschäftigt, die einzelnen Blütenblätter abzuzupfen und sorgfältig in Körbchen zu lagern. Was sich so alljährlich Ende Mai oder Anfang Juni auf dem Kirchplatz meiner Heimatstadt bis heute wiederholt – und wie ich es auch hier in Fulda erlebe –, ist für mich ein wichtiges Bild dafür, was unsere Gesellschaft so dringend braucht. Doch davon gleich mehr …

Musik: Mendelssohn-Bartholdy – Felix: Lauda Sion, 1 Vers. 

„Preise, Zion, deinen Erlöser“ – was wir mit der Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy heute Morgen hören, das ist der tragende Grund für die Feier des Fronleichnamsfestes – an unzähligen Orten weltweit oder eben in meiner Heimatstadt. Jung und Alt sind gemeinsam dabei, ein großes Motiv auf dem Platz vor der Kirche zu legen. Für mich ist das ein Bild dessen, was ich zeitgleich in jenen Jahren als Heranwachsender in der kirchlichen Jugendarbeit erlebt habe und was ich als Bischof auch heute noch bei Jugendlichen und in Erwachsenengruppen beobachte: Da gibt es ein gemeinsames Projekt, etwa eine Ferienfreizeit für Kinder und Jugendliche im Sommer. In der Vorbereitung wird deutlich: Es geht hier um weit mehr als nur darum, irgendein Programm auf die Beine zu stellen. Es geht darum, Kindern und Jugendlichen Erfahrungen zu ermöglichen, die sie fürs Leben stärken. Es geht um die Erfahrung von Gemeinschaft untereinander und um die Erfahrung, dass Gott auf den Wegen ihres Lebens gegenwärtig ist.

Gemeinschaft erleben: Wie Glaube Menschen verbindet und stärkt

Genau davon erzählt uns das Fronleichnamsfest. Die katholischen Gemeinden ziehen durch die Straßen ihres Wohnortes mit der Monstranz, mit jenem großen, kunstvollen Gefäß, in dessen Mitte sich eine einfache Brothostie befindet. Das will ausdrücken: Es ist Jesus selbst, der mit uns auf dem Weg ist. Und diese Erfahrung weckt Kräfte. Sie regt Menschen an, ihre eigenen Gaben und Begabungen für eine große Vision einzubringen. Die Fülle der Blütenblätter, die vor dem Festtag aus den Gärten zusammengetragen werden, sind für mich ein Bild dafür, was geschehen kann, wenn Menschen das, was sie an wertvollen Gaben und Begabungen haben, zusammentragen. Davon erzählt Fronleichnam: Der, den wir in der Gestalt des Brotes durch unsere Straßen tragen, der will das Wertvolle, das wir in uns tragen, ans Tageslicht bringen. 

Musik: Mendelssohn Bartholdy - Felix: Lauda Sion, 2. Vers 

Wie für einen Tag die Plätze meiner Heimatstadt durch das Blütenmeer in ein anderes Licht getaucht und von einem wunderbaren Duft erfüllt sind, so soll unser Engagement das Jahr über die Orte prägen, an denen Menschen heute leben. Dabei stoßen wir freilich zuweilen deutlich an unsere Grenzen. Doch auch davon erzählt uns das Fronleichnamsfest.

Wenn Blüten fehlen: Was „Lücken“ im Leben bedeuten

Denn wenn wir in meiner Kindheit am frühen Morgen des Fronleichnamsfestes den großen Blumenteppich auf dem großen Platz vor der Stadtkirche legten, begleitete uns auch die bange Frage: Reichen die Blütenblätter, die wir zuvor gesammelt haben? Oder bleibt am Ende eine Lücke? – Die Lücke im Bild, das wäre für uns mit unserem Ehrgeiz peinlich gewesen. Heute denke ich mir, dass sie auf etwas Wesentliches aufmerksam machen würde. Denn in jedem persönlichen Leben gibt es Lücken, Stellen, in denen meine eigene Ergänzungsbedürftigkeit sichtbar wird. Das gehört ganz grundlegend zu unserem Menschsein. Eine entscheidende Frage ist: Wie gehe ich mit meinen Lückenerfahrungen um? Was geschieht, wenn ich meine persönliche Lücke spüre oder gar auf sie aufmerksam gemacht werde?

Krankheit, Leid und Hoffnung: Fronleichnam am Krankenhaus

Die Route der Prozession, die wenige Stunden später bei mir zu Hause nach der Messfeier durch die Straßen zog, war so gewählt, dass sie auf eine existenzielle Erfahrung mit einer Lücke aufmerksam machte. Denn die Prozession blieb sehr bewusst auf dem Parkplatz vor dem örtlichen Krankenhaus stehen, mit einem Stopp wie ein großer Fingerzeig. Mit den Texten, die hier verlesen wurden, und den Gebeten schauten wir auf Erfahrungen, die Menschen im nahen Krankenhaus machen mussten und machen müssen: Krankheit und Leid, Tod und Verlust eines Menschen, aber auch Heilung mit bleibenden existentiellen Erfahrungen. Lückenerfahrungen im ganz persönlichen Leben. Es war immer sehr beeindruckend zu erleben, dass einige der Patient*innen und Angehörige mitten unter uns waren: Denn sie standen an den Fenstern ihrer Zimmer, schauten zu uns, beteten mit und wir spürten eine besondere Verbundenheit. 

Musik: Mendelssohn Bartholdy - Felix: Wirf dein Anliegen auf den Herrn (aus dem Oratorium Elias)

Fronleichnam: Es geht auch um die Lücke, im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Denn die biblischen Motive, die in jener Nacht auf dem Platz entstanden, erzählten sehr oft von solchen Erfahrungen der Lücke, wie sie die Frauen und Männer damals in der Nachfolge Jesus erlebten. Da lesen wir am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu von einer Hochzeit, bei der vorzeitig der Wein ausging. Und am Ende seines irdischen Lebens mussten die Jünger schmerzhaft jene Lücke erleiden, die sich mit dem Abgrund des Karfreitags auftat. Jesus, ihr Lehrer und Meister, wurde grausam hingerichtet. Sie selbst verloren jede Perspektive für ihr Leben.

Eucharistie verstehen: Jesus im Brot – Bedeutung für Fronleichnam

Das Fest Fronleichnam setzt genau bei diesem zentralen Datum des christlichen Glaubens an. Die liturgischen Texte des Festtages führen uns in den Abendmahlssaal, also zu jenem Mahl Jesu mit seinen Jüngern, das am Beginn der Passion steht. Jesus wusste, dass wir Menschen ein Zeichen der Stärkung brauchen, um mit den Lücken unseres Lebens zurechtzukommen. Er hat uns nicht irgendetwas hinterlassen, sondern sich selbst, gegenwärtig im Brot des Lebens: „Seht, das ist mein Leib.“ – „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Musik: Johann Sebastian Bach - Matthäuspassion, Ausschnitt aus Nr. 11, T 16 bis Ende 

Monstranz und Hostie: Die symbolische Mitte des Fronleichnamsfestes

Auf ganz besondere Weise erzählt auch die Monstranz, die bei der Prozession durch die Straßen getragen wird, von dieser Lücke. Es ist ein prächtiges Gefäß – in der Mitte eine Leerstelle, die durch ein einfaches Stück Brot gefüllt wird. Aber nur äußerlich ist es ein einfaches Stück Brot: Uns verbindet die Überzeugung, dass Jesus selbst in diesem Brot jetzt mitten unter uns ist.

Prozession an Fronleichnam: Warum Gott mit durch die Straßen geht

Wenn ich heute Morgen als Bischof wieder inmitten einer großen Gemeinde durch die Straßen von Fulda ziehe, dann begleitet mich dabei ein besonderes Gebet. Den ganzen Weg über blicke ich auf das Brot in der Monstranz, die ich in meinen Händen halte. Doch das Brot füllt die Lücke in der Mitte des Gefäßes nicht ganz aus; die Glasfassung ist etwas größer als das Brot, größer als die Hostie, die darin festgehalten wird. So ergibt sich für mich eine einzigartige Perspektive: Ich sehe nicht nur das heilige Brot unmittelbar vor mir, sondern rechts und links davon durch das Glas hindurch auch einige der Menschen auf dem Weg vor mir. Mich regt dieses wunderbare Bild der Einheit zwischen Jesus in der Gestalt des Brotes und den Menschen auf dem Weg zum Gebet an:

Herr,
der du in der Gestalt des Brotes mit uns unterwegs bist,
schau auf die Menschen
links und rechts auf den Straßen unseres Lebens.
Wecke in uns das Wertvolle,
das du selbst in uns hineingelegt hast.
Zeige dich als der,
der inmitten der Lücken und Wunden unserer Zeit
uns das neue Leben schenkt.
Amen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Fronleichnamstag. 

Musik: Georg Philipp Telemann - Arie und Chor aus der Kantate „Aller Augen warten auf dich“, TWV 1:66 – 3:24 Min. 

Musikauswahl: Thomas Wiegelmann, Bad Orb