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Flicker, Steffen

Eine Sendung von
Steffen Flicker,
Schulleiter der katholischen Schule Marianum Fulda und Vorsitzender des Katholikenrates im Bistum Fulda

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Eine Gruppe von Menschen in festlicher Kleidung marschiert in einer Prozession. Sie tragen eine große, reich verzierte Pagode und halten Kerzen. Im Vordergrund sind Kinder und Erwachsene zu sehen, die den Weg säumen, während sie an einem sonnigen Tag durch eine Straße ziehen.

Sichtbarer Glauben: Warum Fronleichnam bis heute bewegt

Einmal im Jahr war es soweit: Mein Opa und ich gingen auf den Dachboden seines Hauses. Gemeinsam hievten wir einen meterlangen Balken aus dem Dachbodenfenster. Daran befestigten wir eine riesengroße gelb-weiße Fahne, mit der wir dann seine Hauswand schmückten. Außerdem schnitten wir in seinem Waldstück Birkenäste ab, steckten sie in entsprechende Ziegelsteine und stellten diese auf den Bürgersteig vor seinem Haus. Meine Oma holte währenddessen Heiligenfiguren, Kreuze und Kerzenständer und stellte diese in die Fenster. Insgesamt also ein großer Aufwand für einen besonderen Festtag.

Tradition und Kindheitserinnerung

Wenn das alles geschah, dann wussten wir Enkelkinder: Morgen ist Fronleichnam. Besonders diese Kindheitserinnerungen verbinde ich mit dem Fest, das wir heute feiern. Vielerorts finden gleich Prozessionen in den Straßen der Dörfer und Städte statt. Damals führte die Fronleichnamsprozession in unserem Ort genau am Haus meiner Großeltern vorbei. Der aufwendige Schmuck und die Liebe zum Detail waren für meine Großeltern somit ein sichtbares und sehr wichtiges Zeichen gelebter Tradition.

Blumenteppiche, Fahnen und gelebte Tradition

Ich kann mich noch gut erinnern, wie alles drumherum auch schön hergerichtet wurde. Der Rasen wurde gemäht, Unkraut gejätet, die Bürgersteige gefegt und alles festlich geschmückt. Ein Ritual in der ganzen Nachbarschaft. Und im Nachhinein betrachtet waren diese alljährlichen Vorbereitungen Kult, nicht nur in unserer Familie.

Gelb-weiße Flaggen, Birkenäste und Heiligenfiguren werden sicher auch heute in einigen Dörfern und Städten zu sehen sein. Und nicht zu vergessen: die wunderschönen Blumenteppiche. Aus bunten Knospen und Blüten legen schon früh am Morgen fleißige Helferinnen und Helfer an vielen Orten diese vielen kleinen Kunstwerke zu Fronleichnam. In einer Prozession wird an vier Altären Station gemacht, aus dem Evangelium vorgelesen und es werden Fürbitten vorgetragen. Und vor diesen Altären liegen für alle sichtbar die bunten, liebevoll gestalteten Blumenteppiche.

Musik

Die Bedeutung der Eucharistie an Fronleichnam

Aber was wird an diesem Tag eigentlich gefeiert? Fronleichnam ist das Fest, das die Gegenwart von Jesus Christus in der Eucharistie hervorhebt. Die Kirche erinnert mit diesem Fest an das Geschehen beim letzten Abendmahl, das Jesus vor seinem Tod am Kreuz mit seinen Freunden begangen hat. Jesus bricht das Brot und verteilt es an seine Jünger. Dazu sagt er: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird."

Als Christen denken wir heute an Fronleichnam an diese Situation. Im gebrochenen Brot will Jesus uns nahe sein. In einer Monstranz wird heute dieses Brot in Form einer Hostie durch die Straßen getragen. Wir sind als Christen gewissermaßen unterwegs mit Jesus.

Ursprung und Geschichte

Aber woher kommt eigentlich dieser Begriff "Fronleichnam"? Das Wort geht sprachgeschichtlich zurück auf die mittelhochdeutsche Bezeichnung "vrone licham", was soviel bedeutet wie "des Herren Leib". Genau deswegen wird der Leib Christi heute in festlichen Prozessionen durch die Straßen getragen. Im Jahre 1246 wurde dieses Fest von Papst Urban IV. eingeführt. Und so begehen wir bis heute diesen Feiertag 60 Tage nach Ostern. Wir sind als Christen heute gemeinsam unterwegs - wie bei einer Demonstration mit einem Ziel.

Als ich letzte Woche wieder einmal auf der Autobahn unterwegs war, fuhr ich längere Zeit hinter einem LKW her. Dieser hatte auf seiner Plane eine einprägsame Aufschrift stehen. Dort stand in weißer Schrift auf blauem Hintergrund: "Wer sein Ziel kennt, findet auch den Weg."

Wer sein Ziel kennt: Glaube und Orientierung im Leben

Ja, das stimmt: Und dieser Satz passt nicht nur auf die Autobahn - er passt auch in mein Leben und er passt zu Fronleichnam. Denn die Frage ist ja: Weiß ich eigentlich, wohin ich unterwegs bin? "Wer sein Ziel kennt, findet auch den Weg." Alles andere wäre orientierungsloses Suchen oder planloses Vorgehen. Wie schwierig kann es sein, wenn ich auf Wegen unterwegs bin, ohne zu wissen, wohin diese führen. Das ist wie das berühmte Tappen im Dunkeln.

Musik

Auf mein Leben bezogen ist es so ähnlich. Ich frage mich: Ist mir eigentlich immer bewusst, welches Ziel ich im Leben habe? Wenn ich diese Frage 100 unterschiedlichen Personen stellen würde, ich bekäme vielleicht 100 unterschiedliche Antworten. Sich selbst diese Frage zu stellen, das ist für mich ganz entscheidend und im besten Sinne des Wortes wegweisend, denn die Frage als solche bringt etwas in Bewegung. So wie es einst der deutsche Dichter Rainer Maria Rilke so treffend auf den Punkt gebracht hat, wenn er sagt: "Wenn man die Fragen lebt, lebt man allmählich, ohne zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hinein."

Die Frage nach unserem Lebensziel

Auch wenn ich nicht immer exakt eine Antwort geben kann, welches Ziel ich im Leben habe, so kann mich allein diese Frage und die Auseinandersetzung damit in die Antwort hineinführen. Wenn ich glaube, dann liegt darin mein Ziel: in Gott. Dass ich in meinem Leben versuche, Gott nahe zu sein. Das ist für mich nicht abstrakt, sondern ganz konkret: In jeder Begegnung mit einem Menschen kann ich Gott erfahren. In meinem Gegenüber kann ich Gott erkennen. Diese Grundhaltung leitet mich dazu an, jeder Person in Würde und Respekt zu begegnen.

Menschenwürde und christliches Menschenbild

Aus diesem christlichen Menschenbild ist auch der erste Artikel unseres Grundgesetzes entstanden: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Ob ich nun an Gott glaube und mich zu ihm bekenne oder nicht: Dieser Anspruch unserer Verfassung gilt für alle - ganz allgemein. Es heißt ja bezeichnenderweise nicht "Die Würde aller deutschen Bürger ist unantastbar", sondern die Würde des Menschen. Und zwar ganz am Anfang aller anderen Artikel unseres Grundgesetzes - gewissermaßen als eine Art Überschrift.

Fronleichnam heute: Gemeinschaft und gelebter Glaube

Wenn also auch heute an Fronleichnam wieder viele Straßen in besonderer Weise geschmückt sind - mit Birkenästen, mit gehissten Fahnen in gelb-weiß und mit den wunderschönen Blumenteppichen -, dann können wir uns damit wieder ins Bewusstsein bringen, dass wir nicht alleine auf dieser Welt sind. Fronleichnam trägt diese Überzeugung gewissermaßen auf die Straße. In der Prozession wird sichtbar: Wir sind gemeinsam unterwegs. Jeder Mensch zählt. Jeder Mensch hat seinen Platz. Wir sind aufeinander angewiesen - jeder in seiner unantastbaren Würde, mit einem ganz eigenen Lebensziel.

Das letzte Abendmahl

Für mich als Christ ist es zudem die Erinnerung an das letzte Abendmahl, als Jesus mit seinen Freunden das Brot geteilt hat. Er ist für mich "der Weg, die Wahrheit und das Leben", wie es in der Bibel heißt. Und weil Jesus für mich der Weg ist, kenne ich auch mein Ziel. 

Und natürlich ist Fronleichnam auch die Erinnerung an meine Großeltern, an den Dachboden, das Schmücken ihres Hauses, an das gemeinsame Vorbereiten für dieses Fest.