hr2 MORGENFEIER
hr2
Rudolff, Claudia

Eine Sendung von
Claudia Rudolff,
Rundfunkpfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel

00:00
00:00
Vater und Sohn..

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Mit diesen Worten wird oft Menschen Mut gemacht, die sich nach Veränderung sehnen. Ich habe sie mir auch selbst zugesprochen, als ich mich beruflich verändern wollte und auf eine neue Stelle beworben habe. 

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“. Aber gilt das in allen Lebenssituationen? Jesus erzählt von einem, der einen Aufbruch wagt. Und diese Erzählung geht frei nach der biblischen Geschichte so:

Ein Vater hatte zwei Söhne und lebte mit ihnen auf einem großen Hof. Der Jüngere der beiden Brüder ist damit nicht zufrieden und denkt: „Mir reichts, ich muss hier weg“. 

Aufbrechen oder bleiben?

Und ich stelle mir vor: Er will mehr von der Welt sehen als den Hof seines Vaters und das kleine Dorf drumherum. Auch endlich andere Menschen kennenlernen. Nicht nur seine Familie und die paar Angestellten.

Aber abhauen ist nicht so einfach. Ihm fehlt schlichtweg das Geld. Lange überlegt der jüngere Sohn, was er tun soll. Seine Träume aufgeben? Auf dem Hof bleiben? Oder auch ohne Geld aufbrechen? Hauptsache frei. 

Aber ganz so wagemutig ist er nicht. Nach einigen schlaflosen Nächten beschließt er: Ich frage meinen Vater. Er muss mir helfen. 

Wie viel Mut braucht es, um eine ungewöhnliche Bitte auszusprechen?

Ich fordere meinen Pflichtteil -– keine Almosen, sondern etwas, das mir zusteht. Ist doch egal, ob ich mein Erbteil jetzt bekomme oder später? 

Sicher wartet er auf die passende Gelegenheit für ein Gespräch. Und vielleicht war es bei dieser Gelegenheit so weit: Die Mutter nicht da, der ältere Bruder auf dem Feld, nur der Vater war zu hause. 

Musik: Gånglåt från Leksand. Moderato  

Ich stelle mir vor, dass er vielleicht dies zu dem Vater gesagt hat: „Vater, ich muss mit Dir reden. Ich will hier weg. Ich bin jung, will was erleben. Gib mir das Erbteil, das mir zusteht“. 

Als ich die Geschichte als Jugendliche das erste Mal hörte, habe ich mit solchen Reaktionen gerechnet: „Kommt nicht in Frage, wenn du unbedingt wegwillst, dann finanziere es selbst. 

Eigenverantwortung oder Anspruchsdenken?

So kannte ich es damals aus eigenen Erfahrungen. Wenn ich eine teure Sprachreise machen wollte, musste ich in den Ferien arbeiten. So wie andere Freunde von mir auch, die gern schon gleich mit 18 ein Auto haben wollten. Wir konnten nicht unser Erbteil einklagen. Wir wurden darauf hingewiesen: Für besondere Wünsche muss man selbst einstehen. 

Anstatt sich also selbst seinen Aufbruch zu finanzieren, fordert der jüngere Sohn: „Vater, gib mir mein Erbteil“. Jesus erzählt nicht, was der Vater antwortet. Er erzählt auch nicht, ob der Vater traurig war, dass der jüngere Sohn wegwollte. 

Warum reagiert der Vater so anders als erwartet?

In dem Gleichnis aus dem Lukasevangelium steht nur: „Und der Vater teilte Hab und Gut unter sie“. (Lukas 15, 12) Der Vater nimmt die Forderung zum Anlass gleich das ganze Erbe aufzuteilen. Nach jüdischem Recht steht dem jüngeren Bruder ein Drittel des Besitzes des Vaters zu. Dem älteren also doppelt so viel. Vielleicht kommt manchem diese Aufteilung seltsam vor. In vielen Familien wird ja genau darauf geachtet, dass jedes Kind den gleichen Anteil am Erbe bekommt. Damals aber war eine solche Aufteilung ein normaler jüdischer Rechtsvorgang. 

Was den Vater bewogen hat, so zu reagieren steht nicht da. Jedenfalls hat er beiden ihr Erbteil gegeben – dem Jüngeren zumindest in bar. 

Hat sich das Wagnis des Aufbruchs gelohnt?

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“. Hier hat sich das Sprichwort bewahrheitet. Er hat gewagt, den Vater zu bitten. Nun hat der jüngere Sohn genug Geld, um aufzubrechen.

Was er da erlebt hat, wie es ihm erging, erzählt Jesus nur in einem Satz: „Der Sohn zog in ein anderes Land und verprasste sein Erbe“. Also wie gewonnen so zerronnen? War sein Aufbruch doch ein Fehler?

Ich hätte diesen Sohn gewünscht, dass es gut geht. Nicht, dass andere Recht behalten, die immer sagen: „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach“. Oder: „Du Narr, wie kannst du nur den gutgehenden Hof deines Vaters verlassen. 

Ist Scheitern das Ende der Geschichte?

All denen, die immer nur auf Nummer sicher gehen, hätte ich gegönnt: Diesmal irrt ihr – der Aufbruch hat sich gelohnt. 

Erst wäre dieser Sohn vielleicht gereist, dann hätte er eine neue Arbeit gefunden. Oder er hätte das Geld seines Vaters irgendwo gewinnbringend anlegt. 

Warum der jüngere Sohn schnell finanziell am Ende war, erzählt Jesus nicht. Ich kann nur spekulieren: Vielleicht hat er sich mit falschen Freuden eingelassen, oder er ist von einer Party zur nächsten geeilt. Jedenfalls war das Geld schnell ausgegeben. Nun ist er pleite und es kommt auch noch eine große Hungersnot über das Land. Wer etwas wagt, der verliert? Ist das jetzt die Moral von der Geschichte?

Musik: Sonens gånglåt. Più allegro

Wer etwas wagt, der verliert. Dieser Schluss ist für mich zu voreilig gezogen. 

Was gewinnt ein Mensch, wenn er Verantwortung übernimmt?

Der jüngere Sohn legt ja nicht die Hände in den Schoß und bemitleidet sich. Er gibt nicht anderen die Schuld an seinem verschwenderischen Lebensstil. Er zeigt nicht mit dem Finger auf andere und sagt: Hätte ich diese falschen Freunde nicht getroffen, die nur mit mir Party machen wollten, dann hätte ich noch Geld.

Manchmal flüchten sich Menschen in dieses Klagen, anstatt klar zu sehen: Ich bin selbst verantwortlich für meine Situation. Und deshalb gewinnt dieser Sohn für mich etwas, nachdem er etwas riskiert hat. Er gewinnt innerliche Stärke. Es ist so leicht, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben für eigenes Scheitern. Aber dieser Sohn übernimmt  für sein Handeln Verantwortung. 

Kann ein Neubeginn mit ehrlicher Selbstkritik beginnen?

Deshalb macht er sich auf und sucht sich einen Job als Schweinehirt. 

Aber er trifft leider auf einen strengen Arbeitgeber, so erzählt Jesus weiter. Obwohl er Arbeit hat, leidet er Hunger. Am liebsten hätte er das Schweinefutter gegessen. Aber das ist absolut verboten. Da kennt sein Arbeitgeber kein Erbarmen. Und auch diesmal, jammert er nicht über diese schreckliche Situation, sondern sucht selbst nach einem Ausweg aus dieser Misere. 

Der Sohn denkt nach, erinnert sich: In meines Vaters Hause haben selbst die einfachsten Arbeiter zu essen. Bevor ich hier verhungere, gehe ich nach Hause. 

Wie viel Mut braucht ein ehrliches Schuldeingeständnis?

Und er überlegt, mit welchen Worten er seinem Vater gegenübertreten kann. Dabei ist er nicht berechnend und denkt: Mein Vater ist ein gutmütiger Trottel und wird mich als Sohn wieder aufnehmen. 

Nein, dieser Sohn bedenkt sein eigenes Verhalten und weiß: Mit der Auszahlung meines Erbes habe ich alle weiteren Ansprüche verwirkt. 

Obwohl seine Situation sich noch verschlechtert hat, steht er auch zu dem, was er getan hat. Jetzt auch gegenüber seinem Vater. Dazu braucht es für mich nochmal mehr innere Stärke, als nur gegenüber sich selbst einen Fehler einzugestehen. Der jüngere Sohn bringt diese Stärke auf und auch Mut. Mut gehört auch dazu, denn ich weiß ja gar nicht, wie der andere reagiert. Nimmt er das Eingeständnis positiv auf oder beschimpft er mich? 

Musik: Polketta. Tempo di polketta

Der Sohn beschließt nichts zu beschönigen, keine Ausreden zu gebrauchen. Auch nicht auf Mitleid zu setzen. Ein Verhalten, das für mich auf jeden Fall Achtung verdient. 

Er beschließt: Wenn er in seinem Elternhaus ankommt, will er seinem Vater gleich sagen: „Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Stelle mich als einen deiner Tagelöhner ein“. 

Wie reagiert echte Liebe auf menschliches Versagen?

Und so macht er es. Und wie reagiert der Vater? 

Der Vater reagiert so, wie ich es mir in einer ähnlichen Situation wünschen würde. Er stellt nicht selbstzufrieden fest: „Ich habe es doch gewusst, dein Ausflug in die weite Welt konnte nicht gut gehen“. 

Er macht auch keine Vorwürfe: „Was hast du dir nur dabei gedacht? 

Nein, Jesus erzählt: Bevor der Sohn überhaupt in die Nähe seines Elternhauses kommt, sieht der Vater seinen Sohn schon von weitem. 

Warum läuft der Vater seinem Sohn entgegen?

Statt ihn zu beobachten, läuft er ihm freudestrahlend entgegen. Zumindest für die damalige Zuhörerschaft ist diese Reaktion verstörend. Ein orientalischer Patriarch, ein würdiges Familienoberhaupt läuft dem abtrünnigen Sohn nicht entgegen. 

Bevor der jüngere Sohn überhaupt etwas sagen kann, handelt der Vater: Er nimmt ihn in die Arme, will seine Entschuldigung nicht hören. Er ist einfach nur froh: Der verlorene Sohn ist wieder heimgekehrt. Das ist was zählt!! Und der Vater sagt in Jesu Erzählung: „Mein Sohn war tot und ist nun wieder lebendig“. 

Was sieht der Vater im Herzen seines Sohnes?

Der Vater erwartet weder Erklärungen noch Reuebekundungen. Er bestraft den Sohn auch nicht. Der jüngere Sohn muss nicht die Konsequenzen seines Handels tragen, obwohl er dazu bereit gewesen wäre. Oder vielleicht gerade deshalb. Ich glaube: Der Vater hat gespürt: Mein Sohn ist nicht berechnend. Denn als sein Vater ihn umarmt und küsst, sagt er die Worte: „Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen“. Der Vater spürt: Er achtet und respektiert mich. Nimmt meine Liebe nicht als selbstverständlich. 

Musik: Steklåt. Allegretto

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“. Der Sohn hat gewagt, um Vergebung zu bitten. Natürlich war das Risiko da, dass der Vater ihm nicht vergibt. Aber er erlebt: Auch wenn ich mit meinem Vorhaben gescheitert bin, die Tür zu meinem Vater bleibt offen. Hätte der Sohn nicht die innere Stärke aufgebracht und den Mut gehabt, seinem Vater gegenüber zu seinem Scheitern zu stehen, hätte er nicht erlebt: Trotz meines Aufbruchs hat sich an der Liebe meines Vaters zu mir nichts geändert. Ich kann umkehren, heimkommen. 

Welche Chancen entstehen, wenn Menschen aufeinander zugehen?

Und der Vater erlebt: Wo ich riskiere, mal von meinen Befindlichkeiten abzusehen, nicht daran denke, wie traurig und enttäuscht ich über den Aufbruch war, da gibt es eine neue Chance für ein gutes Miteinander. Und auch da, wo ich die Standesregeln mal breche und jemanden mit offenen Armen begegne. 

Und mit dieser Freude nicht genug: Er gibt seinem jüngeren Sohn den Siegelring der Familie zurück, zieht ihm neue Schuhe an. Zur damaligen Zeit trugen Sklaven keine Schuhe. Ein Zeichen, ihn zukünftig nicht als Angestellten zu behandeln. Er schenkt ihm auch neue Kleider. 

Damit er mit seiner Freude über die Rückkehr des Sohnes nicht allein ist, lädt der Vater zu einem großen Fest ein. Schlachtet ein Kalb und die Party geht los. 

Kann sich auch der ältere Bruder mitfreuen?

Ob der ältere Sohn auch Lust hat, mitzufeiern?

Als der Bruder von der Arbeit auf dem Feld heimkommt, hört er schon den Trubel auf dem Hof und wundert sich.: „Was ist denn hier los?“ Er fragt den ersten Knecht, der ihm über den Weg läuft. Der Knecht antwortet: Dein jüngerer Bruder ist wieder da! Deshalb feiert euer Vater ein großes Fest. Aber anstatt sich zu freuen, wird er wütend. Wieso wird für ihn ein Fest gefeiert? Er wollte doch unbedingt hier weg. Zornig geht er weiter. 

Musik: Drottningens av Saba festmarsch. Allegro maestoso

Warum fällt Anerkennung manchmal so schwer?

Der Vater sieht seinen älteren Sohn heimkommen. Auch auf ihn geht er zu, bittet ihn mitzufeiern, seine Freude zu teilen. Aber dieser Sohn ist wütend, antwortet dem Vater nur mit Vorwürfen. Und die kann ich gut nachvollziehen: Ich bin nicht abgehauen, habe dir immer die Treue gehalten. Und was ist der Dank? Für mich hast Du noch nie ein Fest gegeben oder ein Mastkalb geschlachtet. Aber für deinen Sohn! Sarkastisch redet er nicht von meinem Bruder, sondern nur von „deinem Sohn“. So als ob er mit diesem nichts zu tun hätte. Irgendwie verstehe ich seine Enttäuschung: Ihm wurde niemals öffentlich gedankt, dass er täglich treu und brav seine Arbeit auf dem Hof macht. 

Manchmal fühle ich mich auch ungerecht behandelt, wenn ich meine Arbeit ständig gut erledige, aber jemand anders besonders gelobt wird für seine, obwohl er in meinen Augen nicht immer so zuverlässig ist.

Ist das nicht Anerkennung genug?

Ob der Vater mit dieser Reaktion gerechnet hat, erzählt Jesus nicht. Aber der Vater weist die Vorwürfe nicht brüsk zurück, sondern geht liebevoll auf den ein, der geblieben ist. Er sagt sinngemäß: „Aber du bist doch immer bei mir! Du hast Tag und Nacht an meinen Gütern Anteil und es fehlt dir hier an nichts. Er sagt sogar: „Was mein ist, ist dein“. 

Ist das nicht Anerkennung genug?

Vielleicht hätte der ältere Sohn es wagen sollen sich zu fragen: Was hat mir denn gefehlt? Glaubt er wirklich, der Vater würde ihm mehr lieben, wenn der jüngere Sohn für immer weg gewesen wäre? 

Was sagt uns das Gleichnis über Gott?

Ich bin mir sicher: Hätte er darüber nachgedacht, hätte seine Einstellung sich geändert. Vielleicht hätte er auch ein neues liebevolles Verhältnis zu Vater und Bruder gewinnen können.

Jesus lässt am Ende des Gleichnisses offen, ob der Bruder nun doch noch mitfeiert oder nicht. Gern hätte ich es erfahren. 

Jesus hat aber nicht nur eine Geschichte von zwei Brüdern und ihrem Vater erzählt. Jesus erzählt von der ungewöhnlichen Liebe des Vaters damit seine Zuhörenden eine Vorstellung von Gott bekommen. In der Umarmung des Vaters spiegelt sich Gottes Liebe wieder: Eine Liebe, die uns hoffen lässt: Auch nach Wegen, die sich als falsch erwiesen, kann ich umkehren. Ich muss nur wagen, zu meinen Fehlern zu stehen – vor mir, vor anderen, vor Gott. 

„Nur wer wagt, gewinnt!“ Das gilt für unser Miteinander und für unser Verhältnis zu Gott!

Musik: Final. Polska